„Frag uns Doch!“ – Marina und Eliyah antworten

Twitteruser und ihre Bücher

Heute erschien das Buch „Frag uns Doch!“ von Marina Weisband und mir und mit einem Vorwort von Dr. Michael Blume im S. Fischer Verlag. Das Buch begann mit einem Tweet von Marina vor etwa einem Jahr und heute wird passenderweise meine Timeline bei Twitter mit Fotos von dem Buch geflutet!
Es fühlt sich gut an und auch ein bisschen komisch. Denn alle diese Menschen haben das Buch vor mir in der Hand dank der weniger schnellen Zustellung meines Belegexemplars durch die Israelische Post.

Das Buch ist Aufklärung und Erzählung in einem. Marina und ich gehen auf Fragen von Twitterern ein und erzählen in den Antworten unsere persönliche Verbindung zum Judentum.

Das direkte Feedback der Leser:innen über Twitter ist wirklich etwas Neues für mich. Und es gefällt mir. Denn am Ende will ein Buch nur eines: Die Herzen der Leser berühren. Und wenn man als Autor das miterleben kann, ist es ein besonderes Privileg.

https://www.fischerverlage.de/buch/marina-weisband-eliyah-havemann-frag-uns-doch-9783103974911

Merry X-mas und frohe Y-nachten 2020

weihnukka-kippa

Wir Juden haben heute Abend unsere fünfte Chanukkah-Kerze gezündet. Das Wissen um das Judentum in Deutschland steht im krassen Kontrast zum Interesse der Menschen daran! Das hat Marina Weisband und mich dazu gebracht, eine Reihe von Videos unter dem Namen #FragEinenJuden herauszubringen. Und in diesem Geiste haben Jenny und ich mit tatkräftiger Unterstützung der Kinder ein Video zu Channukah aufgenommen:

Dieses Jahr sind wir dank des hebräischen Kalenders schon lange fertig mit Chanukkah, wenn die Christen ihr Weihnachten feiern. Ich wünsche schon jetzt allen, die es feiern, von ganzem Herzen: Frohe Weihnachten!

Diese Wünsche sind in in diesem Jahr überschattet von dem Lockdown, der coronabedingt das Weihnachtenfeiern in Deutschland stark einschränkt. Ich selbst vermisse Weihnachten nicht, kann mir aber gut vorstellen, dass es vielen Menschen nah geht, ihren Liebsten nicht nah sein zu können.

Mein Freund Matthias antwortete mal auf die Frage, wie er und seine Familie denn Weihnachten feiern werden: Wir essen viel, streiten uns und schenken uns Dinge, von denen wir in spätestens zwei Wochen wissen, dass wir sie nie gebraucht haben. Also, so oder so ähnlich hat er es gesagt.

Und so ähnlich habe ich auch Weihnachten in meiner Kindheit in Erinnerung. Streit und Essen gab es quasi immer. Geschenke auch, um die es dann auch oft noch mehr Streit gab. Der Baum war hübsch, das Essen gut, immerhin.

Der Name des Festes ist interessant. Hier eine Tabelle in verschiedenen Sprachen:

Sprache Wort Bedeutung
Englisch
Christmas
Christus (Messias) Fest
Französisch Noël Geburtsfest
Spanisch Navidad Geburtsfest
Hebräisch (Chag HaMoled) חג המולד Geburtsfest
Italienisch Natale Geburtsfest
Dänisch Jul Germanischer Kalendermonat Dezember
Holländisch Kerstmis Christus (Messias) Fest
Deutsch Weihnachten Chanukkah

Die meisten Sprachen nennen das Weihnachtsfest nach dem, was der Überlieferung nach passiert ist: Der Messias (Christ) wurde geboren. Schließlich feiert man seinen Geburtstag (und acht Tage später, nach guter jüdischer Tradition, seine Beschneidung am 1. Januar). Die Dänen stechen heraus, da sie den Festnamen am Kalender fest machen. Und die Deutschen? Die nennen ihr Lichterfest im Winter einfach Chanukkah!

Das hebräische Wort Chanukkah bedeutet Weihe. Es geht dabei um die Wiedereinweihung des Tempels in Jerusalem nach der Entweihung durch die Griechen. Zur Weihung braucht man Olivenöl für den Leuchter und davon war nur noch so wenig da, dass es nur einen Tag gereicht hätte. Aber wie durch ein Wunder, hielt das Öl ganze acht Tage. So lange hat es gedauert, neues Öl zu besorgen.

Das ist in etwa so, wie wenn ihr morgens auf dem Smartphone noch 10% Batterie habt, aber es dennoch den ganzen Tag durchhält.

Warum ich das erzähle? Damit deutlich wird, dass nicht nur der Name fast gleich ist, auch die Bräuche von Weihnachten in Deutschland und Channukkah ähneln sich stark:

  • Datum: Beides wird am 25. des Monats gefeiert, der im jeweiligen Kalender üblicherweise in die Wintersonnenwende fällt. Also 25. Dezember oder 25. Kislev.
  • Abends: In den meisten Ländern wird am 25. tagsüber beschert. In Deutschland aber am 24. Abends. Jüdische Tage und damit auch Feiertage wie Chanukkah beginnen abends.
  • Kerzen 1: Die Chanukkah-Kerzen müssen ins Fenster gestellt werden, da ihr Zweck die öffentliche Verkündung des Chanukkah-Wunders ist. In Deutschen Haushalten werden zu Weihnachten die Fenster traditionell mit Kerzenständern und anderen Lichtern geschmückt.
  • Kerzen 2: Jeden Tag während des acht Tage andauernden Chanukkahfestes zündet man eine zusätzliche Kerze. Im Advent zündet man jeden Adventssonntag eine weitere Kerze.
  • Adventskalender: Auch hier werden die Tage gezählt, genau wie bei den acht Chanukkah-Kerzen.
  • Geschenke: Auch an Chanukkah bekommen die Kinder Geschenke oder einfach Chanukkah Gelt (mit t, weil es jiddisch ist) und man isst Karotten in Scheiben, die an Geldstücke erinnern sollen.
  • Familie: An Chanukkah feiert man mit der ganzen Familie. Jeder bekommt seinen eigenen Leuchter. Weihnachten ist ein Familienfest.
  • Glühwein: Zugegeben, eher eine zufällige Parallele. Juden trinken eigentlich zu jedem Anlass Wein.
  • Weihnachtsmann: Also, wenn Du mich fragst, sieht der aus wie ein Rabbi, dessen Klamotten rot gefärbt sind. Und daran ist ja nur Coca Cola (koscher) schuld (ich weiß, stimmt nicht). Und Bommelmützen tragen die Anhänger von Rabbi Nachman auch.
  • Messias: Das ist vielleicht ein wenig weit hergeholt. Aber hey, warum nicht, es geht schließlich um Religion, da ist argumentativ meist kein Weg zu weit. Chanukkah feiert das Olivenölwunder und das hebräische Wort Moschiach (Messias) bedeutet: Der Gesalbte. Die Salbung erfolgt mit Olivenöl.
  • Essen: Immer im Januar sind Frauen- und Männerzeitungen voll mit Diättipps. Im Rest des Jahres zwar auch, aber im Januar geht es im Besonderen darum, den sog. Weihnachtsspeck wieder los zu werden. An Chanukkah essen wir lauter in Öl gebratene oder gebackene Dinge: Kartoffelpuffer, Berliner (Pfannkuchen, Kreppel, etc.), gebratene Karottenscheiben (s.o.) und vieles mehr. Das Öl setzt sich dann im Körper gerne als Hüftgold ab.
  • Ch: Christkind und Channukkah fangen beide mit „Ch“ an. Das ist wohl eher zufällig und es ist deshalb eine Erwähnung wert, weil viel zu viele Menschen unser Fest falsch aussprechen. Das Ch klingt wie das in „Bach“. Und wenn ihr das nicht endlich lernt, sage ich ab heute „Schristkind“

Wie eng und vor allem, wie viel enger als andere Völker die Deutschen und die Juden bis zum Anfang des letzten Jahrhunderts zusammengelebt haben, erahnt man, wenn man sich diese Parallelen ansieht. Nicht umsonst ist das alte hebräische Wort für Deutschland „Medinat Aschkenas“. Aschkenasen sind die nord- und osteuropäischen Juden.

Ich wünsche allen, die dieses Fest feiern, dass es besinnliche Tage werden, mit schönem Baum, sinnvollen Geschenken, wenig Streit und gutem Essen!

P.S.: Zugegeben, dieser Text erschien fast wortgleich bereits letztes, vorletztes, vorvorletztes, vorvorvorletztes und vorvorvorvorletztes Jahr, aber warum ihn so weit unten im Blog versauern lassen, wenn er doch heuer wieder so gut passt!

P.P.S.: Noch mehr Weihnachtsfunfacts gibt es auf Twitter!

Channukkakitsch!

Bald ist Channukkah! Und wie jedes Jahr, sucht Juna Grossmann auf Twitter den schönsten und absurdesten Chanukkakitsch zusammen. Guckt euch das auf jeden Fall an!

Und dieses Jahr habe ich ein eigenes Stück zur Sammlung hinzugefügt. Ihr könnt diesen kuscheligen Hoodie auf (zugegebenerweise nicht ganz unkontrovers) Spreadshirt kaufen und dann stilecht Kerzen zünden und dabei Schokolade essen.

Alle Gewinne werden in HaselNussTafeln investiert. Und ja, Hanuta ist koscher!

Corona Rosch HaSchanah

Schofar im Monat Elul

Israel befindet sich im zweiten Lockdown zu den Hohen Feiertagen, auch wenn es ein „Lockdown-light“ ist verglichen mit dem ersten. Aber auch die Zeit zwischen den Lockdowns war von Corona Einschränkungen geprägt und das betraf natürlich auch die Synagogen, die nur mit Hygienekonzept arbeiten durften.

Ich bete normalerweise mindestens Montags und Donnerstags und zu besonderen Tagen in der Synagoge das Morgengebet. An diesen Tagen wird aus der Torah gelesen. Ansonsten bete ich auch gerne mal zuhause. Die Faulheit siegt. Während der Corona-Zeit brauche ich keine Faulheit mehr. Stay home heisst die Devise und so habe ich mein Morgengebet komplett in die eigenen vier Wände verlegt.

Doch im Monat Elul, der dieses Jahr auf August und September gefallen ist, bin ich in der Vergangenheit jeden Morgen brav in die Synagoge gegangen. Denn nicht nur ist uns im Monat Elul G’tt spirituell am nächsten ist, es ist auch der Monat des Schofarblasens. Das Horn des Widders, das an die Opferung Isaaks erinnert, den G’tt als Opfer von Abraham verlangte und ihn verschonte und Abraham dann einen Widder an seiner Statt geopfert hat. Den täglichen Klang des Horns wollte ich nicht verpassen. An Rosch HaSchanah ist der Höhepunkt des Schofarblasens, an dem minutenlang genau festgelegte Tonfolgen geblasen werden.

Aus der Not macht Mensch gerne eine Tugend. Ich kaufte mir also einen Schofar in einem der vielen Läden hier im Ort, die Judaica, also Bedarf für den Religiösen Mensch anbieten und übte. Am Anfang klang das noch schwierig.

Schwer ist jeder Anfang

Doch ich übte jeden Morgen und nach drei Wochen klang es schon deutlich besser.

Schon besser…

Rosch HaSchanah kam und mit ihm der Lockdown. Unsere Gemeinde hat ihre Beter in vier Gruppen unterteilt, zu denen man sich vorher anmelden musste. Ich habe draussen vor dem Gebäude gesessen und zum Gebet am ersten Tag Rosch Haschanah, der auf den Schabbat viel, sehr geschwitzt. Am Schabbat wird kein Schofar geblasen. Der Gabbai (Synagogendiener, der das Gebet organisiert) kam am Abend des ersten Tages zu mir und fragte mich, ob ich Schofar blasen könne. Derjenige, der eigentlich blasen sollte, wurde von der Polizei in die Quarantäne geschickt. Am Schabbat.

Kurzfristiger ging es nicht. Ich dachte: Ok, wenn Not am Mann ist, bin ich da (Frauen dürfen bei uns Orthodoxen leider keinen Schofar blasen). Ich brachte meinen Schofar am nächsten Morgen mit zum Gebet, bekam einen weissen Kittel übergeworfen und wurde an das Gebetspult gestellt. Dieser Kittel sieht aus wie eine Mischung aus Malerkittel und Schlafanzug und wird üblicherweise von Vorbetern und Schofarbläsern getragen. Ich sprach die Gebete für den Schofarbläser und die Segenssprüche und die Gemeinde wiederholte sie. Ich war aufgeregt. Mein Hebräisch ist okay, aber ich habe da Texte vorgelesen, die ich noch nie gelesen habe.

Nach den ganzen Segenssprüchen kamen dann die Schofartöne. Ich blas. Und blas. Und machte dabei Fehler und musste wiederholen. Der Gabbai war gnadenlos. Ich wurde nach einigen Tönen erlöst und von einem anderen Beter abgewechselt, der mit gleich zwei Schofarhörnern erschienen ist.

Ich hätte gerne noch mehr Töne geblasen, zumindest zum Schluss. Der Gabbai hatte das in Aussicht gestellt und dann kurzfristig umentschieden. Ich war ein wenig geknickt.

Zuhause erwartete mich meine Frau Jenny und die Kinder. Sie war zum ersten Mal überhaupt zu Rosch HaSchanah nicht in der Synagoge. Ich blas also für sie den Schofar. Aber nicht nur für sie. Unser Nachbar, der auch in Quarantäne ist, wollte ihn auch hören. Ich stand also auf dem Balkon, der Nachbar sprach die Segenssprüche und ich blies, bis mir die Lippen brannten. Die ganze Nachbarschaft hörte zu. Es gab Rufe der Zustimmung und sogar Applaus. Ich war zufrieden und hatte vergessen, dass ich kurz zuvor noch geknickt war wegen der Auswechslung.

Während des darauf folgenden wohlverdienten Mittagsschlaf klopfte es plötzlich an der Tür. Zwei mir völlig unbekannte Frauen standen dort und sagten: „Wir haben dich vorhin so schön Schofar blasen gehört. Wir sind unten im Hof mit jemandem, der so gerne den Schofar hören will und im Rollstuhl sitzt. Kannst Du kurz herunterkommen und für ihn blasen?“ Ich zögerte kurz (auch in Israel gibt es Mittagsruhe, und der Schofar ist laut!) und dann kam ich mit runter. Es war doch eine wichtige Mitzwah! Ich erwartete einen Alten im Rollstuhl, aber ich fand ein junger Mann Anfang zwanzig vor. Zwei Schläuche kamen aus seinem Kopf, der in einem Verband steckte und die Schläuche endeten in einer Aparatur. Der junge Mann konnte kaum sprechen oder gehen. Ich kam zu ihm (2m Abstand…) und als er mich sah, bestand er darauf, gestützt zu werden und aufzustehen, während ich den Schofar blase. Und ich blies und mir kamen dabei die Tränen.

Ich bin so froh, dass ich mir vor einen Monat den Schofar gekauft habe und gelernt habe, ihn zu blasen. Ich konnte Menschen damit berühren und wurde berührt. Und meine Kinder haben Rosch HaSchanah auch viel direkter erlebt als in den Jahren davor. Denn auch sie durften mal probieren, aus dem Horn einen Ton zu quetschen und waren dabei sogar relativ erfolgreich. Auch meine kleine Tochter! Orthodox hin oder her.

Tag der Befreiung

8mai
Die Vier Mütter der Befreiung

Heute ist der 8. Mai. Dieser Tag ist ein besonderer Tag im Kalender, denn im Jahre 1945 hat die Deutsche Wehrmacht an diesem Tag kapituliert. Das große Grauen des Krieges war vorbei und das Morden der Deutschen hatte ein Ende. Es war nicht gleich alles wieder gut, aber es war das Ende des Schreckens.

Ich habe heute Geburtstag. Daher hatte ich selbst als noch völlig unpolitisches Kind keine Chance, diesen Tag zu ignorieren. Mein Vater hat seiner Mutter 1975 per Telegramm meine Geburt mit den Worten angezeigt: „Heute hat sich Felix selbst befreit.“

Zugegeben, meine Mutter war es, die mich auf die Welt brachte und ich habe es einfach überlebt. Aber das Wortspiel war so schön. Und Verdrehung von Zusammenhängen war im Osten ja auch Staatsdoktrin: Dort wurde der 8. Mai als „Tag der Befreiung“ gefeiert. Natürlich dankte man in erster Linie Mütterchen Russland für diese Befreiung als eine der vier Mütter dieser schweren Geburt, aber man sah sich selbst eben als das unschuldige Baby, neu geboren durch Blut, das von der bösen Macht der Nazis befreit wurde. Als ob es eine externe Naziarmee war, die Deutschland im Würgegriff hatte und mit Gewalt entfernt werden musste.

In der letzten freien Wahl vor der Machtübernahme der Nazis erreichte die NSDAP um Adolf Hitler 43,9% der Stimmen. Die Nazis, das waren die Deutschen und niemand anderes. Jaja, ich weiss, nicht alle Deutschen, aber eben doch sehr sehr viele. Und die Zahl der Menschen im aktiven Widerstand war im niedrigen einstelligen Prozentbereich, wie Forschungen ergeben haben. Auch wenn das dem Selbstbild vieler Deutschen widerspricht.

Es ist das Deutsche Dilemma, dass Deutschland kaum etwas Gutes aus eigener Kraft geschafft hat. Demokratie, „Wirtschaftswunder“, Wiedervereinigung, all das wurde von aussen gefördert oder gefordert. Nationalfeiertage wie der „Independence Day“ in den USA oder der „Yom Haatzmaut“ in Israel verbieten sich da fast von selbst. Man feiert stattdessen den „Tag der Deutschen Einheit“, aber nicht am 9. November, an dem die Mauer fiel, sondern am 3. Oktober. Die „Reichskristallnacht“ überschattet selbst solch ein Ereignis.

Es gibt Bestrebungen, den 8. Mai als offiziellen Feiertag in Deutschland zu installieren. Eine Petition von der Holocaustüberlebenden Esther Bejarano fordert genau das. Das finde ich gut! Für mich persönlich wäre es zwar etwas spät, denn ich wohne nicht mehr in Deutschland und kann den Feiertag, der grundsätzlich auf meinen Geburtstag fällt, nicht mehr geniessen, aber für Deutschland ist er richtig und wichtig.

Mein Problem ist nur, wie verhindert man, dass er wie in der DDR gefeiert wird? Wie kann man schon mit dem Namen des Tages ausschliessen, dass man sich als unschuldiges Baby begreift, das von externen Nazis befreit wurde? Hier sind ein paar Vorschläge (nicht alle ganz ernst gemeint) und meine Gedanken dazu.

Tag der Befreiung

Der Name ist verbrannt. Ein Regime hat ihn genutzt. Und er drängt gerade dazu, sich als Deutscher in der Opferrolle wiederzufinden: Das Opfer, das befreit wurde. Man kann sogar sagen: unfreiwillig befreit. Also nein, dieser Name kann es nicht sein.

Tag der Niederlage

So würde der Hundekrawattennazi ihn wohl nennen. Inhaltlich korrekt, die Deutschen haben den Krieg verloren, aber er klingt nach Trauertag und nicht nach einem Feiertag. Und das sollte er sein.

Tag der Kapitulation

Schon besser. Aber eben nicht viel besser.

Tag der verdienten Niederlage

Das gefällt mir. Die Deutsche Niederlage war mehr als verdient, sie war humanitär zwingend notwendig. Daher ist „verdient“ schon fast ein Euphemismus. Und das ist auch ein Argument gegen den Namen. Denn „verdient“ könnte auch heissen, dass die Wehrmacht einfach nicht gut genug gekämpft hat.

Tag des blutigen Neuanfangs

Das ist bisher mein Lieblingsvorschlag in dieser Liste. Es war blutig, es war ein Neuanfang. Der Name erlaubt keine der oben genannten Assoziationen. Aber er macht die Opfer gleich. Die gefallenen Wehrmachtssoldaten und die toten SS-Mörder wie die Zivilisten, die in Deutschland in Städtebombardierungen gestorben sind auf der einen Seite und die Opfer der Befreierarmeen, der Widerstandskämpfer und vor allem die ganzen Opfer des Holocaust auf der anderen. Alle sind nur noch Kollateralschäden der Chance, von Vorne zu beginnen.

Kriegsende/WK2-Ende

Nein, zu neutral. Viel zu neutral. Dieser Tag braucht Emotion.

Tag der Besinnung

Diesen Namen hat die Rechtsaussen-Gazette „Junge Freiheit“ vorgeschlagen. Das allein würde ihn schon disqualifizieren. Aber gegen diesen Namen spricht noch mehr. Es ist nichts besinnliches an einer Kapitulation. Es ist der Tag, an dem sich alle ihre Wunden lecken und sich daran machen, alles wieder aufzubauen. Es ist ein Tag der Hoffnung, ein Tag, an dem der Schmerz nachlässt.

Tag des Sieges in Europa – VE-Day

So nennen diesen Tag die Sieger im Westen Europas. In Frankreich etwa ist das ein staatlicher Feiertag. Ich lebte zwischen meinem 11. und 21. Lebensjahr dort und die Häuser waren jedes Jahr mit Französischen Tricolores geschmückt. Nur am Rathaus hing ausserdem noch eine US-Flagge, denn es waren die Amerikaner, die Frankreich von der Deutschen Besatzung befreit haben. Die Französische Armee war besiegt. Deswegen sollten die Franzosen den Feiertag „Tag der Befreiung“ nennen, nicht die Deutschen.

Aber wie soll der Tag nun heißen? Ich habe keine Idee. Vielleicht sollte Deutschland einfach gar nicht feiern und sich 365 Tage im Jahr einfach nur schämen. Das wäre zwar gerecht, aber umsetzbar ist das auch nicht.

Foto von @bertapetra license: Creative Commons CC BY_NC-SA 4.0

Merry X-mas und frohe Y-nachten 2019

weihnukka-kippa

Wir Juden zünden heute Abend unsere erste Chanukkah-Kerze. Und während wir schon mitten drin sind im Channukkah-Fest und die dritte Kerze auf dem Leuchter brennt, feiern die Christen Weihnachten.

Ich wünsche daher schon jetzt allen, die es feiern, von ganzem Herzen: Frohe Weihnachten!

Diese Wünsche sind in vielen Fällen bitter nötig. Vor allem die Christlichen Gemeinden im Nahen Osten sind so sehr bedroht wie schon lange nicht mehr. Aber auch im ganz privaten Umfeld ist das Fest der Liebe oft auch ein Fest der Hiebe. Ich selbst bin wahrscheinlich ausschließlich deshalb Jude geworden, damit mir dieses Fest erspart bleibt.

Mein Freund Matthias antwortete mal auf die Frage, wie er und seine Familie denn Weihnachten feiern werden: Wir essen viel, streiten uns und schenken uns Dinge, von denen wir in spätestens zwei Wochen wissen, dass wir sie nie gebraucht haben. Also, so oder so ähnlich hat er es gesagt.

Und so ähnlich habe ich auch Weihnachten in meiner Kindheit in Erinnerung. Streit und Essen gab es quasi immer. Geschenke auch, um die es dann auch oft noch mehr Streit gab. Der Baum war hübsch, das Essen gut, immerhin.

Der Name des Festes ist interessant. Hier eine Tabelle in verschiedenen Sprachen:

Sprache Wort Bedeutung
Englisch
Christmas
Christus (Messias) Fest
Französisch Noël Geburtsfest
Spanisch Navidad Geburtsfest
Hebräisch (Chag HaMoled) חג המולד Geburtsfest
Italienisch Natale Geburtsfest
Dänisch Jul Germanischer Kalendermonat Dezember
Holländisch Kerstmis Christus (Messias) Fest
Deutsch Weihnachten Chanukkah

Die meisten Sprachen nennen das Weihnachtsfest nach dem, was der Überlieferung nach passiert ist: Der Messias (Christ) wurde geboren. Schließlich feiert man seinen Geburtstag (und acht Tage später, nach guter jüdischer Tradition, seine Beschneidung am 1. Januar). Die Dänen stechen heraus, da sie den Festnamen am Kalender fest machen. Und die Deutschen? Die nennen ihr Lichterfest im Winter einfach Chanukkah!

Das hebräische Wort Chanukkah bedeutet Weihe. Es geht dabei um die Wiedereinweihung des Tempels in Jerusalem nach der Entweihung durch die Griechen. Zur Weihung braucht man Olivenöl für den Leuchter und davon war nur noch so wenig da, dass es nur einen Tag gereicht hätte. Aber wie durch ein Wunder, hielt das Öl ganze acht Tage. So lange hat es gedauert, neues Öl zu besorgen.

Das ist in etwa so, wie wenn ihr morgens auf dem Smartphone noch 10% Batterie habt, aber es dennoch den ganzen Tag durchhält.

Warum ich das erzähle? Damit deutlich wird, dass nicht nur der Name fast gleich ist, auch die Bräuche von Weihnachten in Deutschland und Channukkah ähneln sich stark:

  • Datum: Beides wird am 25. des Monats gefeiert, der im jeweiligen Kalender üblicherweise in die Wintersonnenwende fällt. Also 25. Dezember oder 25. Kislev.
  • Abends: In den meisten Ländern wird am 25. tagsüber beschert. In Deutschland aber am 24. Abends. Jüdische Tage und damit auch Feiertage wie Chanukkah beginnen abends.
  • Kerzen 1: Die Chanukkah-Kerzen müssen ins Fenster gestellt werden, da ihr Zweck die öffentliche Verkündung des Chanukkah-Wunders ist. In Deutschen Haushalten werden zu Weihnachten die Fenster traditionell mit Kerzenständern und anderen Lichtern geschmückt.
  • Kerzen 2: Jeden Tag während des acht Tage andauernden Chanukkahfestes zündet man eine zusätzliche Kerze. Im Advent zündet man jeden Adventssonntag eine weitere Kerze.
  • Adventskalender: Auch hier werden die Tage gezählt, genau wie bei den acht Chanukkah-Kerzen.
  • Geschenke: Auch an Chanukkah bekommen die Kinder Geschenke oder einfach Chanukkah Gelt (mit t, weil es jiddisch ist) und man isst Karotten in Scheiben, die an Geldstücke erinnern sollen.
  • Familie: An Chanukkah feiert man mit der ganzen Familie. Jeder bekommt seinen eigenen Leuchter. Weihnachten ist ein Familienfest.
  • Glühwein: Zugegeben, eher eine zufällige Parallele. Juden trinken eigentlich zu jedem Anlass Wein.
  • Weihnachtsmann: Also, wenn Du mich fragst, sieht der aus wie ein Rabbi, dessen Klamotten rot gefärbt sind. Und daran ist ja nur Coca Cola (koscher) schuld (ich weiß, stimmt nicht). Und Bommelmützen tragen die Anhänger von Rabbi Nachman auch.
  • Messias: Das ist vielleicht ein wenig weit hergeholt. Aber hey, warum nicht, es geht schließlich um Religion, da ist argumentativ meist kein Weg zu weit. Chanukkah feiert das Olivenölwunder und das hebräische Wort Moschiach (Messias) bedeutet: Der Gesalbte. Die Salbung erfolgt mit Olivenöl.
  • Essen: Immer im Januar sind Frauen- und Männerzeitungen voll mit Diättipps. Im Rest des Jahres zwar auch, aber im Januar geht es im Besonderen darum, den sog. Weihnachtsspeck wieder los zu werden. An Chanukkah essen wir lauter in Öl gebratene oder gebackene Dinge: Kartoffelpuffer, Berliner (Pfannkuchen, Kreppel, etc.), gebratene Karottenscheiben (s.o.) und vieles mehr. Das Öl setzt sich dann im Körper gerne als Hüftgold ab.

Wie eng und vor allem, wie viel enger als andere Völker die Deutschen und die Juden bis zum Anfang des letzten Jahrhunderts zusammengelebt haben, erahnt man, wenn man sich diese Parallelen ansieht. Nicht umsonst ist das alte hebräische Wort für Deutschland „Medinat Aschkenas“. Aschkenasen sind die nord- und osteuropäischen Juden.

Ich wünsche allen, die dieses Fest feiern, dass es besinnliche Tage werden, mit schönem Baum, sinnvollen Geschenken, wenig Streit und gutem Essen!

P.S.: Zugegeben, dieser Text erschien fast wortgleich bereits letztes, vorletztes, vorvorletztes und vorvorvorletztes Jahr, aber warum ihn so weit unten im Blog versauern lassen, wenn er doch heuer wieder so gut passt!

P.P.S.: Noch mehr Weihnachtsfunfacts gibt es auf Twitter!

Tu BiSchwat – Öko in der Torah

tubishvat
Ist der Mensch ein Baum im Feld?

Heute ist Tu Bi’Schwat, das Neujahr der Bäume. Es ist ein kleinerer Feiertag, der im Kalender leicht unbemerkt an einem vorbeigeht. Es gibt keine besonderen Gebete, man isst wenn möglich ein Paar Baumfrüchte, vorzugsweise Trockenfrüchte und Nüsse, auch Trauben, Datteln, Feigen, Oliven und Granatäpfel, die die Torah als Früchte des Landes Israel preist und das war es schon.

Der Kabbalist Arizal hat zwar einen „Seder„, also eine an Pessach angelehnte Festmahlzeit entworfen, bei der man auch vier Gläser Wein trinkt, aber das ist keine weit verbreitete Tradition. Ich trinke nicht mal gerne Wein, daher warte ich mit exzessivem Alkoholgenuss lieber auf Purim. Da kann man auch Bier trinken.
Der Feiertag ist in Israel für die Beurteilung, wie alt ein Baum ist, wichtig. Früchte darf man nämlich erst nach drei Jahren von einem jungen Baum ernten. Daher ist das Neujahr der Bäume so was wie ein gemeinsamer Geburtstag für unsere hölzernen Freunde.

Man sieht, Bäume bekommen in der Torah eigene Rechte. Fast wie Tiere und Menschen. Es ist etwa verboten, einen Fruchtbaum zu fällen, nur weil einem in einem Krieg im Weg ist.

Die Halacha, das jüdische Gesetzt interpretiert aus diesem Gebot das Verbot der Verschwendung und sinnlosen Zerstörung von Gegenständen, Häusern, der Natur und der Umwelt. Die Torah ist also voll öko, wie man auf Neudeutsch sagt! Die entsprechenden Gesetze findet man im Deuteronomium, dem 5. Buch Mose, Verse 20:19-20.

Und dort mittendrin steht der merkwürdige Satz „Ki Ha’adam Etz HaSsadeh“. Wörtlich übersetzt bedeutet das „Weil der Mensch ein Baum im Feld (ist)“. Ich selbst fühle mich nicht wirklich wie ein Baum. Ich habe nicht nur ein Bein und das ist auch nicht am Boden fest gewachsen. Die wörtliche Bedeutung bringt uns also nicht weiter.

Die Kommentatoren der Torah haben diesem Satz über die Jahrhunderte große Aufmerksamkeit geschenkt. Ist er nicht doch eine Frage und keine Aussage? Sind die Baumfrüchte des Menschen seine Kinder oder seine Gedanken und Wissen? Wenn man nur Fruchtbäume nicht fällen darf, muss man sich einen neuen Lehrer suchen, also den alten fällen, wenn er keine Wissenfrüchte mehr trägt, von denen man lernen kann? Oder sind die Wurzeln sein Intellekt und die Baumkrone sein Kopf, der zum Himmel gewandt ist?

Tu Bi’Shvat ist also nicht nur ein Neujahr der Bäume, es ist auch für uns mal wieder ein Anstoss, sich mit uns selbst und unserer Umwelt zu befassen. Ist der Mensch ein Baum im Feld? Bin ich verwurzelt in meinem Intellekt, meinem Glauben, meinem Umfeld und in dieser Welt oder schwankt mein Kopf im Wind herum und ein kleiner Sturm wird mich entwurzeln?

Der Israelische Dichter Natan Zach hat kurz nach dem Holocaust den Satz „Ki Ha’adam Etz HaSsadeh“ in ein wunderschönes, trauriges Lied verdichtet. Ich habe versucht, es nachzudichten:

Ist der Mensch ein Baum im Feld?
Natan Zach – Deutsch: Eliyah Havemann

Ist der Mensch ein Baum im Feld?
Genau wie ein Mensch, blüht auf der Baum
Genau wie der Baum, wird der Mensch gefällt
Und ich, ich weiss nicht
wo war ich und wo will ich noch hin
wie ein Baum im Feld

Ist der Mensch ein Baum im Feld?
Er wirft die Arme wie ein Baum gen Himmel
Und er verkohlt wie er im Brand
Und ich, ich weiss nicht
wo war ich und wo will ich noch hin
wie ein Baum im Feld

Ist der Mensch ein Baum im Feld?
Unstillbar ist sein Durst nach Wasser
Nach Leben in unserer vertrockneten Welt
Und ich, ich weiss nicht
wo war ich und wo will ich noch hin
wie ein Baum im Feld

Ich liebte und ich hasste
Ich habe so vieles probiert
Doch sie verscharrten mich in der Erde
und es schmeckt so bitter und ich werde
wie ein Baum im Feld
wie ein Baum im Feld

Anmerkung: Dieser Text erschien fast wortgleich schon mal hier im Blog.

Frohes neues Jahr 2017!

Ich liebe ja Kalender und deswegen geht auch dieser nichtjüdische Neujahrs-Feiertag nicht sang- und klanglos an mir vorbei.

chan8day
Heute Morgen beim Morgengebet brannten noch mal alle acht Kerzen

Er wird sogar in meinem Buch ausführlich besprochen!
Dieses Jahr waren, wie ihr schon wisst, Channukah und Weihnachten am selben Tag. Das nächste Mal wird das 2027 so sein, also in 11 Jahren. Alle 19 Jahre, wenn sich ein Zyklus von Schaltmonaten im Hebräischen Kalender schliesst, fällt der Tag auf einen in der Nähe, also hier auf den 26.12.2035. Diese Abweichung ist mit den gregorianischen Schaltjahren zu erklären.
Wenn Weihnachten und Channukka zusammenfallen, dann fallen auch der Neumond (Rosh Chodesh) Kislev und der 1. Dezember zusammen und der 1. Januar mit dem 8. Tag Channukkah. Dieses Jahr hatte der Kislev im Hebräischen Kalender nur 29 Tage (sonst meist 30), daher fiel der 1. Tevet auf den 29. Dezember. Im Jahr 2027 aber hat der Kislev die üblichen 30 Tage, so dass Silvester und Rosh Chodesh auch auf den selben Tag fallen.
Der 1. Januar ist immer acht Tage nach Weihnachten, denn da wird die Beschneidung des Geburtstagskindes vom 25.12. gefeiert. Heute ist dieser Tag und daher auch der 8. Tag Channukkah.
Daher wünsche ich heute allen ein schönes neues Jahr 2017, ein besinnliches Beschneidungsfest und ganz besonders: Einen schönen letzten Tag Channukkah! Heute darf man noch mal Berliner/Pfannkuchen/Sufganiyot essen, ohne ein schlechtes Gewissen zu bekommen. Morgen beginnt dann für alle von uns wieder der Ernst des Lebens.

Danke lilmod.org

lilmodorg

Heute ist mein Kurs auf lilmod.org zu Ende gegangen. Zwölf mal insgesamt immer am Dienstag Abend durfte ich geduldigen Zuhörern Mitmachern erzählen, wie der jüdische Kalender funktioniert, welche Besonderheiten ihn ausmachen und wie die Feiertage zu den Jahreszeiten passen. Sogar ganz geheime Geheimnisse über die Sternzeichen und die Macht der Sterne wurden verraten!

Es war mein erster Online-Kurs, den ich geleitet habe. Das klappte meist gut, manchmal nicht so sehr und ich brauchte jedes Mal viel Vorbereitung, denn ich konnte nicht auf jahrelange Kurserfahrung zurückblicken und einfach alles aus dem Ärmel schütteln.

Das heisst aber auch, dass ich nicht nur gelehrt, sondern auch selbst sehr viel gelernt habe zusammen mit allen Kursteilnehmern. Danke an Euch dafür! Und danke natürlich an Anna von lilmod.org, mich einzuladen, einen Kurs zu geben!

Die Kurse wurden aufgezeichnet und auf Youtube veröffentlicht.