Nationalhymne gendern?

deutsche_fahneAls die Beatles in ihrem Song „All you need is love“ zu Beginn des Liedes die Französische Nationalhymne musikalisch zitiert haben, dachten sie an Paris als „Hauptstadt der Liebe“. An küssende Pärchen spazierend an den Ufern der Seine inmitten flatternder Friedenstauben. Sie dachten bestimmt nicht an die Zeilen:

Marchons, marchons!
Qu’un sang impur
Abreuve nos sillons!

Zu Deutsch:

Marschiert! Marschiert!
So dass unreines Blut
Unsere Äcker tränkt!

Der Rest der „Marseillaise“ ist nicht weniger blutig und so gar nicht lieblich.

Auch andere Hymnen haben keine friedlichen Texte. Die Amerikaner etwa besingen Bomben und Raketen.

Monarchenkult

Die Briten wiederum besingen ihren Monarchen und wünschen ihr oder ihm Siege und meinen damit militärische. Es gibt verschiedenste Versionen des Textes, je nach politischer Lage und amtierenden Monarch.

Nur die Niederländer trotzen dem Wandel der Zeit und besingen bis heute einen Deutschen Monarchen, der Spanien Treue schwört.

Verbotene Texte

Die Deutschen wollen in ihrer Hymne „über alles“ sein, aber verbieten sich selbst, diese Strophe auch zu singen. Es bleibt für den offiziellen Gebrauch nur die dritte Strophe, die das Vaterland besingt, das brüderlichen mit Herz und Hand verteidigt werden soll, damit es Glück für seine Bewohner bringt.

Die DDR wiederum fand den Text der eigenen Nationalhymne so subversiv, dass er kurzerhand komplett verboten wurde. Ähnlich halten es die Spanier, die die Franco-Hymne nur noch instrumental spielen oder summen.

Marschmusik

Musikalisch sind fast alle Hymnen dieser Welt Marschmusik, die dem Kampfgeist der Truppen stärken soll, die mit Übermut und Nationalstolz im Herzen kämpfen müssen. Ironischer weise ist die Israelische Hymne eine der wenigen der Welt in Moll und ohne Marschrhythmus, wo unsere Soldaten doch tatsächlich viel zu oft in den Krieg ziehen müssen. Offenbar funktioniert das auch mit deprimierender Musik ganz gut.

Viele Hymnen sind Kopien von oder Anlehnungen an bekannte Lieder und Musikstücke oder auch anderer Hymnen. Dass ausgerechnet Deutschland, das so viele begnadete Komponisten hervorgebracht hat (nein, ich rede nicht von Dieter Bohlen) eine der langweiligsten Melodien der Welt abbekommen hat, hat eine gewisse Ironie.

Ich persönlich kann die Deutsche Hymne nicht leiden. Und das meine ich komplett ohne den historischen Kontext. Text und Melodie sind so undramatisch wie die Regierung Merkel.

Dennoch will laut BILD am Sonntag die SPD Politikerin und Frauenbeauftragte Kristin Rose-Möhring den Text der dritten Strophe gendern und aus „Vaterland“ ein „Heimatland“ machen und aus „brüderlich“ „couragiert“. Und siehe da, wenn man die zweite Strophe auch erfolgreich gegendert hat, dann kann man sie auch wieder singen. Oder nicht?

Deutsche Bürger, deutsche Treue,
Deutscher Wein und deutscher Sang
Sollen in der Welt behalten
Ihren alten schönen Klang,
Uns zu edler Tat begeistern
Unser ganzes Leben lang –
Deutsche Bürger, deutsche Treue,
Deutscher Wein und deutscher Sang!

Anmut sparet nicht noch Mühe!

Mir soll es recht sein. Die Hymne ist eh so schlecht, die kann man nicht mehr verschlimmbessern. Zur Wiedervereinigung hätten wir die historische Chance gehabt, eine neue Hymne zu wählen. Haben wir aber nicht. Schade. Die wunderschöne „Kinderhymne“ von Bertolt Brecht wäre ein Kandidat gewesen.

 

All you need is love und fehlende Französischkenntnisse:

Burkiniverbot ist antisemitisch

IMG_1714.jpg
Mein Passfoto

Als ich nach der Hochzeit meinen deutschen Pass in Hamburg verlängern wollte, kam ich zum Einwohnermeldeamt mit meinem alten Pass, Passfotos und sonstigen Dokumenten. Nach langem Warten kam ich endlich zu einer Beamtin und gab ihr meine Unterlagen. Sie sagte wie aus der Pistole geschossen, ich könne auf dem Passfoto keine Kopfbedeckung tragen. Daraufhin erklärte ich ihr, dass gläubige jüdische Frauen nach der Hochzeit eine Kopfbedeckung tragen. Diese variiert vom Kopfband über Mütze bis zur Perücke. Die Beamtin schaute mich ungläubig und gleichzeitig begeistert an und sagte, sie müsse das überprüfen.

Nach einer Weile kam sie wieder und erzählte mir ganz begeistert, was sie darüber alles im Internet gefunden hat. Die Religionsfreiheit hat in meinem Fall gesiegt: Auf meinem Passfoto trage ich eine Kopfbedeckung.

Viele gläubige jüdische Frauen und Mädchen tragen Badeanzüge, die dem Burkini sehr ähnlich sehen. Daher ist der Burkiniverbot nicht nur ein Angriff auf die Religionsfreiheit der muslimischen Frauen, sondern auch der jüdischen.

lorifront
Koscherer Badeanzug für Frauen

Zwei große Diskussionen haben in den letzten Tagen und Wochen die Schlagzeilen beherrscht: Das Burkaverbot in Deutschland und das Burkiniverbot in Frankreich.

Wie passt es eigentlich zu unserer freiheitlich denkenden Gesellschaft, dass wir nur noch über Verbote sprechen? Manchmal kommt es mir vor, als wären unsere Grundrechte, etwa das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit und die Religionsfreiheit, anderen, zweifelhaften Werten untergeordnet worden. Gibt es etwa ein Recht auf freie Fleischbeschau an Europäischen Stränden, von dem ich nichts weiss?

In der Burka sehe ich persönlich eine eindeutige Unterdrückung der Frau. Wenn man eine Frau religiös zwingt, ihr Gesicht komplett zu verdecken, macht man aus einer Frau einen Gegenstand, der nicht mit der Außenwelt kommunizieren darf. Das finde ich widerlich.

Beim Burkini ist aber eine ganz andere Geschichte. Wenn eine Frau aus religiösen oder aus irgendwelchen anderen Gründen ihren Körper am Strand nicht komplett zeigen möchte, hat kein Mann oder Polizist das Recht, sie zum Ausziehen zu zwingen. Was ist das für eine Frechheit?

In Israel gibt es jede Menge Frauen in Burkinis und koscheren Badeanzügen an den Stränden. Der eine oder andere guckt vielleicht komisch, doch man respektiert die Freiheit auf religiöse Ausübung.

Wieso führt man eigentlich so viele Debatten über Frauen? Lasst uns doch mal darüber sprechen, wie die Männer der zivilisierten Gesellschaften am Strand angezogen sind.

Gedanken zum 8. Mai

seattle_daily_times_1945
© Deutsch-Russisches Museum Berlin-Karlshorst, Sammlung Iwan Schagin

Heute ist der 8. Mai 2016. Heute ist:

Und als ob das noch nicht genug wäre, ist dieser Tag eingerahmt von den Tagen Jom Hascho’ah, Jom Hasikaron und Jom Ha’atzma’ut.

Ich bin in der DDR geboren und in West-Deutschland und Frankreich aufgewachsen. Wie der 8. Mai in diesen drei Ländern begangen wurde, kann unterschiedlicher nicht sein. Die DDR feierte die Befreiung vom Hitlerfaschismus, kurz „Tag der Befreiung“. Mein Vater telegrafierte daher am 8. Mai 1975 an seine Mutter: Heute hat sich Felix selbst befreit. Etwa anderthalb Jahre später haben meine Mutter und ich uns auch selbst in den Westen befreit. Dort wurde und wird der Feiertag überhaupt nicht begangen. Immerhin haben wir meinen Geburtstag regelmässig weiter gefeiert. Als wir dann, ich war inzwischen elf Jahre alt, nach Frankreich zogen, feierten die Franzosen an meinem Geburtstag den Sieg über Deutschland mit sehr vielen Tricolores und ein paar verschämt aufgestellen Sternenbannern dazwischen.

Das ist doch alles absurd. Die DDR wurde nicht befreit, sie hat ein Regime nur gegen ein neues getauscht. Die BRD wiederum wurde tatsächlich befreit, feiert das aber nicht, weil sie wohl lieber auf diese Freiheit verzichtet hätte. Ausgerechnet Frankreich, das den Krieg als einer der ersten verlor und von Amerikanern befreit werden musste, feiert ausgelassen den eigenen Sieg über ein Deutschland, mit dem sie vorher noch (zugegeben gezwungenermassen) kollaboriert hatten. Und dafür, dass man geboren wurde, kann man nichts. Trotzdem feiert man sich dafür, dabei sollte man doch seine Eltern, allem voran seine Mutter feiern, die einen geboren hat.

Heute ist auch Muttertag, also kann ich meine Mutter doppelt feiern. Doch vor allem kann ich mich freuen, dass ich frei bin, frei mich zu entfalten, auch frei von Deutschland und Frankreich und ihren verqueren (nicht-)Feiern, in meiner neuen Heimat Israel. Ich bin jetzt 41 Jahre alt, verheiratet, habe mit meiner wundervollen Frau zwei ebenso wundervolle Söhne und lebe in einem traumhaft schönen Land. Um mein Glück heute perfekt zu machen ist die olle Honnecker noch gestorben beerdigt worden (danke dafür!) und ich habe in der Synagoge heute morgen zum Neumod (Rosch Chodesch) die Ehre eines Aufrufs zur Torah bekommen.

Diese Woche wird eine kurze Arbeitswoche, denn wir feiern unsere Freiheit als Juden in unserem eigenen Land am Jom Ha’atzmaut. Und das ist für mich der viel gewichtigere Tag der Befreiung vom Hitlerfaschismus und allen anderen Antisemiten dieser Welt. Heute aber ist daher hauptsächlich mein Geburtstag. Glückwünsche dazu sind natürlich willkommen!

UPDATE

Meine Mutter, der ja meine Glückwünsche für heute gelten, weiss es mal wieder genauer: Die Honnecker ist bereits vorgestern gestorben. Die Nachrichten dazu gab es aber erst heute, denn heute landete sie als Festschmauss für die Würmer unter der Erde. Ob die sie mögen werden?

BDS: Orange is the new Partner

orange_partner
Die Anbieterkennung hat heute gewechselt.

Orange ist ein multinationaler Mobilfunkanbieter mit Sitz in Frankreich. Eigentlich ist es ein Franchise-Unternehmen, ähnlich wie McDonalds für Fastfood, nur eben für Mobilfunk.

Der Israelische Partner von Orange heisst genau so: Partner Communications. Mein Handy ist mit einer SIM aus diesem Unternehmen ausgestattet. Sie haben, meiner Meinung nach, das beste Netz in diesem Land.

Mobil telefonieren ist hier so billig wie in wenigen Ländern und die Nutzer haben so viele Rechte wie nirgendwo. So kann man jederzeit den Anbieter wechseln und die eigene Nummer mitnehmen, ohne dass der alte Anbieter zustimmen muss. Man bekommt eine neue SIM am Verkaufsstand von einem anderen Anbieter mit einem besseren Angebot und keine fünf Minuten später ist die Nummer portiert.

Das führt dazu, dass der Wettbewerb gnadenlos und die Preise niedrig sind. Für umgerechnet etwa 10 Euro bekommt man eine Flat in alle nationalen Netze inkl. SMS, Gigabytes an Daten und üppige Inklusivminuten ins Ausland. Sogar das Datenroaming kostet einen Bruchteil dessen, was deutsche Mobilfunkanbieter so bei ihren per langem Vertrag an sie ausgelieferten Kunden abgreifen.

Über den Preis kann man kaum noch im Wettbewerb bestehen. Aber Partner hat jetzt ein neues Verkaufsargument hinzubekommen: Daffke!

partnerwebsite Partner Webseite in Israel

Der Orange CEO Stéphane Richard hat letztes Jahr im Ägypten verlauten lassen, dass er lieber heute als morgen den Deal mit Israel beenden würde. Er reagierte damit auf eine BDS Diffamierungscampagne gegen Orange in Ägypten. Von Israelischer Seite wurde der Mann schwer kritisiert, aber gebracht hat es nichts. Mein Telefon hat es mir heute angezeigt: Das gewohnte „Orange“ der Anbieterkennung ist einem „Partner“ gewichen. Und auch die Webseite sieht sehr, sehr anders aus.

shalomtodaorange
Angenehm, Partner – Schalom und Danke, Orange

Kein Glanzstück im Design, wenn man mich fragt. Aber egal. Orange ist weg. Stattdessen gibt es die passende Komplementärfarbe Türkis. Partner. Der Anbieter meiner Wahl.

Und kein Geld mehr für das Franchising nach Frankreich. Die vertreiben verlieren gerade auch ihre Juden an Israel, da ist das nur konsequent.

UPDATE 19.4.2016

Die Läden sind inzwischen alle mit dem neuen Logo verziert, aber an einer Stelle wird es schwer werden, den Namen komplett zu verbannen. Immerhin kann man ihn mit Füßen treten:

orangefibre
Warnung vor gefährlicher (!!) Glasfaser in drei Sprachen in drei Schriften

Diese Deckel gibt es überall im Land verteilt.

Danke, Frankreich!

Paris!

1,2 Millionen Menschen. Das muss man sich mal vorstellen! Das kann man sich als einzelner Mensch gar nicht vorstellen! 3,7 Millionen Menschen in ganz Frankreich! Und dann noch viele viele andere in Europa und der Welt. Alle diese Menschen gingen und gehen auf die Strasse, um den Verbrechern, die im Namen des Islam töten, ihr Gesicht zu zeigen. Um ihnen zu zeigen: Wir haben keine Angst vor euch! Wir haben Angst um unsere verlustreich in Jahrhunderten des Krieges erkämpfte Zivilisation in Europa. Wir lassen sie uns von euch Mördern nicht nehmen.
Als ich die Nachrichten der Tagesschau (per Internet-Stream) sah, war ich den Tränen nahe. Ich habe innerlich geweint vor Glück. Und auch heute kann ich es noch immer nicht fassen, dass das passiert ist. Dass diesen Menschen auf ein Mal bewusst geworden ist, welches Glück sie haben, seit fast einem Jahrhundert ohne Kriege im „alten Europa“ zu leben. Eine so lange Periode des Friedens gab es in diesen Breiten noch nie. Mehrere Generationen sind geboren, die den heissen Krieg wenn überhaupt nur aus Nachrichten aus fernen Ländern und Geschichten der Groß- und Urgroßeltern kennen.
Doch die Kriege kommen wieder näher. Sarajevo 1992 bis 1995 war geographisch näher als es emotional war. Kroatien 1991 bis 1995 ebenso. 1998/1999 war der Kosovo in direkter Nachbarschaft dran. Aber das ging die wenigsten im alten Europa etwas an. 2014, der Krieg in der Ukraine, der keiner sein will, geht uns mehr an, weil er die Angst vor einem neuen Kalten oder sogar heissen Krieg mit Russland schürt. Aber abgesehen davon, geht es uns in Europa unglaublich gut. Und in dieser angenehmen Situation leistet man sich den Luxus, Krieg als etwas Überwundenes, etwas weit fernes zu betrachten. Und man verliert das Gefühl dafür, was Kriege eigentlich sind und warum sie geführt werden. Dafür muss man dankbar sein. Dieses Gefühl muss man nicht haben.
Hier in Israel lernt man schnell, was eine existenzielle Bedrohung ist. Spätestens wenn man mitten in der Nacht sein schlafendes Kind aus dem Bett reisst und in den Luftschutzkeller rennt. Diese existenzielle Bedrohung hat jetzt auch Frankreich zu spüren bekommen. Sie wurden aus ihrem Dornröschenschlaf geweckt, durch dem sie die vielen Morde an und Übergriffe auf Juden, die in den letzten Jahren so viele von Ihnen in die Flucht nach Israel getrieben hat, ignorieren konnten. Doch jetzt sind 3,7 Millionen Menschen in Frankreich auf die Straße gegangen und sagen: Stop!
Bei so vielen Menschen sind zwangsläufig immer welche dabei, die man nicht leiden kann. Etwa Abbas, der einer Organisation vorsteht, die Verbrechen wie die in Paris glorifiziert, dazu aufruft und sie selbst ausführt und finanziert. Was er da sollte, will ich nicht verstehen. Aber das ändert nichts daran, dass diese Demonstration gut und richtig war. Und das ändert auch nichts daran, dass ich sage: Danke, Frankreich!