10 Jahre Aliyah

Heute vor 10 Jahren habe ich Aliyah gemacht.

Es war in erster Linie keine rationale Entscheidung, sondern eine emotionale. Es war eine Art Märchengeschichte, die ich mir hätte nie träumen lassen können.

Mein Mann und ich waren eine Weile befreundet, als er Anfang 2010 kurz nachdem wir uns verliebt haben, Aliyah gemacht hat.

Der Abschied damals war mit Tränen und gebrochenen Herzen, zurückblickend eine hollywoodreife Geschichte.

Zwei Monate später, nach täglichen Telefonaten, saßen wir Abends im März am Strand in Tel Aviv und er machte mir einen Antrag.

Ich wusste, dass es nicht nur ein persönlicher Neuanfang sein würde, sondern für mich auch ein Neuanfang in einem neuen Land. Ich liebte Israel und sah es neben Deutschland auch als Heimat, dennoch war es etwas neues für mich, hier zu leben.

Im August heirateten wir dann in Deutschland und zogen in eine gemeinsame Wohnung in Jerusalem.

Als mein Aliyah Visum fertig war, flogen wir nach Deutschland, um es abzuholen.

Mit 5 Koffern landeten wir dann am 1.11.2010 in Israel, unserer neuen Heimat. Ich wurde noch vor der Passkontrolle von einer Frau mit einem Schild abgeholt und in einen Raum vom Innenministerium gebracht.

Dort bekam ich von einer müden Beamtin meinen Ausweis in die Hand gedrückt, sie sagte „Mazal Tov and welcome home“, ich macht ein Foto mit meinem Ausweis und wir fuhren nach Jerusalem. Vier Jahre war Jerusalem unser Zuhause, dort sind unsere Jungs auf die Welt gekommen. Danach hat es uns in die Nähe von Tel Aviv verschlagen.

Jetzt schlagen in meiner Brust zwei Herzen, eines für Deutschland und eines für Israel. Israel ist ein verrücktes Land aber ich bin unheimlich glücklich, dass es für meinen Mann, mich und unsere drei Kinder ein Zuhause ist, wo wir uns wohl fühlen.

Frauen sind die Verlierer der Corona-Krise

Dass Frauen systemrelevant sind und gleichzeitig schlechter bezahlt werden als ihre männlichen Kollegen, wissen wir nicht erst seit der Corona-Krise.
Allerdings stoßen Frauen auf weitere Probleme, die mit den Einschränkungen des gesellschaftlichen Lebens zurzeit einhergehen. Homeschooling und häusliche Gewalt.

 

Seit nun vier Wochen ist hier in Israel alles dicht: Schulen, Kitas, Cafés, alles was nicht lebensnotwendig ist. Kurz darauf wurde auch in Deutschland alles zugemacht. Das hatte zur Folge, dass viele Menschen ihre Jobs zeitweise oder ganz verloren haben, Unternehmen ihre Aufträge verloren haben und sich viele Menschen auf neue beruflichen Realitäten anpassen mussten. Das betrifft auch mich mit meiner Firma. Alle Aufträge für dieses Jahr sind auf Eis gelegt.

Anders sieht es jedoch bei den Menschen aus, die in den sogenannten systemrelevanten Berufen arbeiten. Dazu zählen unter Anderem medizinische Berufe und alle, die sich um die Lebensmittelversorgung kümmern. Meistens arbeiten Frauen in diesen Berufen. Diese Frauen müssen weiter arbeiten, während ihr Familien zu Hause sind. Teilweise arbeiten sie sogar mehr als vorher. Die Bezahlung in diesen Berufen, außer ÄrztInnen vielleicht, ist sehr schlecht. Die Diskussion darüber muss nach Corona weiter geführt werden.
Eine zusätzliche Belastung für Frauen ist das Homeschooling. Da in vielen Familien, vor allem mit kleinen Kindern, die Männer Vollzeit arbeiten und mehr verdienen, ziehen die Frauen den Kürzeren und übernehmen das Homeschooling. Leider ist es bei uns auch so. Mein Mann arbeitet im Hightech als Produktmanager und muss weiter den Großteil der Arbeit wie gewohnt machen, Meetings, Präsentationen usw. Ich, als Selbstständige muss mich eben um unsere drei Kinder kümmern. Meine Aufträge für dieses Jahr liegen zwar auf Eis, aber auf dem Eis möchte ich nicht liegen. 😉 Ich versuche jetzt die Projekte weiter zu machen, die ich mir schon lange vorgenommen hatte und nicht dazu gekommen bin. Ich schreibe ein Buch und bereite einen Online Kurs vor. Viel Zeit zum Arbeiten bleibt mir aber nicht. Drei Kinder rund um die Uhr zu betreuen, ist ein harter Job. Wir genießen die Zeit zu fünft wirklich sehr, einfach ist es aber nicht.

Ein letzter und wichtigster Punkt, warum Frauen die Verlierer dieser Corona-Krise sind, ist häusliche Gewalt gegen Frauen und Kinder. Die Zahlen sind bereits nach den jetzigen Berechnungen in Deutschland um mindestens 10% höher als im Vorjahr. Weltweit ist der Anstieg vermutlich noch stärker. Vor allem trifft es Frauen besonders hart in Ländern, wo häusliche Gewalt nicht mal illegal ist, wie es in Russland der Fall ist. Auch dieses Problem muss auch nach der Corona-Krise im Fokus des gesellschaftlichen Diskurses bleiben.

Dein Mann ist eben keine Mutter

Darf eine Frau, die auch noch Mutter ist, eigentlich auf Geschäftsreise gehen? Die meisten werden wahrscheinlich sagen: „Na klar.“ Darf aber diese Frau und Mutter ihren Mann und den Vater der Kinder mit den Kindern allein lassen? Da sehen die meisten Antworten leider anders aus. Heute bin ich auf meine vermutlich längste Geschäftsreise aufgebrochen. Ich bin die ganze Arbeitswoche weg und komme kurz vor Schabbat wieder zurück.

Was meint ihr wieviele Male ich in den letzten Tagen gefragt wurde: „Was? Dein Mann bleibt alleine mit den drei Kindern zu Hause? Wie wird er es schaffen?“ Meine Antwort war dann: „Wenn er auf Geschäftsreise ist, bin ich doch auch mit den Kindern alleine.“ Dann kommt immer dieselbe Reaktion nämlich, dass das doch nicht dasselbe sei. Ich frage dann provokativ: „Warum?“ Die Antwort lautet dann meistens: „Naja, er ist ja keine Mutter.“

Mit manchen diskutiere ich dann weiter, bei manchen lasse ich es bleiben.

Unsere Kinder sind jetzt 7,4 und 1. Doch ich erinnere mich, dass es auch schon so war, als wir nur ein Kind hatten oder zwei. Also ist es nicht unbedingt die Anzahl der Kinder, um die sich ich oder mein Mann in dem Fall alleine kümmern, die die Menschen wundert, sondern wer sich um die Kinder kümmert.

Viele Diskussionen rund um Women Empowerment drehen sich gerade darum, ob man die ganzen Initiativen braucht, um Frauen zu unterstützen oder ob die Frauen es ganz alleine schaffen sollen.

Meiner Meinung nach ist es notwendiger denn je. Es gibt immer mehr Frauen, die Karriere machen und erfolgreich sind, aber die Probleme und mangelnde Unterstützung seitens der Gesellschaft sind gravierend. Viele Frauen trauen sich nicht, diese Gleichberechtigung von der Gesellschaft einzufordern.

Von meinem Mann habe ich diese Gleichberechtigung von Anfang an eingefordert, was jetzt in meinem Fall einfach war. Auf Diskussionen über die Gleichberechtigung lasse ich mich auch ohne Probleme ein. Aber wie oft habe ich von Freundinnen, Bekannten oder Frauen, die ich auf Veranstaltungen oder online kennen lerne, gehört: „Ich bewundere dich so sehr für deinen Feminismus. Ich schaffe es nicht, meine Gleichberechtigung einzufordern“. Das macht mich traurig. Ich versuche, diesen Frauen Mut zu machen. Und ich versuche ein gutes Beispiel zu sein, dass man Mutter von drei kleinen Kindern sein kann und eine Geschäftsfrau.

Ich wette, mein Mann wurde noch nie vor einer Geschäftsreise gefragt: „Was? Deine Frau bleibt alleine mit den drei Kindern zu Hause? Wie wird sie es schaffen?“

Selbstständig und Mutter. Geht das?

Gastbeitrag von Katharina Tolle
Frage:
„Was machst du eigentlich beruflich?“
Antwort:
„Ich schreibe Geburtsgeschichten.“
Reaktionen:
„Aha. [Pause] Was genau machst du?“
„Oh nein. Noch ein Mama-Blog.“
„Verdient dein Mann so gut, dass du zu Hause bleiben kannst?“
„Wer kümmert sich bei euch eigentlich um die Kinder?“
„Das ist aber schon eher Hobby, oder?“
Doch von vorne. Jenny und ich lernten uns 2013 auf der Konferenz IsraMUN kennen. Seitdem verfolgen wir unsere Entwicklungen gegenseitig auf Facebook. Jenny ist eine großartige Ansprechperson, wenn es darum geht, von Unternehmerin zu Unternehmerin Tacheles zu reden. Wir haben nämlich etwas gemeinsam, das häufig immer noch nicht normal scheint: Wir wuppen unsere Selbstständigkeit und unsere Rollen als Mutter dreier Kinder. Deshalb freut es mich, dass ich auf den Dreizehn Blumen über ein Thema schreiben darf, dass Jenny und mich verbindet: Wie genau machen wir das eigentlich mit unserer Selbstständigkeit?
Familie und Selbstständigkeit schließen sich nicht grundsätzlich aus. In manchen Aspekten ist eine Selbstständigkeit sogar einfacher, als ein Angestellten-Job. Dennoch ist es nach wie vor nicht die Regel, sich als Mutter dreier kleiner Kinder selbstständig zu machen. Die Sicherheit eines geregelten Einkommens ist für viele der einzige Entscheidungsfaktor. Selbstständigkeit ist nun mal mit unternehmerischem Risiko behaftet.
Ich habe lange überlegt, wie genau ich das Thema aufreiße. Letztendlich entschied ich mich zu einer Aufzählung der Vorurteile, Risiken und Fragen, die mir seit meinem Sprung in die Selbstständigkeit am häufigsten begegnet sind. Ich wünsche mir, dass meine Reaktion auf diese Themen anderen Müttern den Mut gibt, über ihren Schatten zu springen und den Schritt hin zu mehr Eigenverantwortung zu gehen. Ich wünsche mir, dass diejenigen, denen diese Fragen immer wieder gestellt werden, schneller eine Antwort finden, so dass sie ihre Hirnleistung auf Wertvolleres ausrichten können. Und ich wünsche mir, dass diejenigen, die diese Fragen bisher stellten, verstehen, warum Frauen sich für die Selbstständigkeit entscheiden. Und trotzdem gute Mütter sind.
Mutter und Job
Ja, ich könnte ein ganzes Buch darüber schreiben. (Oh, gute Idee. Hey, ist jemand von euch in einem Verlag beschäftigt!?) Die Kurzfassung hier: Muttersein ist ein Vollzeitjob. Oh, und übrigens: Vatersein ist auch ein Vollzeitjob! Wir alle, die wir Kinder haben, richten unser restliches Leben nach diesen Kindern aus. Trotzdem kommt kaum jemand auf die Idee, dass ein Mann jetzt bitteschön seinen Job an den Nagel hängen sollte, weil er Kinder hat. Sollten Mütter ihren Job an den Nagel hängen? Nein. Sollten sie Unterstützung erfahren? Ja. Muttersein ist ein Vollzeitjob, und Muttersein ist ein Job, von dem man auch mal eine Auszeit braucht. Früher war es selbstverständlich, dass Familien, und besonders auch Frauen, sich mit ihren Kindern untereinander halfen. Ich backe das Brot, du passt auf. Jetzt schlachten wir gemeinsam ein Huhn. Wer gerade weniger Blut an den Fingern hat, hält das Kleinkind davon ab, in den Teich zu springen. Ja, diese Darstellung romantisiert. Und sie bringt es auf den Punkt: Über den Großteil unserer Menschheitsgeschichte wurden die Kinder zur Arbeit mitgenommen. Entweder von den Müttern, oder den Vätern, oder anderen Menschen. Für die Kinder war es eine Kombination aus Spielen, Lernen und Mithelfen. Die Erwachsenen teilten sich die Aufsicht. Erst in den letzten Generationen wurde die Trennung zwischen Arbeit einerseits und Kinderbetreuung andererseits immer schärfer. Das hat natürlich mit unserer Arbeitsteilung zu tun, und es hat auch mit veränderten Berufsbildern und dem Konzept der Kindheit zu tun. Aus einem logischen Grund (Mütter können stillen) fiel die Kinderbetreuung fast immer in die Hände der Mutter. Daraus kristallisierte sich dann auch, dass, wenn überhaupt, die Mutter ihre Arbeit aufgeben solle. Der Vater sollte weiter arbeiten gehen.
Ich bin mit Leib und Seele Mutter. Und ich bin auch noch so viel mehr. Dieses Mehr will ich auch weiterhin sein. Deshalb baue ich mir meine „Dorfgemeinschaft“, meine Familienunterstützung, wieder auf. Die Großeltern sind wunderbare Menschen, die in unserem Fall leider für die täglichen Bedürfnisse zu weit weg wohnen. Die örtliche Kindertagesstätte gefällt mir nicht in allen Punkten. Trotzdem gehen meine Kinder dort hin. Das hat nicht nur mit Logistik zu tun, sondern auch mit dem Wissen, dass es überall Aspekte geben wird, die mir nicht gefallen. Um ehrlich zu sein, glaube ich, dass auch ich meinen Kindern nicht in allen Aspekten gefalle. Zusätzlich haben wir immer mal wieder eine Babysitterin. Sie kommt zwischendurch, obwohl ich zu Hause bin oder obwohl mein Mann zu Hause ist. Manchmal ist es einfach schön, eine helfende Hand zu haben. Und manchmal kommt sie, weil mein Mann und ich zusammen etwas unternehmen. Es ist selten — viel zu selten. Selten ist immer noch so viel besser als gar nicht! Sind wir privilegiert, weil wir genug Geld für die Kinderbetreuung haben? Ja. Ich würde mir wünschen, dass der Staat mehr dazu gibt, so dass es kein Privileg mehr ist! Bin ich eine Rabenmutter, die ihre Kinder abgibt? Nein. Wenn ich bei den Kids bin, bin ich nicht nur physisch da, sondern auch mental. Das könnte ich nicht, wenn ich nur noch die Kids hätte. Gibt es andere Frauen, bei denen es anders ist? Ja, die gibt es — und ja, das ist auch vollkommen okay so! Nicht jede Frau muss sein wie ich. Ich muss nicht sein wie jede Frau.
Fazit: Mütter waren über die größte Zeit unserer Menschheitsgeschichte berufstätig. Heutzutage kaufen wir uns das, was früher selbstverständlich zusammen getan wurde, wieder ein. Es ist manchmal mühselig, aber es geht. Mutter und Berufstätigkeit schließt sich nicht grundsätzlich aus. Muttersein mit bestimmten Arbeitszeitmodellen schon eher. Und damit sind wir beim nächsten Punkt:
Selbstständigkeit = Selbst * Ständig
„Als Selbstständige hast du doch nie Feierabend! Wie machst du das mit der Familie?“
Es erfordert eine gehörige Portion Selbstdisziplin, den Rechner auszumachen und pünktlich an der Kita zu sein. Gerne würde ich die Rechnung noch schnell schreiben… Und eigentlich müsste ich ja auch mal wieder neue Visitenkarten bestellen… Und ach, der Blogpost wartet ja noch auf die Überarbeitung. Ja, als Selbstständige hat meine eine nie endende Aufgabenliste. Ehrlich gesagt haben vermutlich fast alle Erwachsenen so eine Liste, egal, ob selbstständig oder nicht. Nur hängt bei Selbstständigen das Einkommen unmittelbarer davon ab, so dass der Druck entsprechend höher ist. Ich erzähle wohl kein Geheimnis, wenn ich verrate, dass ich unter der Dusche Blogposts im Kopf durchgehe, dass ich selbst auf dem Klo einen Notizblock für Ideen habe, dass ich auf dem Weg zum Zug überlege, wen ich anrufe wegen des nächsten Interviews. Ein kleiner Teil von mir ist tatsächlich ständig bei der Arbeit. Doch mal ehrlich: Wenn euch eure Arbeit wichtig ist, kennt ihr dieses Gefühl — auch, wenn ihr nicht selbstständig seid. Ein fester Zeitplan und die Fokussierung auf das wirklich Wichtige ist deshalb unumgänglich. Dabei hilft natürlich, das langfristige Ziel vor Augen zu haben und außerdem die Aufgaben nach dem Eisenhower-Prinzip abzuarbeiten. Ja, Selbstständigkeit hat auch mit Selbstmanagement zu tun. Das Schöne ist: Ich kann entscheiden, wann ich arbeite und wann nicht. „Mama, nächsten Donnerstag ist Vorlesetag. Kommst du?“ Vormittags mal eben in der Kita die Geschichte von Dingi dem Hafendetektiv vorlesen? Kein Problem. Dann arbeite ich dafür Samstagvormittag. Und in dieser Zeit habe ich auch den Notizblock dann nicht in der Hand. Höchstens im Rucksack. Selbstständigkeit bietet die Chance, die Arbeit dem Rest des Lebens anzupassen, nicht umgekehrt. Natürlich habe ich Kernarbeitszeiten und natürlich erwarten meine Kundinnen von mir, dass ich einen angenommenen Auftrag möglichst zügig auch abarbeite. Und das tue ich. Ob morgens um 4, bevor der Mittlere mich weckt, oder abends um 11, wenn das Baby mit verschnupfter Nase lieber im Kinderwagen draußen schläft und ich daneben sitze und meinen Monatsabschluss mache, interessiert keine Sau.
Damit kann man Geld verdienen?
Mit allem Sch*** verdienen Leute Geld. Dennoch hören selbstständige Frauen oft, dass ihr Thema ja wohl eher ein Hobby sei. Das Stichwort „Selbstverwirklichung“ spricht uns frei von jeglicher finanzieller Absicht. Und außerdem wäre es doch schade, wenn manche Leute nicht in den Genuss meiner Leistung kämen, nur, weil ich so teuer bin. Was für eine umgekehrte Welt! Ja, was ich tue, ist mir wichtig. Und ich kann das so nur tun, weil ich auch mein Geld damit verdiene! Es ist immer wieder erstaunlich, dass Menschen der Meinung sind, dass ich entweder Geld damit verdienen darf, oder es mir Spaß machen kann. Beides zusammen scheint unmöglich. Ich sehe das anders. Wir können Geld verdienen. Und es darf uns trotzdem gut tun, was wir tun.
Wie viel verdienst du damit so?
Das Gehalt von Selbstständigen ist nicht zu leicht zu berechnen. Wir haben Ausgaben, wir zahlen unsere Steuern auf das, was am Monatsende übrig bleibt. Wir kümmern uns um Sozialleistungen, für die bei Angestellten der Arbeitgeber oder die Arbeitgeberin aufkommt. In einer ehrlichen Diskussion halte ich nicht damit hinter den Berg, wie viel ich verdiene. Ich halte auch nicht hinter den Berg, welche Ausgaben ich habe und was davon auf die Firma läuft und was privat ist. (Nein, ich kann nicht alles als Kosten deklarieren, was meine Familie so an Ausgaben hat…) Selbstständigkeit kann sich lohnen. Es ist schön, wenn das so ist. In den Monaten, in denen das nicht so ist, kann ich immerhin sagen, dass ich meine Zeit mit etwas verbracht habe, was ich gerne tue und was den Frauen, für die ich arbeite, einen echten Mehrwert bringt.
Du bereitest doch bloß deine Scheidung vor
Mit wurde tatsächlich vorgeworfen, ich wollte mich ja bloß finanziell unabhängig machen, damit ich meine Scheidung durchsetzen könne, ohne danach mittellos dazustehen. Hallo, geht es noch!? Abgesehen davon, dass ich es total wichtig finde, finanziell unabhängig zu sein, um sich freiwillig — Achtung, Spoiler! — aus Liebe an jemanden zu binden, ist der Vorwurf, meine Selbstständigkeit sei die Vorbereitung meiner Scheidung, absoluter Humbuk. Ja, meine Firma ist meine Firma und mein Mann hat auf mein Firmenkonto keinen Zugriff. Trotzdem ist mein Herzensbusiness nur möglich, weil mein Mann mitzieht. Er unterstützt mich, wir beraten gewisse Themen auch zusammen („Wie viele Aufträge nehme ich in diesem Zeitraum an, wenn du da deine Jahrestagung hast und die Kitaschließzeit ansteht?“). Nein, ich bereite nicht meine Scheidung vor. Ich trage dazu bei, dass wir unsere gemeinsamen Träume leben können.
Du stellt deine Firma über die Familie
Ja. Nein. Ich stelle die Familie über die Firma und die Firma über die Familie. Jetzt, da ich diesen Beitrag schreibe, bin ich nicht für die Familie da. Dadurch, dass ich diesen Beitrag schreibe, kann ich später wieder bei meiner Familie sein. Ich stelle meine Selbstständigkeit nicht mehr über meine Familie, als jede andere Person das tut, wenn sie einen Job annimmt.
Das ist doch nur eine Phase
Kann sein. Und wenn? Dann mache ich in dieser Phase genau das, was ich machen will. Und wenn dann die nächste Phase kommt, dann mache ich das.
Das hat ja gar nichts mit deinem Studium zu tun
Nein, ich brauche keinen Abschluss in Politikwissenschaften mit Abschlussarbeit zu Somalia, um Geburtsgeschichten zu schreiben. Nein, ich brauche keinen Abschluss in Volkswirtschaft mit Abschlussarbeit zu Ruanda und Burundi, um Schwangerschaftstagebücher zu schreiben. Mein Lebensweg ist nicht geradlinig. Trotzdem waren meine Studienjahre keine „verschwendete Zeit“. Alles im Leben hat mich zu dem gemacht, was ich jetzt bin. Viele Dinge aus der Studienzeit helfen mir jetzt. Vieles ist mir wichtig und hat Einfluss darauf, wie ich die Welt heute sehe. Ich weiß nicht, ob ich ohne das Studium diesen Weg gewählt hätte. Ich weiß, dass dieser Weg jetzt das ist, was ich will.
Kannst du auch noch über was anderes reden als Geburtsgeschichten?
Ja, kann ich. Und ja, tue ich auch. Es gab schon den Fall, dass Menschen mir nach einem Kennenlernen „vorgeworfen“ haben, dass ich ja gar nicht von meinem Business erzählt hätte. Ich erzähle davon, wenn es passt. Wenn es nicht passt, erzähle ich nicht davon. Wir unterhalten uns zum Thema Sommerurlaub? Da berichte ich vermutlich lieber vom Negev als von meinem Finanzkonzept. Ja, wir Frauen sind oft mit Leib und Seele selbstständig, wenn wir uns dafür entschieden haben. Wir sehen unser Business als Teil von uns. Wir freuen uns, wenn es wächst, und wir nehmen uns Kritik sehr zu Herzen. Deshalb schwanken wir zwischen zwei Extremen: „Ich liebe meinen Beruf und erzähle sofort allen alles darüber!“ und „Wenn ich das erzähle, finden die das bestimmt voll doof. Deshalb bleibe ich lieber ganz still und hoffe, dass mich niemand bemerkt.“ Keine Panik — wir finden auch ein Thema jenseits von Geburten, um zu quatschen. Wie wäre es mit Tanzen!?
Danke, dass ich das Schreiben darf, denn…
Der Sprung in die Selbstständigkeit ist für viele Frauen ein Sprung in die Unsicherheit. Es werden uns oft Steine in den Weg gelegt — manchmal absichtlich, manchmal unabsichtlich. Deshalb ist es so wichtig, dass wir wissen: Wir sind nicht allein.
Du, als Selbstständige, als Mutter, als Frau, als Weltverbessererin, du mit deinen unfertigen Projekten, mit deiner nicht makellosen Bude, mit all den Kleinigkeiten und großen Sorgen, mit den geheimen Tänzen durch’s Zimmer, wenn du einen Auftrag bekommst: Du bist nicht allein. Jenny, du, ich — wir sind die Generation Unternehmerinnen, die sich nur selbst aufhalten kann. Und du, die du den Sprung wagen möchtest: Du brauchst nicht perfekt sein, um Mehrwert zu bieten. Starte.
Und du, der du das liest und denkst: Die ist vollkommen durchgeknallt: Jop, kann schon sein 🙂 Danke, dass ich so durchgeknallt sein darf. Und jetzt: Shalom, sii juu. Mein Monatsabschluss wartet auf mich.
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Über Katharina:
Katharina wohnt in der Nähe von Berlin. Sie schreibt Geburtsgeschichten, Sternenkindbriefe und Schwangerschaftstagebücher. Ihren Blog findest du über www.ichgebaere.com und zu ihrem Newsletter kannst du dich hier anmelden: https://ichgebaere.com/geburtsgeschichtennewsletter/

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Katharina Tolle

Autorin von individuellen Geburtsgeschichten
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7 Jahre Israeli

Heute ist es sieben Jahre her, dass ich nach Israel eingewandert bin. Man nennt das „Aliyah“ machen. Das Wort bedeutet übersetzt „Aufstieg“, beschreibt also das Verlassen des Exils und die Heimkehr in die Heimat.

Hier in Israel ist viel passiert: Ich habe in insgesamt sechs verschiedenen Wohnungen in drei verschiedenen Städten gewohnt, habe meine wunderbare Frau Jenny geheiratet und sie hat uns sind zwei wirklich tolle Jungs geboren. Und zusammen haben wir viel erlebt und auch erreicht.

Für mich ist die Aliyah nach Israel tatsächlich eine Heimkehr geworden. Ich fühle mich hier zum ersten Mal in meinem Leben in einem Land zuhause. Geboren wurde ich in der DDR in Berlin, aufgewachsen bin ich in Hamburg, Rheinland-Pfalz und im französischen Elsass. Überall war ich auf der Durchreise und habe kaum emotionale Bindungen zu Orten aufgebaut. Meine Familie war meine Heimat, nicht mein Land, Ort oder Haus.

So freut es mich auch bis heute, dass meine Schwester Nelli mich damals begleitet hat auf meinem Weg nach Israel. Wie das damals war, beschreibe ich in meinem Buch „Wie werde ich Jude?“ und das gibt es hier als Leseprobe, die hoffentlich Lust auf mehr macht:

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Auszug aus dem Kapitel „Dating“

Ich, ein Flüchtlingsmädchen

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ich, als Kind in der Ukraine. Bin hier etwa 7-8 Jahre alt

 Eingang zum umfunktionierten, ehemaligen Bordell befindet sich neben einer Kiezkneipe mit provokantem Bild am Eingang.

Hamburg, Reeperbahn, das wohl bekannteste Rotlichtmilieu nach Amsterdam. Dort wohnt ein Flüchtlingsmädchen in einem Flüchtlingsheim. Sie und ihre Mutter teilen sich ein winziges Zimmer, in dem zwei Betten, ein kleiner Schrank und ein Tisch stehen. Wenn das Mädchen dort ihre Deutschhausaufgaben macht, starrt sie auf die belebte Straße, wo auf der gegenüberliegenden Seite vom Heim jeden Abend die Prostituierten aufgereiht auf ihre Freier warten. Auch ihre Großmutter und Urgroßmutter wohnen zusammen in so einem kleinen Zimmer.

Flüchtlinge aus den unterschiedlichsten Ländern wohnen hier. Die meisten sind jüdische Kontingentflüchtlinge aus der ehemaligen Sowjetunion, die anderen sind Araber und Afrikaner. Jeden Tag nach der Schule hilft das Mädchen ihrer Urgroßmutter in der Gemeinschaftsküche. Dort gibt es nur wenige Kochfelder, dafür aber jede Menge Ratten und Ungeziefer. Auch im Zimmer laufen dutzende Kakerlaken an der Wand entlang. Ihre Mutter lässt nachts sogar das Licht an und sitzt am Bett des kleinen Mädchens Wache, damit keine zu ihr ins Bett kommen.
Der Eingang zum umfunktionierten, ehemaligen Bordell befindet sich neben einer Kiezkneipe mit provokantem Bild am Eingang. Als ein Junge aus dem Bekanntenkreis ihrer Eltern sie mal ins Kino einlädt, wartet sie auf ihn vor dem Eingang in ihr Wohnheim. Alle paar Minuten laufen Männer in ihren 50ern und älter an ihr vorbei in die Kneipe. Begreift das kleine Mädchen, was um sie herum passiert auf der Reeperbahn? Kaum. Sie ist elf Jahre alt. Vor einem halben Jahr kam sie nach Deutschland. Vor wenigen Wochen erst nach Hamburg.
Ein Mann bleibt neben ihr stehen, greift in die Tasche und streckt ihr einen 20 D-Mark Schein hin. Reflexartig will sie danach greifen, aber irgendetwas hält sie instinktiv davon ab. Sie kann kein Deutsch, versteht nicht, was der Mann sagt und steht mehrere Sekunden nur da und starrt ihn ratlos an. Plötzlich begreift sie, was dieser Mann im Alter ihres Opas von ihr will. Sie schüttelt schnell den Kopf und sagt „nein“. Der Mann ist hartnäckig und fragt: „nein?“ Sie bestätigt: „nein“ und geht schnell zurück ins Wohnheim.

 

Und so schlimm es auch manchmal war, meine Mutter, meine inzwischen verstorbenen Großmütter und ich waren und sind immer dankbar dafür, dass wir kommen konnten.

Wer war dieses Mädchen? War das wirklich ich? Wenn ich mich heute an die Geschichten zurückerinnere, die ich als Kind und Teenager während meiner Integration in Deutschland erlebt habe, kommt es mir oft vor, als wäre das irgendeine andere Person, ein anderes Flüchtlingsmädchen. Und so schlimm es auch manchmal war, meine Mutter, meine inzwischen verstorbenen Großmütter und ich waren und sind immer dankbar dafür, dass wir kommen konnten.

…wo es nicht mal Deutschunterricht für uns Flüchtlingskinder gab und es auch keinen Lehrer interessierte, dass ich nichts im Schulunterricht verstand oder dass mich die Mitschüler deswegen auslachten.

Im Jahr 1990 geschah das politische Wunder, auf das meine Familie seit mehreren Generationen gewartet hatte: Der Zusammenbruch der Sowjetunion. Während der gesamten Sowjetzeit wurden Juden unterdrückt, diskriminiert, gar verfolgt, weggesperrt und ermordet . Sie durften in vielen Jobs nicht arbeiten, und wenn man irgendwo Arbeit gefunden hatte, konnte man nicht aufsteigen. Die Ausübung der Religion war strengstens verboten und jüdische Vornamen wurden größtenteils in russische geändert.
Man wollte uns unserer Identität berauben. So erklärt sich, dass etwa die Hälfte der sowjetischen Juden auswanderte, sobald der Eiserne Vorhang sich öffnete. Die meisten von ihnen gingen nach Israel, einige in die USA oder nach Deutschland, das 1991 trotz massiven Protesten in der Bevölkerung anfing, Juden als Kontingentflüchtlinge aufzunehmen. Meine Familie entschied sich im Herbst 1995, einen Antrag für die Aufnahme als Flüchtlinge in Deutschland zu stellen. Im September 1996 war es endlich soweit. Wir stiegen in einen Bus und fuhren über 24 lange Stunden nach Deutschland.
Wollte meine Familie weg? Nicht wirklich. Es ist eine unglaubliche psychologische Hürde, zu fliehen, vor allem wenn du nicht weißt, was dich am Ziel erwartet.
Mich erwartete ein halbes Jahr in einer Kleinstadt in Hessen, wo es nicht mal Deutschunterricht für uns Flüchtlingskinder gab und es auch keinen Lehrer interessierte, dass ich nichts im Schulunterricht verstand oder dass mich die Mitschüler deswegen auslachten.

 

Daher schockierte es mich umso mehr, dass mich meine Mitschüler täglich als Ausländerin, aber eben auch als Jüdin fertig machten.
Sie hänselten mich nicht nur für mein noch nicht perfektes Deutsch. Es kam vor, dass ich in der Pause mit Brotstücken beworfen wurde.

Wir zogen weiter nach Hamburg und dort kam ich endlich in eine Sprachklasse, die ich als Beste von allen meinen Mitschülern abschloss und daher als Eine der Wenigen eine Empfehlung für das Gymnasium bekam. Die einzige Schule, die im neuen Schuljahr für mich Platz hatte, war zugleich das einzige katholische Gymnasium in Hamburg in einer sehr guten Gegend. Ich war überglücklich. Endlich konnte ich lernen, um irgendwann meinen Traum zu erfüllen. Ich wollte studieren, genau wie meine ganze Familie. Am meisten interessierte mich das Fach Geschichte.
Bevor mein erstes Schuljahr in der neuen katholischen Schule los ging, bot mir die Schulleitung an, mich von der Teilnahme am Morgengebet zu befreien, falls ich es nicht möchte. Das fand ich sehr anständig. Ich hatte meine ersten vier Schuljahre in einer jüdischen Schule im Ukrainischen Dnipropetrowsk verbracht, an der uns nach und nach unsere jüdischen Traditionen und unsere Identität wieder gegeben wurde. Und diese Identität war mir unglaublich wichtig, denn meine Generation war die erste, die frei und mit Selbstbewusstsein jüdisch sein durfte. Daher schockierte es mich umso mehr, dass mich meine Mitschüler täglich als Ausländerin, aber eben auch als Jüdin fertig machten.
Sie hänselten mich nicht nur für mein noch nicht perfektes Deutsch. Es kam vor, dass ich in der Pause mit Brotstücken beworfen wurde. Mehrmals ging ich einfach schon mittags vor Schulschluss nach Hause und auf dem Weg zum Bus überkamen mich jedes Mal die Tränen. Ich war zwölf Jahre alt und verstand nicht, warum alle so gemein zu mir waren und warum ich den Lehrern, die mich völlig im Stich ließen, offenbar vollkommen egal war. Nicht nur das, manche Lehrer trugen zum Mobbing auch noch bei. Eine Deutschlehrerin machte mich so fertig, dass selbst meine Mitschüler schockiert waren.
Am Ende des ersten Halbjahres verlangte unsere Englischlehrerin, dass wir das „Vater Unser“ auf Englisch auswendig lernen. Das war wohl das erste Mal, dass ich offen rebellierte. Ich stand auf und sagte, dass ich das christliche Gebet nicht lernen werde. Ich verstand nicht, was es im Englischunterricht verloren hatte. Ich habe mich gewehrt, aber es hat mir nicht geholfen. Im Gegenteil, ich „wurde gegangen“ und musste zum zweiten Halbjahr die Schule wechseln.

 

Doch meine guten Sprachkenntnisse waren nicht genug, um akzeptiert zu werden. Es reichte auch nicht, dass ich aus der selben Bildungsschicht und einer ähnlichen Kultur stammte wie die meisten meiner Mitschüler…

Deutsch sprach ich zwar noch mit kleinen Fehlern, aber schon ohne hörbaren Akzent. Dafür übte ich so exzessiv, dass ich meine Stimmbänder überstrapazierte und beinahe hätte operiert werden müssen.
Doch meine guten Sprachkenntnisse waren nicht genug, um akzeptiert zu werden. Es reichte auch nicht, dass ich aus der selben Bildungsschicht und einer ähnlichen Kultur stammte wie die meisten meiner Mitschüler aus meinen nachfolgenden Schulen, an denen außer mir nur wenige Ausländerkinder waren. Ich blieb immer die Ausländerin, die Jüdin.
All die Jahre fehlte ich sehr oft in der Schule, weil ich das intensive Mobbing nicht ertrug und daraufhin viel krank war. Als es aufs Abitur zuging, fragte meine Schulleiterin im Gymnasium Eppendorf, ob ich mir sicher sei, dass ich mit meinen schlechten Leistungen tatsächlich studieren möchte. Das war unglaublich verletzend für mich, doch ich schwieg. Noch heute macht es mich traurig und wütend, wie eine Schulleiterin, die sich Pädagogin nennt, nicht die wahren Gründe meines Misserfolgs erkennen konnte. In einer anderen Schule beendete ich dann mein Abitur.
Die meisten der russischsprachigen Kinder von Flüchtlingen oder Aussiedlern lernten in Schulen mit einem sehr hohen Ausländeranteil und ihr Freundeskreis bestand hauptsächlich aus ebenso russischsprachigen Teenagern. Das wollte ich nicht, ich wollte mich integrieren, ich wollte ein Teil dieses Volkes, dieser Gesellschaft sein. Nach und nach hatte ich auch immer mehr deutsche Freunde und mit 15 Jahren hatte ich meinen ersten deutschen Freund. Ich wusste auch, dass ich irgendwann mal einen Deutschen heiraten möchte.

 

Nur mit sehr viel Mühe und Kraft habe ich es dennoch geschafft und Deutschland wurde mein Zuhause, meine Heimat.

Es war ein harter Start für mich in der neuen Heimat. Meine Integration in die Deutsche Gesellschaft war ein langer, schwieriger Prozess.
Auf jedem Schritt meines Weges bekam ich von meiner Umgebung Steine in den Weg gelegt. Nur mit sehr viel Mühe und Kraft habe ich es dennoch geschafft und Deutschland wurde mein Zuhause, meine Heimat. Heute frage ich mich mit Tränen in den Augen, warum nur haben es mir so viele Mitmenschen so schwer gemacht, anstatt mich zu unterstützen?
Als ich meinen deutschen Pass bekam, war ich 18 Jahre alt und unglaublich stolz. Noch stolzer war ich, als der Beamte in der Ausländerbehörde mit dem Blick auf mein Jahreszeugnis aus dem Gymnasium sagte, ich bräuchte natürlich keinen Deutschtest machen.
Ich habe studiert und lebe heute mit meinem Mann und unseren beiden Söhnen in Israel. Ich habe Deutschland also wieder den Rücken gekehrt. Doch meine Verbindung zu Deutschland ist und bleibt stark. Ich gründete beispielsweise eine Organisation, die sich für Deutsch-Israelische Beziehungen und Frauenrechte einsetzt.
Es ist immer ein dünner Grad zwischen Integration und Assimilation. Ich wollte mich nicht assimilieren, damit hätte ich meine Identität aufgegeben. Ich wollte mich dennoch integrieren und habe trotze großer Widerstände von allen Seiten dafür gekämpft.
Zurzeit gibt es eine neue, große Flüchtlingswelle nach Deutschland und ich hoffe sehr, dass man es den Flüchtlingskindern nicht so schwer macht. Integration muss im Alltag funktionieren, nicht am Bahnhof durch Plakate und nicht durch politische Reden.

Berliner feiern Israel

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Mein Vater auf der Party in Berlin

Letzten Donnerstag feierte Israels Botschafter Yakov Hadas-Handelsman mit etwa 1300 geladenen Gästen den 68. Geburtstag Israels im Hotel InterContinental in Berlin. Es gab koschere Häppchen und einen „Überraschungsgast“, der redete und sang.

Er redete dabei auch über meine Frau, meine Kinder und mich:

 

 

 

 

Inzwischen lebt mein Sohn Felix Havemann in Tel Aviv mit seiner Frau und den beiden kleinen Söhnen. Zu meinem Kummer ist er zum Judentum konvertiert.  Der Chabad-Chassidische Rabbiner in Hamburg hat mit ihm zwei Jahre Thora gelernt.  Ich hatte versucht, mein viel zu altes Kind zu retten. Ich sagte: Mensch, Du bist jüdisch genug! Und außerdem ist es sehr unjüdisch, zum Judentum zu konvertieren! Die Juden missionieren doch nicht! Im Gegenteil! Aber zum Glück hat der Sohn nicht auf seinen gottlosen Vater gehört. Ich sehe es ja nun: zu seinem Glück. Er ist längst ein modern orthodoxer Israeli geworden. Und als ich am Anfang dem Amos Oz meinen Kummer klagte, lächelte er abgeklärt und sagte: „Mach Dir keine Sorgen, wenn Dein Felix hier bei uns in Israel lebt, wird er ganz schnell ein ganz normaler Jude.“ Genau so ist es auch gekommen, und ich bin inzwischen glücklich damit, denn nun ist mein Freundes-Land Erez Israel auch mein Sohnes-Land geworden

Ja, er hat zu 100% recht! Es ist mein Glück! Ich lebe in einem wunderbaren Land mit einer wunderbaren Frau und zwei wunderbaren Kindern. Und meine Religion gibt mir den Halt und die Disziplin, die ich brauche, um ein guter Vater und Ehemann zu sein (der ich hoffentlich bin).

Und dass mein Vater mich als religiösen Menschen einen „ganz normalen Juden“ nennt, macht mich sehr glücklich. Nichts anderes will ich sein.

39 Jahre Wessi

spaziergang

Heute bin ich 39 Jahre Wessi. Am 11. Februar 1977 haben meine Mutter und ich, mehr oder weniger freiwillig, die DDR Richtung Hamburg verlassen.

Meine Mutter war damals Ende 21, deutlich jünger als ich heute und hatte kein Rückfahrticket. Ich bin mit 34 aus Deutschland weg nach Israel und kann jederzeit zurück, zu Besuch oder um zu bleiben. Deswegen werde ich nie nachfühlen können, wie es ihr damals erging. Und ich werde ihr immer dankbar dafür sein, dass ich im freien Teil der damaligen Welt aufwachsen durfte.

Die ganze Geschichte steht im Buch „Ein Spaziergang war es nicht„, herausgegeben von den Schwestern Anna und Susanne Schädlich. Susanne hat auch mein Buch „Wie werde ich Jude?“ lektoriert.

Das zerrissene Mutterherz

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Als Kant sagte: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“, ahnte er vielleicht nicht, was das für Frauen zur Folge hat. So glücklich wir, die zivilisierte Welt über die Aufklärung und ihre Folgen sind, umso mehr sind wir innerlich zerrissen über die Möglichkeiten der modernen Welt.

Vor der Aufklärung hatten die meisten Frauen kaum eine Wahl: Ihnen wurden fast alle Entscheidungen abgenommen. Etwa, wen sie heiraten werden oder wie viele Kinder sie bekommen. Auch der Job war meist vorherbestimmt, entsprechend des Standes, in den man geboren wurde. Da Frauen weder wählen noch studieren durften, hatten sie auch hier keine Entscheidungen zu treffen.

Obwohl ich eine leidenschaftliche Feministin bin, gibt es Tage an dem ich mir die Welt von vor Kant zurück wünsche.

Heutzutage stehen Frauen vor allerlei Entscheidungen, bei denen sie sich ihres eigenen Verstandes bedienen müssen.

Entscheidungen wie: Was studiere ich? Wann studiere ich? Sollte ich während des Studiums Kinder kriegen oder erst danach? Kann ich in dem von mir gewünschten Beruf arbeiten und gleichzeitig eine Familie gründen? Will ich überhaupt Karriere machen? Wenn ich Karriere mache und Kinder haben will, wie schaffe ich beides gut? Wieviele Kinder will ich? Die Liste der Fragen könnte ich noch lange erweitern. Die eine oder andere Frage haben sich andere Frauen bestimmt auch schon gestellt.

Dass wir in Israel leben, hat für die Familienplanung viele Vorteile aber auch große Nachteile. Da in Israel so ziemlich jede Frau, unabhängig von der sozialen Schicht, im Schnitt drei bis vier Kinder hat, ist es gesellschaftlich und beruflich sehr einfach. Man unterstützt sich gegenseitig, tauscht sich aus und Arbeitgeber stellen Frauen ein, unabhängig davon, ob sie verheiratet sind oder nicht. Wenn sie nicht schon Kinder haben, werden sie auf jeden Fall welche bekommen.

Die Nachteile sind finanzieller Natur. Anders als in Deutschland, bekommt man in Israel kein Elterngeld, der Mutterschutz dauert ganze drei Monate und vom Kindergeld kann man sich nicht mal die Windeln leisten. Und das Leben ist hier generell ungleich teurer.

Doch die Fragen, die ich oben gestellt habe, beschäftigen hier die Frauen genauso wie in Deutschland.

Zu meinem Nachteil vielleicht, kann ich es mir nicht vorstellen, ausschließlich Hausfrau und Mutter zu sein. Das hat was mit meiner Natur zu tun. Außerdem ist es eine sehr stressige und körperlich anstrengende Arbeit. Leider habe ich es nicht geschafft, fertig zu studieren, bevor ich Mutter wurde.

Nach fünf Jahren in Israel und sechs anstrengenden Umzügen innerhalb des Landes, stehe ich vor der Zerrissenheit zwischen meinen verschiedenen Leben.

Ich habe zwei tolle Jungs in die Welt gesetzt. Mein Mann unterstützt mich sowohl in familiären als auch in beruflichen Dingen. Ich bin gerade dabei, mir meinen Traum zu erfüllen und eröffne demnächst eine Gesellschaft, die sich für Deutsch-Israelische Beziehungen und Frauenrechte einsetzen wird.

Auf der anderen Seite gibt es aber noch die Hausarbeiten in der Uni, die nicht fertig sind, obwohl das Studium quasi vorbei ist. Ich beneide all die Frauen, die viel organisierter sind als ich es bin und es irgendwie schaffen Kinder zu kriegen, zu studieren und Karriere zu machen.

Jeden Tag frage ich mich: Soll ich weiter machen mit allen meinen unmöglichen Zielen, zugleich eine gute Mutter zu sein, eine gute Ausbildung abzuschliessen und noch dazu mit meiner Arbeit, die nicht weniger will, als Welt zu verbessern? Oder soll ich nur eines davon sein? Den manchmal habe ich das Gefühl, ich schaffe das alles nicht.

Ach Kant, die Welt war vor dir für Frauen so viel einfacher… Und schlechter.

 

6 Jahre Aliyah

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Welcome Home

Heute ist es sechs Jahre her, dass ich nach Israel eingewandert bin. Man nennt das Aliyah, also einen Aufstieg in die Heimat.

Meine Schwester Nelli hat mich damals begleitet und mir geholfen, mein erstes Zimmer in einer WG zu beziehen. Die Fotos von damals findet man auf Flickr. Zu sehen ist dort mein erster Ice-Aroma, mein erstes WG-Zimmer, und natürlich meine Schwester und ich.

Am Flughafen Ben Gurion wird man als Neueinwanderer persönlich noch vor der Passkontrolle abgeholt und in einen Bereich gebracht, in dem man seine ersten israelischen Ausweisdokumente und etwas Bargeld erhält. Das Foto weiter oben ist von dort und auf dem Schild im Hintergrund steht in vielen Sprachen „Willkommen Zuhause“.

Für mich war die Aliyah, die Einwanderung nach Israel, tatsächlich ein Nachhausekommen. Als ich heute mit meiner Mutter über das Jubiläum sprach, sagte sie: „Sehr interessant, Du bist nicht ausgewandert, sondern ein. Heute ist der 10.1. und am 11.2. haben wir [meine Mutter und ich] die DDR verlassen, vor 38 Jahren. Weil Du eingewandert bist, zieht Dich nichts mehr zurück. Ich wollte immer nach Berlin zurück.

Das stimmt. Aber egal ob Aus- oder Einwanderung, beides ist nicht leicht und ohne Hilfe von anderen keine Freude. Ich hatte viele Hilfen und bei denen möchte ich mich gerne bedanken (Reihenfolge irgendwas zwischen zufällig und chronologisch und nicht vollständig):

  • Meine Frau Jenny, die mir, obwohl wir damals noch nicht mal verlobt waren und sie alles andere wollte, als mich ziehen lassen, mir unglaublich beim Packen half.
  • Meine Schwester Nelli, die sich ein Flugticket kaufte, mir ihre Inklusivkilos an Gepäck überliess und mit mir die Reise gemacht hat.
  • Meine erste WG, allen voran Shalva, die mich in allem alltäglichen unterstützte und den Grundstein für viele Freundschaften gelegt hat.
  • Meinem damaligen Arbeitgeber LWLcom in Bremen, weil sie mich eingestellt haben, obwohl ich gerade im Begriff war, das Land zu verlassen. So kam ich an und hatte gleich einen Job und mein WG-Zimmer war mein Büro.
  • Die Jewish Agency, die mein Flugticket bezahlt hat (Wie jedem Neueinwanderer, daher weiter unten in der Liste…)
  • Frank und Lilach, die immer mein Anker waren in Israel und die mich kurz nach meiner Ankunft zum Sandak ihres ersten Sohnes Adam gemacht haben. Adam ist heute sechs Jahre alt und damit meine persönliche Aliyah-Uhr.
  • Tamir, der mich durch juristische Untiefen sicher geleitet hat und leitet.
  • Familie Wasser, die für mich und meine kleine Familie hier eine Art Ersatzfamilie geworden sind. Ob zu Feiertagen oder Schabbaten, wir sind immer wieder bei ihnen in Jerusalem zu Besuch. Ausserdem haben sie die Beschneidung unserer beiden Söhne in ihrem Haus organisiert.
  • Und natürlich wieder Jenny, meiner Frau, die mich besuchte, sich einen Verlobungsring abgeholt hat und dann tatsächlich hinterhergekommen ist. Ich liebe Dich!

Und ich danke allen, die mich in Deutschland vermissen und sich gleichzeitig für mich freuen, dass ich nun Zuhause bin. In Israel. Allen voran meiner Familie, aber natürlich auch meinen Freunden, Kollegen, Betgenossen in der Synagoge und ehem. Arbeitskollegen.