Merry X-mas und frohe Y-nachten 2020

weihnukka-kippa

Wir Juden haben heute Abend unsere fünfte Chanukkah-Kerze gezündet. Das Wissen um das Judentum in Deutschland steht im krassen Kontrast zum Interesse der Menschen daran! Das hat Marina Weisband und mich dazu gebracht, eine Reihe von Videos unter dem Namen #FragEinenJuden herauszubringen. Und in diesem Geiste haben Jenny und ich mit tatkräftiger Unterstützung der Kinder ein Video zu Channukah aufgenommen:

Dieses Jahr sind wir dank des hebräischen Kalenders schon lange fertig mit Chanukkah, wenn die Christen ihr Weihnachten feiern. Ich wünsche schon jetzt allen, die es feiern, von ganzem Herzen: Frohe Weihnachten!

Diese Wünsche sind in in diesem Jahr überschattet von dem Lockdown, der coronabedingt das Weihnachtenfeiern in Deutschland stark einschränkt. Ich selbst vermisse Weihnachten nicht, kann mir aber gut vorstellen, dass es vielen Menschen nah geht, ihren Liebsten nicht nah sein zu können.

Mein Freund Matthias antwortete mal auf die Frage, wie er und seine Familie denn Weihnachten feiern werden: Wir essen viel, streiten uns und schenken uns Dinge, von denen wir in spätestens zwei Wochen wissen, dass wir sie nie gebraucht haben. Also, so oder so ähnlich hat er es gesagt.

Und so ähnlich habe ich auch Weihnachten in meiner Kindheit in Erinnerung. Streit und Essen gab es quasi immer. Geschenke auch, um die es dann auch oft noch mehr Streit gab. Der Baum war hübsch, das Essen gut, immerhin.

Der Name des Festes ist interessant. Hier eine Tabelle in verschiedenen Sprachen:

Sprache Wort Bedeutung
Englisch
Christmas
Christus (Messias) Fest
Französisch Noël Geburtsfest
Spanisch Navidad Geburtsfest
Hebräisch (Chag HaMoled) חג המולד Geburtsfest
Italienisch Natale Geburtsfest
Dänisch Jul Germanischer Kalendermonat Dezember
Holländisch Kerstmis Christus (Messias) Fest
Deutsch Weihnachten Chanukkah

Die meisten Sprachen nennen das Weihnachtsfest nach dem, was der Überlieferung nach passiert ist: Der Messias (Christ) wurde geboren. Schließlich feiert man seinen Geburtstag (und acht Tage später, nach guter jüdischer Tradition, seine Beschneidung am 1. Januar). Die Dänen stechen heraus, da sie den Festnamen am Kalender fest machen. Und die Deutschen? Die nennen ihr Lichterfest im Winter einfach Chanukkah!

Das hebräische Wort Chanukkah bedeutet Weihe. Es geht dabei um die Wiedereinweihung des Tempels in Jerusalem nach der Entweihung durch die Griechen. Zur Weihung braucht man Olivenöl für den Leuchter und davon war nur noch so wenig da, dass es nur einen Tag gereicht hätte. Aber wie durch ein Wunder, hielt das Öl ganze acht Tage. So lange hat es gedauert, neues Öl zu besorgen.

Das ist in etwa so, wie wenn ihr morgens auf dem Smartphone noch 10% Batterie habt, aber es dennoch den ganzen Tag durchhält.

Warum ich das erzähle? Damit deutlich wird, dass nicht nur der Name fast gleich ist, auch die Bräuche von Weihnachten in Deutschland und Channukkah ähneln sich stark:

  • Datum: Beides wird am 25. des Monats gefeiert, der im jeweiligen Kalender üblicherweise in die Wintersonnenwende fällt. Also 25. Dezember oder 25. Kislev.
  • Abends: In den meisten Ländern wird am 25. tagsüber beschert. In Deutschland aber am 24. Abends. Jüdische Tage und damit auch Feiertage wie Chanukkah beginnen abends.
  • Kerzen 1: Die Chanukkah-Kerzen müssen ins Fenster gestellt werden, da ihr Zweck die öffentliche Verkündung des Chanukkah-Wunders ist. In Deutschen Haushalten werden zu Weihnachten die Fenster traditionell mit Kerzenständern und anderen Lichtern geschmückt.
  • Kerzen 2: Jeden Tag während des acht Tage andauernden Chanukkahfestes zündet man eine zusätzliche Kerze. Im Advent zündet man jeden Adventssonntag eine weitere Kerze.
  • Adventskalender: Auch hier werden die Tage gezählt, genau wie bei den acht Chanukkah-Kerzen.
  • Geschenke: Auch an Chanukkah bekommen die Kinder Geschenke oder einfach Chanukkah Gelt (mit t, weil es jiddisch ist) und man isst Karotten in Scheiben, die an Geldstücke erinnern sollen.
  • Familie: An Chanukkah feiert man mit der ganzen Familie. Jeder bekommt seinen eigenen Leuchter. Weihnachten ist ein Familienfest.
  • Glühwein: Zugegeben, eher eine zufällige Parallele. Juden trinken eigentlich zu jedem Anlass Wein.
  • Weihnachtsmann: Also, wenn Du mich fragst, sieht der aus wie ein Rabbi, dessen Klamotten rot gefärbt sind. Und daran ist ja nur Coca Cola (koscher) schuld (ich weiß, stimmt nicht). Und Bommelmützen tragen die Anhänger von Rabbi Nachman auch.
  • Messias: Das ist vielleicht ein wenig weit hergeholt. Aber hey, warum nicht, es geht schließlich um Religion, da ist argumentativ meist kein Weg zu weit. Chanukkah feiert das Olivenölwunder und das hebräische Wort Moschiach (Messias) bedeutet: Der Gesalbte. Die Salbung erfolgt mit Olivenöl.
  • Essen: Immer im Januar sind Frauen- und Männerzeitungen voll mit Diättipps. Im Rest des Jahres zwar auch, aber im Januar geht es im Besonderen darum, den sog. Weihnachtsspeck wieder los zu werden. An Chanukkah essen wir lauter in Öl gebratene oder gebackene Dinge: Kartoffelpuffer, Berliner (Pfannkuchen, Kreppel, etc.), gebratene Karottenscheiben (s.o.) und vieles mehr. Das Öl setzt sich dann im Körper gerne als Hüftgold ab.
  • Ch: Christkind und Channukkah fangen beide mit „Ch“ an. Das ist wohl eher zufällig und es ist deshalb eine Erwähnung wert, weil viel zu viele Menschen unser Fest falsch aussprechen. Das Ch klingt wie das in „Bach“. Und wenn ihr das nicht endlich lernt, sage ich ab heute „Schristkind“

Wie eng und vor allem, wie viel enger als andere Völker die Deutschen und die Juden bis zum Anfang des letzten Jahrhunderts zusammengelebt haben, erahnt man, wenn man sich diese Parallelen ansieht. Nicht umsonst ist das alte hebräische Wort für Deutschland „Medinat Aschkenas“. Aschkenasen sind die nord- und osteuropäischen Juden.

Ich wünsche allen, die dieses Fest feiern, dass es besinnliche Tage werden, mit schönem Baum, sinnvollen Geschenken, wenig Streit und gutem Essen!

P.S.: Zugegeben, dieser Text erschien fast wortgleich bereits letztes, vorletztes, vorvorletztes, vorvorvorletztes und vorvorvorvorletztes Jahr, aber warum ihn so weit unten im Blog versauern lassen, wenn er doch heuer wieder so gut passt!

P.P.S.: Noch mehr Weihnachtsfunfacts gibt es auf Twitter!

10 Jahre Aliyah

Heute vor 10 Jahren habe ich Aliyah gemacht.

Es war in erster Linie keine rationale Entscheidung, sondern eine emotionale. Es war eine Art Märchengeschichte, die ich mir hätte nie träumen lassen können.

Mein Mann und ich waren eine Weile befreundet, als er Anfang 2010 kurz nachdem wir uns verliebt haben, Aliyah gemacht hat.

Der Abschied damals war mit Tränen und gebrochenen Herzen, zurückblickend eine hollywoodreife Geschichte.

Zwei Monate später, nach täglichen Telefonaten, saßen wir Abends im März am Strand in Tel Aviv und er machte mir einen Antrag.

Ich wusste, dass es nicht nur ein persönlicher Neuanfang sein würde, sondern für mich auch ein Neuanfang in einem neuen Land. Ich liebte Israel und sah es neben Deutschland auch als Heimat, dennoch war es etwas neues für mich, hier zu leben.

Im August heirateten wir dann in Deutschland und zogen in eine gemeinsame Wohnung in Jerusalem.

Als mein Aliyah Visum fertig war, flogen wir nach Deutschland, um es abzuholen.

Mit 5 Koffern landeten wir dann am 1.11.2010 in Israel, unserer neuen Heimat. Ich wurde noch vor der Passkontrolle von einer Frau mit einem Schild abgeholt und in einen Raum vom Innenministerium gebracht.

Dort bekam ich von einer müden Beamtin meinen Ausweis in die Hand gedrückt, sie sagte „Mazal Tov and welcome home“, ich macht ein Foto mit meinem Ausweis und wir fuhren nach Jerusalem. Vier Jahre war Jerusalem unser Zuhause, dort sind unsere Jungs auf die Welt gekommen. Danach hat es uns in die Nähe von Tel Aviv verschlagen.

Jetzt schlagen in meiner Brust zwei Herzen, eines für Deutschland und eines für Israel. Israel ist ein verrücktes Land aber ich bin unheimlich glücklich, dass es für meinen Mann, mich und unsere drei Kinder ein Zuhause ist, wo wir uns wohl fühlen.

Yom Kippur 2020 – Versöhnung und Twitter

Typisch jüdisch – der höchste Feiertag im Judentum ist nicht etwa der fröhlichste Feiertag, sondern der ernste.

An Yom Kippur wird unser Schicksal für das kommende Jahr besiegelt. An Rosh Hashana (Neujahr, 9 Tage vor Yom Kippur) stehen wir vor Gott vor Gericht und bitten um Verzeihung, für die schlechten Sachen, die wir ihm gegenüber verbrochen haben.

In den 9 Tagen bis Yom Kippur haben wir Zeit, bei den Menschen um Verzeihung zu bitten. Es geht darum, sich bei möglichst allen aus seinem Umfeld zu entschuldigen. Es könnte komisch rüberkommen, wenn man Familie und Freunde durchtelefoniert und den Standart-Satz: „Es tut mir Leid, wenn ich dir im letzten Jahr was böses gemacht habe“ spricht, doch jedes Jahr kommt es vor, dass dann Jemand sagt: „Danke, du hast mich tatsächlich mit dem und dem verletzt.“ Das sorgt dann für eine echt Versöhnung.

Doch Yom Kippur ist mehr als der wichtigste Tag im jüdischen Kalender. Nicht nur für Israel hat er eine enorm wichtige Bedeutung (Yom Kippur Krieg), sondern seit dem letzten Jahr auch für Deutschland (Halle Attentat). Letztes Jahr haben wir gesehen, wie real der Antisemitismus in Deutschland ist.

In den letzten Wochen habe ich mich extrem viel über die aktuelle Antisemitismus Debatte im Zusammenhang mit Satire auf Twitter geäußert. Es schmerzt mich zutiefst, dass Kunst mit Diskriminierung vermischt wird. Nein, Satire darf nicht alles. Auch Demokratie darf nicht alles aushalten, Nazis und sonstige Rechtsextremisten darf man nicht aushalten.

Yom Kippur ist der Tag der Versöhnung, wir alle machen Fehler und müssen uns für die Fehler entschuldigen.

Ich entschuldige mich vom Herzen, falls ich Jemanden verletzt habe.

Gmar Chatima Tova!

Photo: Michal Sela

Gedenken in Lollar an den Fremden Juden

In Lollar, einem beschaulichen Städtchen nördlich von Giessen, stand mal eine Synagoge. Bis sie zerstört wurde. Jetzt, 80 Jahre später, will man an ihrer Stelle eine Gedenktafel aufstellen. Lokalpolitik hat schon häufig Stilblüten getrieben und ich will mich auch gar nicht über Parteien und was sie dort tun aufregen. Es geht um die Sache.

Um die geht es auch den Lokalpolitikern vor Ort. Einer von der CDU, Herr Markus Wojahn, hat mich auf Twitter angesprochen und mich nach meiner Meinung zu den Vorschlägen für die Inschrift gefragt. Diese drei Sprüche wurden diskutiert:

  1. Hier Stand in der Zeit von 1848 bis November 1938 die Lollarer Synagoge.

    Zur Mahnung und Ermutigung der heutigen und zukünftigen Generationen, zur Bekämpfung von Rassismus und Fremdenhass.
  2. Im Hinterhof der Gießener Straße 23 stand ab 1848 die Lollalrer Synagoge, die während des Progroms (sic!) im November 1938 von den Nationalsozialisten zerstört wurde.

    Zur Mahnung und Ermutigung der heutigen und zukünftigen Generationen, zur Bekämpfung von Rassismus und Fremdenhass.
  3. Im November 1938 wurde hier die in 1848 errichtete Synagoge der jüdischen Gemeinde Lollar durch den nationalsozialistischen Terror zerstört.
    Wir gedenken aller Opfer von Antisemitismus, Rassismus und politischer Verfolgung.
    Es ist und bleibt unsere Verpflichtung:
    Nie wieder sollen Menschen wegen ihrer Religion, Nationalität, Hautfarbe und politischer Gesinnung verfolgt werden oder gar ihr Leben lassen müssen.

Ich muss, denke ich, nicht betonen, dass ich alle drei Vorschläge indiskutabel fand. Sie machen Juden zu Fremden und missbrauchen das Gedenken an den eliminatorischen Antisemitismus für Allgemeinplätze gegen Ismen jeglicher Art.

Wir telefonierten, waren der Meinung, dass das so nicht sein kann und er kam mit meinen Argumenten im gestärkten Rücken zurück in die Verhandlung um die Gedenktafel. Die Zeitung „Giessener Allgemeine“ berichtete darüber und nannte dabei auch meinen Namen.

Auch Volker Beck mischte sich auf meine Bitte hin ein und schrieb seinen Parteikollegen vor Ort eine Nachricht. Der Grünen-Lokalpolitiker Wolfgang Haußmann recherchierte daraufhin meine Email-Adresse und schrieb mir:

[…] Wir Grünen Lollar haben unmittelbar nach dem Attentat in Halle die dringende Notwendigkeit gesehen, die Gefahr eines wieder erstarkenden Antisemitismus in Deutschland u.a. durch das Aufstellen einer Gedenktafel am Ort der ehemaligen Synagoge deutlich zu machen. […]
Wenn Sie sich nun den Formulierungsvorschlag Nr. 3 ansehen, werden Sie erkennen, dass dort von Antisemitismus geredet wird, UND von anderen Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, die sich im Nationsozialismus verwoben. Dabei soll auf keinen Fall die unermessliche Grausamkeit und Ausmaß der Shoa verkleinert werden. […]

Hier ist meine Antwort:
Ich finde es natürlich richtig, eine Tafel aufzustellen. Das Ausmass der Zerstörung jüdischen Lebens in Deutschland muss sichtbar gemacht werden. Das Projekt „Stolpersteine“, von denen mWn. auch in Lollar welche verlegt wurden, erreicht dieses Ziel sehr gut. Auch hier gibt es Kritikpunkte, aber die Mahnung vor der Vergangenheit wird hier nicht durch plumpe Aufrufe produziert, sondern durch Wiedergabe von Fakten. Wer durch diese Fakten nicht von selbst auf die Idee kommt, dass ein unglaubliches Verbrechen in Deutschland passiert ist und wer erst durch schlaue Sprüche daran erinnert werden muss, dass man Menschen nicht aufgrund von egal welchen Merkmalen in KZs sperrt und vergast, der wird es auch mit erhobenem Zeigefinger nicht verstehen. Daher empfehle ich, anders als im dritten Vorschlag, die Fakten zur Synagoge so detalliert wie möglich darzustellen. Wann erbaut, von wie vielen Juden regelmässig zum Gebet genutzt, wer war der oder die letzte Gemeindevorsteher*in, was ist mit ihm oder ihr und dem Rest der Gemeinde passiert, wann wurde das Gebäude zerstört und von wem („Lollener Nationalsozialisten“ wäre wahrscheinlich die ehrlichste Beschreibung) und dann noch, was auch immer der Historiker, mit dem Sie zusammenarbeiten, noch alles herausfinden kann. Die schonungslose Offenlegung aller Fakten ist wirkmächtiger als alle zur Mahnung rufenden Sprüche.

Herr Haußmann war nicht so ganz meiner Meinung, wie eine weitere Email von ihm bewies. Und das ist sein gutes Recht. Ich finde aber dennoch, dass er sich irrt und das auf dem Rücken der Juden. Auch auf meinem Rücken, denn auch wenn ich ein Konvertit bin, so bin ich auch ganz ohne Rabbinatsbrief ein direkter Nachkomme von Shoah-Opfern.

In Lollar wird noch diskutiert und lokalpolitisiert. Ich wünsche den Menschen dort, dass sie eine Lösung finden, die Juden weder missbraucht noch zu Fremden im Land macht. Die Diskussion läuft und braucht diesen meinen Blogpost hoffentlich nicht mehr.

Aber es gibt noch viele Ruinen von Synagogen in Deutschland, die bis heute brach liegen oder anonym überbaut wurden und mindestens eine Gedenktafel verdienen. Und dort sollen sie die Fehler aus Lollar bitte nicht wiederholen.

Tag der Befreiung

8mai
Die Vier Mütter der Befreiung

Heute ist der 8. Mai. Dieser Tag ist ein besonderer Tag im Kalender, denn im Jahre 1945 hat die Deutsche Wehrmacht an diesem Tag kapituliert. Das große Grauen des Krieges war vorbei und das Morden der Deutschen hatte ein Ende. Es war nicht gleich alles wieder gut, aber es war das Ende des Schreckens.

Ich habe heute Geburtstag. Daher hatte ich selbst als noch völlig unpolitisches Kind keine Chance, diesen Tag zu ignorieren. Mein Vater hat seiner Mutter 1975 per Telegramm meine Geburt mit den Worten angezeigt: „Heute hat sich Felix selbst befreit.“

Zugegeben, meine Mutter war es, die mich auf die Welt brachte und ich habe es einfach überlebt. Aber das Wortspiel war so schön. Und Verdrehung von Zusammenhängen war im Osten ja auch Staatsdoktrin: Dort wurde der 8. Mai als „Tag der Befreiung“ gefeiert. Natürlich dankte man in erster Linie Mütterchen Russland für diese Befreiung als eine der vier Mütter dieser schweren Geburt, aber man sah sich selbst eben als das unschuldige Baby, neu geboren durch Blut, das von der bösen Macht der Nazis befreit wurde. Als ob es eine externe Naziarmee war, die Deutschland im Würgegriff hatte und mit Gewalt entfernt werden musste.

In der letzten freien Wahl vor der Machtübernahme der Nazis erreichte die NSDAP um Adolf Hitler 43,9% der Stimmen. Die Nazis, das waren die Deutschen und niemand anderes. Jaja, ich weiss, nicht alle Deutschen, aber eben doch sehr sehr viele. Und die Zahl der Menschen im aktiven Widerstand war im niedrigen einstelligen Prozentbereich, wie Forschungen ergeben haben. Auch wenn das dem Selbstbild vieler Deutschen widerspricht.

Es ist das Deutsche Dilemma, dass Deutschland kaum etwas Gutes aus eigener Kraft geschafft hat. Demokratie, „Wirtschaftswunder“, Wiedervereinigung, all das wurde von aussen gefördert oder gefordert. Nationalfeiertage wie der „Independence Day“ in den USA oder der „Yom Haatzmaut“ in Israel verbieten sich da fast von selbst. Man feiert stattdessen den „Tag der Deutschen Einheit“, aber nicht am 9. November, an dem die Mauer fiel, sondern am 3. Oktober. Die „Reichskristallnacht“ überschattet selbst solch ein Ereignis.

Es gibt Bestrebungen, den 8. Mai als offiziellen Feiertag in Deutschland zu installieren. Eine Petition von der Holocaustüberlebenden Esther Bejarano fordert genau das. Das finde ich gut! Für mich persönlich wäre es zwar etwas spät, denn ich wohne nicht mehr in Deutschland und kann den Feiertag, der grundsätzlich auf meinen Geburtstag fällt, nicht mehr geniessen, aber für Deutschland ist er richtig und wichtig.

Mein Problem ist nur, wie verhindert man, dass er wie in der DDR gefeiert wird? Wie kann man schon mit dem Namen des Tages ausschliessen, dass man sich als unschuldiges Baby begreift, das von externen Nazis befreit wurde? Hier sind ein paar Vorschläge (nicht alle ganz ernst gemeint) und meine Gedanken dazu.

Tag der Befreiung

Der Name ist verbrannt. Ein Regime hat ihn genutzt. Und er drängt gerade dazu, sich als Deutscher in der Opferrolle wiederzufinden: Das Opfer, das befreit wurde. Man kann sogar sagen: unfreiwillig befreit. Also nein, dieser Name kann es nicht sein.

Tag der Niederlage

So würde der Hundekrawattennazi ihn wohl nennen. Inhaltlich korrekt, die Deutschen haben den Krieg verloren, aber er klingt nach Trauertag und nicht nach einem Feiertag. Und das sollte er sein.

Tag der Kapitulation

Schon besser. Aber eben nicht viel besser.

Tag der verdienten Niederlage

Das gefällt mir. Die Deutsche Niederlage war mehr als verdient, sie war humanitär zwingend notwendig. Daher ist „verdient“ schon fast ein Euphemismus. Und das ist auch ein Argument gegen den Namen. Denn „verdient“ könnte auch heissen, dass die Wehrmacht einfach nicht gut genug gekämpft hat.

Tag des blutigen Neuanfangs

Das ist bisher mein Lieblingsvorschlag in dieser Liste. Es war blutig, es war ein Neuanfang. Der Name erlaubt keine der oben genannten Assoziationen. Aber er macht die Opfer gleich. Die gefallenen Wehrmachtssoldaten und die toten SS-Mörder wie die Zivilisten, die in Deutschland in Städtebombardierungen gestorben sind auf der einen Seite und die Opfer der Befreierarmeen, der Widerstandskämpfer und vor allem die ganzen Opfer des Holocaust auf der anderen. Alle sind nur noch Kollateralschäden der Chance, von Vorne zu beginnen.

Kriegsende/WK2-Ende

Nein, zu neutral. Viel zu neutral. Dieser Tag braucht Emotion.

Tag der Besinnung

Diesen Namen hat die Rechtsaussen-Gazette „Junge Freiheit“ vorgeschlagen. Das allein würde ihn schon disqualifizieren. Aber gegen diesen Namen spricht noch mehr. Es ist nichts besinnliches an einer Kapitulation. Es ist der Tag, an dem sich alle ihre Wunden lecken und sich daran machen, alles wieder aufzubauen. Es ist ein Tag der Hoffnung, ein Tag, an dem der Schmerz nachlässt.

Tag des Sieges in Europa – VE-Day

So nennen diesen Tag die Sieger im Westen Europas. In Frankreich etwa ist das ein staatlicher Feiertag. Ich lebte zwischen meinem 11. und 21. Lebensjahr dort und die Häuser waren jedes Jahr mit Französischen Tricolores geschmückt. Nur am Rathaus hing ausserdem noch eine US-Flagge, denn es waren die Amerikaner, die Frankreich von der Deutschen Besatzung befreit haben. Die Französische Armee war besiegt. Deswegen sollten die Franzosen den Feiertag „Tag der Befreiung“ nennen, nicht die Deutschen.

Aber wie soll der Tag nun heißen? Ich habe keine Idee. Vielleicht sollte Deutschland einfach gar nicht feiern und sich 365 Tage im Jahr einfach nur schämen. Das wäre zwar gerecht, aber umsetzbar ist das auch nicht.

Foto von @bertapetra license: Creative Commons CC BY_NC-SA 4.0

Spionage App/Lösung aus Israel gegen Corona

Mindestens acht Cyber Firmen pitchen zurzeit den israelischen Sicherheitsbehörden ihre Lösungen für eine App, die eine Nachverfolgung von Covid-19 Infizierten ermöglichen soll.

Moment, gab es nicht bereits eine komplette Überwachung der Daten durch das Shin Bet, dem israelischen Inlandsgeheimdienst am Anfang der Corona-Krise?

Ja. Das Shin Bet kann und konnte auch früher auf die Daten der Mobilfunkanbieter zugreifen, ähnlich wie die deutschen Sicherheitsbehörden das bei den Mobilfunkanbietern in Deutschland können. Der mutmaßliche Unterschied dabei ist, dass die Daten in Israel nicht anonymisiert sind. Außerdem weisen diese Standortdaten eine Genauigkeit von 200-300 Meter auf, weil die Mobilfunkanbieter nur sehen, in welche Funkmasten sich das Telefon eingeloggt hat. Bei der Jagt auf Terrorverdächtige reicht diese Information meistens aus, doch bei Corona Infizierungen muss der Abstand zwischen den Menschen weniger als zwei Meter betragen. So genau ist nicht mal GPS.

Das muss man daher anders lösen. Die Cyber Firma Cellebrite zum Beispiel verkauft bereits an das Shin Bet und auch an diverse ausländische Sicherheitsbehörden eine Hacking Software und Hardware Lösung, die sich in das Handy eines Verdächtigen reinhackt und dann Zugang zu allen Standortdaten auf dem Handy hat, GPS, Schrittzähler, WiFi Lokalisation und mehr.

Diese bereits vorhandene Technologie will Cellebrite und die anderen Cyber Firmen in eine Corona App einbauen, die man freiwillig oder gezwungernermaßen installieren muss.

Länder aus Lateinamerika, Europa und Asien haben diese Hacking Lösungen von israelischen Cyber Firmen für den Kampf gegen Corona bereits gekauft.

Das ist ein großer Unterschied zwischen Deutschalnd und Israel. Die Lösung in Deutschland, an der ja zurzeit gearbeitet wird, wird diese Handy Daten anonymisieren, währen die App in Israel alle Daten vom Handy an das Gesundheitsministerium (und wahrscheinlich auch an das Shin Bet) unanonymisiert senden wird.

Auch wenn in Israel die Disskussion um Datenschutz nicht wirklich vorhanden ist, geht diese Lösung vielen doch zu weit und wird scharf kritisiert.

Hamburg meine Perle

Wenn Israelis erfahren, dass wir aus Deutschland ausgewandert sind, fragen sie meistens: „Aus Deutschland? Warum seid ihr aus Deutschland weg gegangen?“ Wenn Deutsche erfahren, dass wir aus Deutschland nach Israel ausgewandert sind, fragen sie oft: „Vermisst du Deutschland?“

Meine Antwort ist dann: „Deutschland nicht wirklich, aber Hamburg vermisse ich.“

Ja, ich bin mit Leib und Seele Hamburgerin. Ich war 11 als wir mit kleiner Zwischenstation aus der Ukraine nach Hamburg ausgewandert sind. So Vieles verbinde ich mit dieser Stadt, aber vor allem finde ich, dass es die schönste Stadt ist.

Dieses Foto ist von vor 2 Wochen, als ich auf meiner Tour durch Deutschland in Hamburg war. Von dieser Stelle, wo das Foto gemacht wurde, stieg ich ins Auto und fuhr weiter nach Bielefeld zum dritten Vortrag. Als ich über die Elbbrücke fuhr und Hamburg Richtung Autobahn verließ, kamen mir fast die Tränen.

Dein Mann ist eben keine Mutter

Darf eine Frau, die auch noch Mutter ist, eigentlich auf Geschäftsreise gehen? Die meisten werden wahrscheinlich sagen: „Na klar.“ Darf aber diese Frau und Mutter ihren Mann und den Vater der Kinder mit den Kindern allein lassen? Da sehen die meisten Antworten leider anders aus. Heute bin ich auf meine vermutlich längste Geschäftsreise aufgebrochen. Ich bin die ganze Arbeitswoche weg und komme kurz vor Schabbat wieder zurück.

Was meint ihr wieviele Male ich in den letzten Tagen gefragt wurde: „Was? Dein Mann bleibt alleine mit den drei Kindern zu Hause? Wie wird er es schaffen?“ Meine Antwort war dann: „Wenn er auf Geschäftsreise ist, bin ich doch auch mit den Kindern alleine.“ Dann kommt immer dieselbe Reaktion nämlich, dass das doch nicht dasselbe sei. Ich frage dann provokativ: „Warum?“ Die Antwort lautet dann meistens: „Naja, er ist ja keine Mutter.“

Mit manchen diskutiere ich dann weiter, bei manchen lasse ich es bleiben.

Unsere Kinder sind jetzt 7,4 und 1. Doch ich erinnere mich, dass es auch schon so war, als wir nur ein Kind hatten oder zwei. Also ist es nicht unbedingt die Anzahl der Kinder, um die sich ich oder mein Mann in dem Fall alleine kümmern, die die Menschen wundert, sondern wer sich um die Kinder kümmert.

Viele Diskussionen rund um Women Empowerment drehen sich gerade darum, ob man die ganzen Initiativen braucht, um Frauen zu unterstützen oder ob die Frauen es ganz alleine schaffen sollen.

Meiner Meinung nach ist es notwendiger denn je. Es gibt immer mehr Frauen, die Karriere machen und erfolgreich sind, aber die Probleme und mangelnde Unterstützung seitens der Gesellschaft sind gravierend. Viele Frauen trauen sich nicht, diese Gleichberechtigung von der Gesellschaft einzufordern.

Von meinem Mann habe ich diese Gleichberechtigung von Anfang an eingefordert, was jetzt in meinem Fall einfach war. Auf Diskussionen über die Gleichberechtigung lasse ich mich auch ohne Probleme ein. Aber wie oft habe ich von Freundinnen, Bekannten oder Frauen, die ich auf Veranstaltungen oder online kennen lerne, gehört: „Ich bewundere dich so sehr für deinen Feminismus. Ich schaffe es nicht, meine Gleichberechtigung einzufordern“. Das macht mich traurig. Ich versuche, diesen Frauen Mut zu machen. Und ich versuche ein gutes Beispiel zu sein, dass man Mutter von drei kleinen Kindern sein kann und eine Geschäftsfrau.

Ich wette, mein Mann wurde noch nie vor einer Geschäftsreise gefragt: „Was? Deine Frau bleibt alleine mit den drei Kindern zu Hause? Wie wird sie es schaffen?“

Merry X-mas und frohe Y-nachten 2019

weihnukka-kippa

Wir Juden zünden heute Abend unsere erste Chanukkah-Kerze. Und während wir schon mitten drin sind im Channukkah-Fest und die dritte Kerze auf dem Leuchter brennt, feiern die Christen Weihnachten.

Ich wünsche daher schon jetzt allen, die es feiern, von ganzem Herzen: Frohe Weihnachten!

Diese Wünsche sind in vielen Fällen bitter nötig. Vor allem die Christlichen Gemeinden im Nahen Osten sind so sehr bedroht wie schon lange nicht mehr. Aber auch im ganz privaten Umfeld ist das Fest der Liebe oft auch ein Fest der Hiebe. Ich selbst bin wahrscheinlich ausschließlich deshalb Jude geworden, damit mir dieses Fest erspart bleibt.

Mein Freund Matthias antwortete mal auf die Frage, wie er und seine Familie denn Weihnachten feiern werden: Wir essen viel, streiten uns und schenken uns Dinge, von denen wir in spätestens zwei Wochen wissen, dass wir sie nie gebraucht haben. Also, so oder so ähnlich hat er es gesagt.

Und so ähnlich habe ich auch Weihnachten in meiner Kindheit in Erinnerung. Streit und Essen gab es quasi immer. Geschenke auch, um die es dann auch oft noch mehr Streit gab. Der Baum war hübsch, das Essen gut, immerhin.

Der Name des Festes ist interessant. Hier eine Tabelle in verschiedenen Sprachen:

Sprache Wort Bedeutung
Englisch
Christmas
Christus (Messias) Fest
Französisch Noël Geburtsfest
Spanisch Navidad Geburtsfest
Hebräisch (Chag HaMoled) חג המולד Geburtsfest
Italienisch Natale Geburtsfest
Dänisch Jul Germanischer Kalendermonat Dezember
Holländisch Kerstmis Christus (Messias) Fest
Deutsch Weihnachten Chanukkah

Die meisten Sprachen nennen das Weihnachtsfest nach dem, was der Überlieferung nach passiert ist: Der Messias (Christ) wurde geboren. Schließlich feiert man seinen Geburtstag (und acht Tage später, nach guter jüdischer Tradition, seine Beschneidung am 1. Januar). Die Dänen stechen heraus, da sie den Festnamen am Kalender fest machen. Und die Deutschen? Die nennen ihr Lichterfest im Winter einfach Chanukkah!

Das hebräische Wort Chanukkah bedeutet Weihe. Es geht dabei um die Wiedereinweihung des Tempels in Jerusalem nach der Entweihung durch die Griechen. Zur Weihung braucht man Olivenöl für den Leuchter und davon war nur noch so wenig da, dass es nur einen Tag gereicht hätte. Aber wie durch ein Wunder, hielt das Öl ganze acht Tage. So lange hat es gedauert, neues Öl zu besorgen.

Das ist in etwa so, wie wenn ihr morgens auf dem Smartphone noch 10% Batterie habt, aber es dennoch den ganzen Tag durchhält.

Warum ich das erzähle? Damit deutlich wird, dass nicht nur der Name fast gleich ist, auch die Bräuche von Weihnachten in Deutschland und Channukkah ähneln sich stark:

  • Datum: Beides wird am 25. des Monats gefeiert, der im jeweiligen Kalender üblicherweise in die Wintersonnenwende fällt. Also 25. Dezember oder 25. Kislev.
  • Abends: In den meisten Ländern wird am 25. tagsüber beschert. In Deutschland aber am 24. Abends. Jüdische Tage und damit auch Feiertage wie Chanukkah beginnen abends.
  • Kerzen 1: Die Chanukkah-Kerzen müssen ins Fenster gestellt werden, da ihr Zweck die öffentliche Verkündung des Chanukkah-Wunders ist. In Deutschen Haushalten werden zu Weihnachten die Fenster traditionell mit Kerzenständern und anderen Lichtern geschmückt.
  • Kerzen 2: Jeden Tag während des acht Tage andauernden Chanukkahfestes zündet man eine zusätzliche Kerze. Im Advent zündet man jeden Adventssonntag eine weitere Kerze.
  • Adventskalender: Auch hier werden die Tage gezählt, genau wie bei den acht Chanukkah-Kerzen.
  • Geschenke: Auch an Chanukkah bekommen die Kinder Geschenke oder einfach Chanukkah Gelt (mit t, weil es jiddisch ist) und man isst Karotten in Scheiben, die an Geldstücke erinnern sollen.
  • Familie: An Chanukkah feiert man mit der ganzen Familie. Jeder bekommt seinen eigenen Leuchter. Weihnachten ist ein Familienfest.
  • Glühwein: Zugegeben, eher eine zufällige Parallele. Juden trinken eigentlich zu jedem Anlass Wein.
  • Weihnachtsmann: Also, wenn Du mich fragst, sieht der aus wie ein Rabbi, dessen Klamotten rot gefärbt sind. Und daran ist ja nur Coca Cola (koscher) schuld (ich weiß, stimmt nicht). Und Bommelmützen tragen die Anhänger von Rabbi Nachman auch.
  • Messias: Das ist vielleicht ein wenig weit hergeholt. Aber hey, warum nicht, es geht schließlich um Religion, da ist argumentativ meist kein Weg zu weit. Chanukkah feiert das Olivenölwunder und das hebräische Wort Moschiach (Messias) bedeutet: Der Gesalbte. Die Salbung erfolgt mit Olivenöl.
  • Essen: Immer im Januar sind Frauen- und Männerzeitungen voll mit Diättipps. Im Rest des Jahres zwar auch, aber im Januar geht es im Besonderen darum, den sog. Weihnachtsspeck wieder los zu werden. An Chanukkah essen wir lauter in Öl gebratene oder gebackene Dinge: Kartoffelpuffer, Berliner (Pfannkuchen, Kreppel, etc.), gebratene Karottenscheiben (s.o.) und vieles mehr. Das Öl setzt sich dann im Körper gerne als Hüftgold ab.

Wie eng und vor allem, wie viel enger als andere Völker die Deutschen und die Juden bis zum Anfang des letzten Jahrhunderts zusammengelebt haben, erahnt man, wenn man sich diese Parallelen ansieht. Nicht umsonst ist das alte hebräische Wort für Deutschland „Medinat Aschkenas“. Aschkenasen sind die nord- und osteuropäischen Juden.

Ich wünsche allen, die dieses Fest feiern, dass es besinnliche Tage werden, mit schönem Baum, sinnvollen Geschenken, wenig Streit und gutem Essen!

P.S.: Zugegeben, dieser Text erschien fast wortgleich bereits letztes, vorletztes, vorvorletztes und vorvorvorletztes Jahr, aber warum ihn so weit unten im Blog versauern lassen, wenn er doch heuer wieder so gut passt!

P.P.S.: Noch mehr Weihnachtsfunfacts gibt es auf Twitter!

Nazilieder auf Klassenfahrt

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Buchenwald – License: CC 2.0

Gut 200 km Straße trennt die Stadt Grünwald von der Holocaust Gedenkstätte KZ Buchenwald. Am 15. Oktober dieses Jahres legten Neuntklässler diesen Weg zurück mit ihrer Schule auf einer Klassenfahrt in die Deutsche Vergangenheit.

Kinder in Deutschland kennen Krieg und Vernichtung nur aus den Nachrichten ferner Länder, dem Geschichtsunterricht und aus Videospielen. Sie sind glücklicherweise in einem scheinbar ewig währenden Frieden aufgewachsen und all das Leid ist weit weit weg. Auf jeden Fall weiter als 200 km.

Ich war in einem ähnlichen Alter, als meine Schule alle Schüler in Bussen in ein Kino verfrachtet hat um uns den Film „Schindlers Liste“ zu zeigen. Damals war es nicht anders als heute und es war schrecklich. Die Kids hatten keinen Respekt und alberten um mich herum, während ich mit meinen Gefühlen kämpfte, da der Film auch einen Teil meiner Familiengeschichte widerspiegelt.

Traurig und erwartbar

Deswegen schockierte es mich nicht, über den Vorfall aus Buchenwald zu lesen. Drei der 14 jährigen Kinder haben auf dem Rückweg im Bus antisemitische Lieder abgespielt, offenbar auf ihren Smartphones, und die Texte laut mitgesungen. Man kann sich natürlich fragen: Warum kannten sie diese Lieder und Liedtexte überhaupt? War das den Lehrern vorher bewusst?

Gesungen haben sie die Lieder aber in genau diesem Moment, um diese Distanz, in der sie aufgewachsen sind und die das Leben so wohlig einfach macht, wieder herzustellen. Buchenwald musste direkt auf der Heimfahrt im Bus wieder entzaubert werden, die direkte Konfrontation mit dem Leid vor der eigenen Haustür wieder in die Ferne geschoben werden.

Keine Zwangsbesuche in Gedenkstätten!

Ich halte es für einen Fehler, Kinder zwangsweise so zu konfrontieren. Ich weiß, dass ich mit dieser Meinung relativ alleine bin. Die Erinnerung muss doch aufrecht erhalten werden!?

Ja, das muss sie. Aber diese drei Kids waren offenbar vorher schon mit Antisemitismus vergiftet und der Besuch in Buchenwald hat daran nichts geändert. Das ist so traurig wie erwartbar. Man kann eben nicht davon ausgehen, dass man alle erreichen kann mit der Erinnerung an den Holocaust. Es wird immer Menschen geben, die menschenverachtende Ansichten haben, aus Dummheit, aus Feigheit, aus Minderwertigkeitskomplexen, aus welchem Grund auch immer.

Es muss freiwillig sein, damit es funktioniert

Die Gedenkstätten sind dafür da, diejenigen zu erreichen, die auch erreicht werden können und wollen. Es muss für die Schüler freiwillig sein, dort hin zu gehen. Und wenn sie zurück kommen und dank des Besuchs wahrlich überzeugt davon sind, dass die Vergangenheit Deutschlands eine Verantwortung für die Menschen heute ist, dann sind sie der Impfstoff in der Gesellschaft, der widerspricht, wenn ein Antisemit Parolen grölt.

Die Gesellschaft gegen Nazis impfen

Dass es immer Nazis und Antisemiten gegeben hat und geben wird, muss man leider als gegeben akzeptieren. Aber die Nazis waren damals, und sind es heute wieder, nur deshalb so erfolgreich, weil es keinen ausreichenden Widerspruch gab und gibt in ihrem direkten Umfeld. Die Strategie muss sein, diesen Widerspruch zu stärken, die Menschen, die widersprechen zu stärken durch Erinnerung und vorgelebter Solidarität mit Juden heute. Und mit allen anderen Menschen, die Opfer gruppenbezogenem Menschenhasses sind.