10 Jahre Aliyah

Heute vor 10 Jahren habe ich Aliyah gemacht.

Es war in erster Linie keine rationale Entscheidung, sondern eine emotionale. Es war eine Art Märchengeschichte, die ich mir hätte nie träumen lassen können.

Mein Mann und ich waren eine Weile befreundet, als er Anfang 2010 kurz nachdem wir uns verliebt haben, Aliyah gemacht hat.

Der Abschied damals war mit Tränen und gebrochenen Herzen, zurückblickend eine hollywoodreife Geschichte.

Zwei Monate später, nach täglichen Telefonaten, saßen wir Abends im März am Strand in Tel Aviv und er machte mir einen Antrag.

Ich wusste, dass es nicht nur ein persönlicher Neuanfang sein würde, sondern für mich auch ein Neuanfang in einem neuen Land. Ich liebte Israel und sah es neben Deutschland auch als Heimat, dennoch war es etwas neues für mich, hier zu leben.

Im August heirateten wir dann in Deutschland und zogen in eine gemeinsame Wohnung in Jerusalem.

Als mein Aliyah Visum fertig war, flogen wir nach Deutschland, um es abzuholen.

Mit 5 Koffern landeten wir dann am 1.11.2010 in Israel, unserer neuen Heimat. Ich wurde noch vor der Passkontrolle von einer Frau mit einem Schild abgeholt und in einen Raum vom Innenministerium gebracht.

Dort bekam ich von einer müden Beamtin meinen Ausweis in die Hand gedrückt, sie sagte „Mazal Tov and welcome home“, ich macht ein Foto mit meinem Ausweis und wir fuhren nach Jerusalem. Vier Jahre war Jerusalem unser Zuhause, dort sind unsere Jungs auf die Welt gekommen. Danach hat es uns in die Nähe von Tel Aviv verschlagen.

Jetzt schlagen in meiner Brust zwei Herzen, eines für Deutschland und eines für Israel. Israel ist ein verrücktes Land aber ich bin unheimlich glücklich, dass es für meinen Mann, mich und unsere drei Kinder ein Zuhause ist, wo wir uns wohl fühlen.

Pater Nikodemus

Gestern Abend war ich in Jerusalem bei der Konrad-Adenauer-Stiftung zu Besuch. Mein Freund Michael Borchard hat seinem Amtsnachfolger symbolisch die Schlüssel für das Büro übergeben und eine pointierte, emotionale Rede gehalten. Das Land Israel wird ihn wohl zeitlebens nicht loslassen.

Dort traf ich mal wieder auf den in Stuttgart geborenen Pater Nikodemus. Auch er wird Israel nicht wieder los, denn er ist gekommen, um zu bleiben. Wir haben einen interessanten interreligiösen Dialog begonnen an dem Abend. Ich hoffe, wir werden ihn vertiefen.

Wenn es klappt, sogar mit Kamera und Ton, damit auch andere an unseren Gedanken und unserem Dialog teilhaben können. Denn eines ist uns beiden klar: Er wird Christ bleiben, ganz egal, was ich sage und ich bleibe Jude, egal welche Argumente er vorbringt. Nur wenn das geklärt ist, kann tatsächlich ein interessanter Austausch von Ideen und Wissen stattfinden.

Am kommenden Sonntag stellt er sich zur Wahl als Abt der Dormitio Abtei in Jerusalem. Ich wünsche ihm und der Abtei, dass er gewählt wird. Einen offeneren, sympathischeren, gewitzteren und besseren Abt werden sie so schnell nicht finden.

Unter Belagerung

Ein Jahr ist vergangen seit dem letzten 10. Tevet: Der Fasttag, der so nah an Channukkah liegt. Freude und Leid waren schon immer enge Verbündete. Die Nähe dieser beiden Tage im Kalender erinnert uns daran. Der eine feiert das Ende und der andere den Beginn der Belagerung Jerusalems, wenn auch durch verschiedene Belagerer. Aber von denen gibt es ja mehr als genug.

Die 13 Blumen

IMG_0946 Der Tempel in Jerusalem als Modell (Israel Museum)

Heute ist nach dem jüdischen Kalender der Zehnte Tevet, der Tag der Beginn der Belagerung Jerusalems durch Nebuchadnezzar, die zur Zerstörung des ersten Tempels führte. Wir fasten und beten viel. Es ist ein nationaler Trauertag. Wer nicht weiss, zu welchem Datum seine Verwandten etwa im Holocaust tatsächlich ermordet wurden, kann heute das Trauergebet, das Kaddisch, für sie sagen, das üblichweise am Tag der Yahrzeit, also am Todestag nach dem jüdischen Kalender gesprochen wird.

Ich faste nicht gerne. Und heute fühle ich mich auch sonst nicht besonders fit. Daher hätte ich Grund genug, diesen doch nachrangingen Fastttag ausfallen zu lassen und mit den Kollegen Essen zu gehen, wie jeden Tag.

Aber Asara BeTevet, wie der Tag auf hebräisch heisst, ist doch ein besonderer Fasttag. Würde er auf einen Schabbat fallen, was er niemals tut, dann würden wir am Schabbat fasten. Das ist…

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Nach München: Ist ethnisches Profiling eine gute Idee?

polizei münchen twitter
Mitgefühl ist wichtig, aber keine Lösung

Das Einkaufszentrum „Malcha“ liegt im Süden der Stadt. Nebenan ist der Bahnhof, von dort kann man mit dem Bummelzug nach Tel Aviv fahren. Malcha ist das größte Einkaufszentrum Jerusalems.
Ich bin öfter mal hier. Einkaufen im hiesigen heissen Klima ist in klimatisierten Einkaufszentren einfach angenehmer. Man trifft hier viele Familien, jüdische wie muslimische, und man sitzt ganz selbstverständlich zusammen im Bereich mit den vielen Schnellrestaurants, wo es von Burger über Pizza bis Schuwarma und Sushi für jeden Geschmack etwas gibt. Unterschiede werden hier nicht gemacht.

Zumindest nicht drinnen. Draussen vor der Tür ist das anders. Jeder muss durch die Sicherheitsschleuse, aber nur die Muslime werden besonders gründlich gecheckt. Ich als Jude muss zwar auch durch den Metalldetektor durch, aber in meine Tasche wird nur ein kurzer Blick geworfen, wenn überhaupt.

In Israel gibt es überall Sicherheitskontrollen. Nicht nur an Flughäfen oder Bahnhöfen, auch vor jedem Supermarkt und so manchem Café. Das nervt, geht aber leider nicht anders. Diese Checks sind unterschiedlich ausgeprägt, aber was sie alle gemein haben ist: Arabische Muslime werden schärfer kontrolliert. Schärfer als Juden, als die vielen philippinischen Gastarbeiter, als Christen, Touristen, als alle.
Trotzdem wollen von den knapp 20% Muslimen in Israel mehr als dreiviertel in keinem anderen Land der Welt leben. Sie verstehen deutlich, warum sie hier so behandelt werden: So ziemlich alle Attentate in diesem Land werden von arabischen Muslimen begangen. Warum sollte man also die übrigen Menschen noch zusätzlich behelligen, aus deren Reihen niemals Attentate verübt werden?

Ethnisches Profiling ist nicht politisch korrekt

Es ist nicht politisch korrekt. Das weiss ich und da weiss jeder hier. Aber es ist einfach mal verdammt praktisch, und zwar für alle, auch die Muslime: Es spart Rescourcen. Es sorgt für ein friedliches Nebeneinander in den gesicherten Bereichen, es muss also niemand seinen Nachbarn verschämt verdächtigen. Und es verhindert lange Schlangen vor den Sicherheitskontrollen, die nicht nur alle nerven, sie böten auch selbst ein einfaches Anschlagsziel.

In Deutschland hat ein iranischstämmiger Jugendlicher in einem Münchner Einkaufszentrum bei einem Amoklauf etwa zehn Menschen erschossen und viele weitere teilweise schwer verletzt. Wenige Tage vorher hat ein arabischer Jugendlicher in einem Regionalzug mit der Axt gewütet und Menschen schwer verletzt. In Frankreich hat ein furchtbares Attentat von einem arabischen jungen Mann, der einem LKW als Waffe missbrauchte, nur wenige Tage zuvor etwa 80 Menschenleben gekostet. Und diese Kette lässt sich noch sehr lange weiter fortführen über Orlando, Paris, London und Madrid.

In München wurde panisch reagiert

Wie soll man auf Terror reagieren? In München wurde panisch die ganze Stadt lahmgelegt wegen eines einzelnen Schützen. Zwei Deutsche Politiker vergalloppierten sich kürzlich komplett mit Posts bei Twitter, Rufe nach Bundeswehreinsätzen im Inneren werden laut und andere wiederum versuchen, mit Mitgefühl für die Opfer zu punkten (siehe Bild oben). Aber wer bietet eine Lösung?

Ein europäisches Problem

In Frankreich nur „Le Pen“, eine Partei gegen die die rechte FPÖ aus Österreich ein Knabenchor ist und die AfD eine Kinderkrippe. Dennoch kenne ich in Israel französische Juden, die „Le Pen“ unterstützen. Das ist erschreckend! Der Grund ist, dass nur diese Nazis pragmatische, kurzfristige Lösungen anbieten, die sogar umsetzbar sind. Sie schlagen ethnisches Profiling und engmaschige Sicherheitschecks ähnlich wie in Israel vor. Und das schlimme ist, sie haben Recht damit! Das ist die einzig praktikable Lösung im Moment. Aber sie kleben ein rassistisches Label darauf, denn sie verdächtigen alle Muslime und Araber und nur die, potentielle Mörder zu sein. Dabei sollte es doch umgekehrt sein: Der Generalverdacht gilt für alle, aber Gruppen, deren Mitglieder erfahrungsgemäss selten bis nie Anschläge ausführen, wie Renter oder etwa Biergartenbesucher, bekommen einen Vertrauensbonus. Und nach einer leider notwendigen Sicherheitskontrolle sind wieder alle gleich. Wie im Einkaufszentrum „Malcha“ in Jerusalem.

Wenn die falschen Leute aus falschen Gründen das Richtige machen

Die Parteien aus dem demokratischen Spektrum in Europa überlassen aus Angst, praktikable Lösungen umzusetzen, die einen rassistischen Nachgeschmack haben könnten, den wahren Rassisten das Feld. Dabei ist ethnisches Profiling richtig eingesetzt ein Vorteil für alle, auch für die direkt Benachteiligten. Machen es aber die falschen Leute aus falschen Gründen, bin ich der erste, der dagegen ist.

Mörder sind Mörder, unabhängig von der Ethnie

Aber ethnisches Profiling kann gute Polizeiarbeit und Geheimdienstarbeit nur ergänzen, niemals ersetzen. Denn auch Nichtmuslime können Terroristen und Mörder sein, wie etwa der Fall Breivik aus Norwegen zeigt. Und der scheint auch mit dem Anschlag jetzt in München zusammenzuhängen. Der Amokläufer aus München hat wohl nur zufällig in das Hochrisikoprofil „Junger männlicher Muslim“ gepasst. Das ist den Rechten aber egal. Den Opfern übrigens auch.

UPDATE

Der Artikel ist jetzt auch auf welt.de zu lesen:

http://www.welt.de/debatte/kommentare/article157308066/Israel-zeigt-dass-ethnisches-Profiling-hilft.html

Zugfahrt nach Jerusalem

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Endstation unserer Reise nach Jerusalem: Die Kotel

Mein älterer Sohn liebt Eisenbahnen. Die echten wie auch die aus Holz im Spielzimmer. Ich selbst war 1995 das erste Mal in Israel und bin vor sechs Jahren eingewandert und bin seither noch nie mit der Eisenbahn in diesem Land gefahren!

Ich musste mein Defizit ausgleichen und konnte damit meinem Sohn gleich noch eine Freude bereiten: Wir sind mit der Eisenbahn von Tel Aviv nach Jerusalem gefahren.

Auf dem Weg muss die Bahn etwa 700 Höhenmeter überwinden. Die Strecke stammt noch aus der Britischen Mandatszeit und ist weitestgehend eingleisig.  Heute passt man die Landschaft an die Streckenführung an, damals war es noch umgekehrt: Sie schmiegt sich in Täler und an Berge an und zwingt mit ihren vielen Kurven die Bahn zu einer gemütlichen Fahrt. Die modernen Dieseltriebwagen mit etwas heruntergekommenem Interieur sind bequem und quietschen sanft in den Kurven.

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Die Bahn fährt langsam die Serpentinen hoch. (Screenshot Google Maps)

Leider habe ich so gut wie keine Fotos von der Fahrt. Die SD-Karte der Kamera steckte noch zuhause im Rechner, so war die mitgebrachte Kamera funktionslos. Daher müsst ihr mir einfach glauben: Die Fahrt ist malerisch schön. Die Strecke mäandert sich den Berg hoch durch menschenleere Täler, neben Flüssen und auch trockenen Flussbetten, durch einen dichten Nadelbaumwald mit verlassenen Bahnhöfen und unbefestigten Wegen auf der Strecke. Da der Zug so langsam fährt, kann man entspannt aus dem Fenster schauen und den Ausblick geniessen. Handyempfang gibt es auch keinen, eine absolute Entschleunigung ist also garantiert.

Wer es eilig hat, fährt Bus. Der ist fast doppelt so schnell, wenn nicht gerade Stau ist und kostet nur ein kleines bisschen mehr. Ausserdem endet die Bahnfahrt in Malcha, also am anderen Ende der Stadt neben dem gleichnamigen Einkaufszentrum und nicht im Stadtzentrum.

Die Bahn ist daher angenehm leer, zumindest wenn man nicht zur Rushhour fährt. Und die Fahrt kostet für Erwachsene ohne Rabatte nur 20 , also knapp 5 Euro. Dafür bekommt man einen Blick auf das Land, wie man ihn noch nie zuvor gesehen hat.

Aber man muss sich etwas beeilen. Eine neue Bahnstrecke ist bereits im Bau und soll Anfang 2018 in Betrieb gehen. Spätestens dann wird die alte Strecke wohl stillgelegt und man fliegt in unter einer halben Stunde von Tel Aviv nach Jerusalem. Auch diese Strecke werde ich dann mit meinem Sohn probefahren!

Jom Jeruschalayim – Die Befreiung vor 49 Jahren

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Mit Jehuda Kohen (סא“ל, vgl. Oberstleutnant)

Heute vor 49 Jahren wurde Jerusalem von den Jordaniern befreit. Sie wüteten in der Stadt für beinahe 20 Jahre, vertrieben alle jüdischen Bewohner aus der Altstadt und zerstörten die meisten Synagogen, darunter auch die Hurva, die prächtigste Synagoge ihrer Zeit.

Gestern Abend lauschte ich nach dem Abendgebet in unserer Synagoge dem Vortrag des Veteranen Jehuda Kohen. Er war damals ein einfacher Soldat, der im Sechs-Tage-Krieg als Reservist von der Uni eingezogen und in den Krieg geschick wurde. Er erzählte uns, wie die Mobilmachung ablief und dass es kaum Telefon und erst Recht kein Internet gab und viele einfach nicht wussten, was auf sie zu kommt. Er hatte damals eine kleine Kamera dabei und zeigte uns nun Fotos aus der Zeit.

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Das Design des Vortrages erinnerte an Webseiten aus den 90er Jahren…

Er gehörte zu einer Division, die eigentlich Richtung Ägypten aufbrechen und Nasser und seine Truppen zurückschlagen sollte. Die Ägypter waren aber unerwartet schnell besiegt, und sie wurden dort nicht mehr gebraucht. Nasser allerdings belog seinen Alliierten König Hussein aus Jordanien und erzählte ihm, seine Truppen ständen bereits vor Tel Aviv. Daher kämpften die Jordanier weiter.

Als er und seine Kameraden hörten, sie sollen nach Jerusalem, waren sie geradezu enttäuscht. „Was sollen wir in dieser Stadt?“, fragten sie sich. Dabei waren er und einige seiner Kameraden religiös und gingen mit TNT, Gewehr, Bajonett, Gebetsbuch und Gebetsriemen im Gepäck in den Krieg. Den militärischen Sinn dahinter und die emotionale Relevanz dieser Befreiung wurde ihnen erst später bewusst. Ich fragte ihn gestern Abend, ob der heutige Staat Israel ohne Jerusalem und die Kotel existieren könnte, und er verneinte vehement.

Er hielt einen Diavortrag mit seinen Fotos und erzählte seine persönliche Geschichte. Von der Fahrt im Bus nach Jerusalem, der Eroberung von Bunkern (mit TNT), wehmütig, wie er einen Jordanischen Soldaten erschoss, dem er in die Augen gesehen hatte, wie sie auf Har Hotzvim verschnauften und schliesslich, nach weiteren Stationen, den Har Habait, den Tempelberg eroberten.

An jeder Station träumten sie davon, dass der Krieg jetzt endlich vorbei sei, und erst am Tempelberg wurden sie erlöst.

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Jehuda Kohen auf dem Tempelberg

Er zeigte uns Fotos von ihm und seinen Kameraden, wie sie vor dem Felsendom posieren, an dessen Kuppel sie eine Israelische Fahne angebracht hatten. Es gibt kein Foto von der Fahne dort, nach einer halben Stunde wurde sie auf Befehl eines Vorgesetzten wieder eingeholt. Der religiöse Ort für die Muslime sollte respektiert bleiben. Auch die Freude währte nur kurz, denn schnell verbreiteten sich die Nachrichten darüber, wer ihrer Freunde gefallen und verwundet war.

Dass dieser Krieg gegen die Jordanier kein Krieg gegen Muslime oder Palästinenser war, sondern gegen die Jordanischen Besatzer, zeigt die Rede Moshe Dayans, dem damals amtierenden Verteidigungsminister, kurz nach der Befreiung:

„This morning, the Israel Defense Forces liberated Jerusalem. We have united Jerusalem, the divided capital of Israel. We have returned to the holiest of our holy places, never to part from it again.
To our Arab neighbors we extend, also at this hour – and with added emphasis at this hour – our hand in peace. And to our Christian and Muslim fellow citizens, we solemnly promise full religious freedom and rights. We did not come to Jerusalem for the sake of other peoples‘ holy places, and not to interfere with the adherents of other faiths, but in order to safeguard its entirety, and to live there together with others, in unity.“

Jehuda Kohen hält diesen Vortrag seit Jahren und erzählt beseelt davon, wie er mit Rabbi Goren und Rabbi Kook das erste Minchagebet (Nachmittagsgebet) an der Kotel (Westmauer oder Klagemauer) seit Jahrzehnten gebetet hat und sie mit 10 Männern angefangen haben und zum Ende des Gebets alle anderen dazugekommen sind, die vorher noch am Felsendom sassen. Die Kotel ist seit dem eine offene Synagoge für alle, egal ob Jude, Christ, Moslem oder sonst irgend etwas.

Die Kontrolle über den Tempelberg selbst haben wir wieder abgegeben. Dort herrscht die Fatah und lässt Juden, die offen als Juden zu erkennen sind nicht rein.

 

 

Langweilige Story aus Israel

Achtung, diese Story ist absolut langweilig:

Vergangenen Freitag Nachmittag waren wir mit den Kindern auf einem Spielplatz in Jerusalem. Es war noch etwas Zeit bis Sonnenuntergang.

Mein großer Kleiner rannte zu weit weg und wurde dankenswerterweise von einem anderen Vater eingesammelt und zurück gebracht. Der hatte einen Sohn, der fasziniert war von meinem kleinen Kleinen. Die beiden kleinen Jungs sind etwa ein Jahr alt und brabbelten sich gegenseitig lächelnd an. Wir Eltern unterhielten uns derweil über Elternthemen (wie alt ist er, kann er schon laufen, blablablubb). Danach wünschten wir uns noch einen schönen Tag.

Ende der Geschichte.

Warum erzähle ich diese belanglose Geschichte? Der Vater des anderen Jungen war Araber. Es interessiert keinen, dass Araber und Juden in Israel Mitmenschen sind und sich auch so verhalten. Ist halt zu langweilig und keine Meldung wert.

Klagen über ein gemischtes Doppel an der Mauer

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Das Kapitel Feminismus in meinem Buch „Wie werde ich Jude

Die Westmauer oder Kotel, spöttisch Klagemauer genannt, ist das letzte Überbleibsel des zweiten Tempels.

Uns Juden sind Orte nicht heilig. Nur die Torah ist es. Wenn ein Haus als Synagoge genutzt wird, dann hat es dadurch eine Heiligkeit, die aber verschwindet, sobald die Juden, die dort beten und die Torah, die sie dort gelernt haben, auch verschwunden sind.

Die Westmauer in Jerusalem ist eine Ausnahme, zumindest nach der Meinung einiger Rabbiner. Sie hat eine eigene Heiligkeit, die vom Tempel herrührt und dem besonderen Ort, an dem sie ist. Dort ist die Aufopferung Isaaks passiert, dort träumte Jakob seinen Traum von der Himmelsleiter und dort ist die ewige Schchina, die Anwesenheit G’ttes, angezeigt durch die Tauben, die dort fliegen. Sie ist damit unser einziges, wahres und ewiges Heiligtum auf der Welt.

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Zion Karasanti, Yitzhak Yifat und Haim Oshri, IDF Fallschirmjäger an der Westmauer kurz nach ihrer Befreiung. Dieses berühmte Foto wurde fotografiert von David Rubinger

Im Sechs-Tage-Krieg hat die IDF die Kotel von den Jordaniern befreit. Seit dem ist sie ein nationales Symbol für die Befreiung Jerusalems, eine Open-Air-Synagoge und Pilgerort (nicht nur) für Juden aus der ganzen Welt.

Der Zutritt ist nach Geschlechtern getrennt. Nicht nur das, der Bereich für Männer ist ungleich größer als der für Frauen. Das liegt daran, dass die Kotel eine orthodoxe Synagoge ist. Dagegen gab und gibt es immer wieder Widerstand, am prominentesten durch die „Women of the Wall“ Aktivistinnen. Mit einer ihrer Anführerinnen haben wir mal gemeinsam Schabbat gefeiert.

Jetzt hat der Staat Israel sich dem Druck gebeugt und ein Areal für das Gemeinsame Beten von Männern und Frauen in Aussicht gestellt.

Das klingt gut und gerecht. Ich bin trotzdem dagegen.

Das Judentum, vor allem das orthodoxe, kennt keine Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern. Ich habe mich, als ich selbst orthodox geworden bin, damit auseinandersetzen müssen, den tief im Herzen bin ich ein Feminist. Noch immer. Daher war auch das Kapitel über den Feminismus in meinem Buch für mich das so ziemlich schwierigste, das ich geschrieben habe.

Ich will das Kapitel hier nicht wiedergeben. Wen es (hoffentlich) interessiert, dem empfehle ich einfach mal unverfroren den Kauf meines Buches. Es lohnt sich. Zusammenfassend sage ich dort: Frauen und Männer müssen gleichwertig sein und nicht zwingend gleichberechtigt.

Mein Grund, warum ich gegen das neue Areal bin, ist aber ein anderer.

Wer in Deutschland mal in einer Einheitsgemeinde wie etwa in Hamburg oder Berlin war, dem wird aufgefallen sein, dass dort nach orthodoxen Riten gebetet wird, die Männer und Frauen getrennt sind, aber mit Abstand die meisten Juden, die dort hinkommen am Schabbat mit dem Auto vor der Tür parken. Sie sind also nicht orthodox. Warum lassen sie sich die Bevormundung durch die orthodoxen gefallen? Das ist doch geradezu undemokratisch!

Ist es nicht. Denn Demokratie heisst nicht „die Meinung der Mehrheit wird immer durchgesetzt„, sondern oft auch einfach „der kleinste gemeinsame Nenner wird gefunden„. Und das ist bei einer Synagoge eben die Orthodoxie. Sie erlaubt es jedem, egal wie religiös er ist, die Synagoge zu besuchen und dort zu beten. In eine Synagoge mit gemischtem Gebet wäre das nicht möglich, die orthodoxen Juden, so wie auch meine Frau und ich, wären aussen vor.

Wenn es aber genügend Juden gibt in einer Stadt, dann gibt es für jedes Plaisier eine eigene Synagoge. In Jerusalem beispielsweise findet man alles in jeder Schattierung, sogar orthodox-egalitär und liberal-getrennt. Wenn es aber schwierig ist, überhaupt genügend Juden zu versammeln, dann muss die Synagoge allen passen, die da sind. In Kiel etwa ist das eine liberale Gemeinde, in Hamburg eine orthodoxe.

Die Kotel ist unser heiligstes, wie ich oben schon ausgeführt habe. Ich will auch nicht den reformierten oder liberalen Juden absprechen, dass ihnen die Kotel heilig ist, wie das ein anderer Kommentator getan hat. Auch für nichtreligiöse Israelis ist sie ein nationales Symbol. Aber es gibt nur eine Kotel für alle und daher muss sie dem kleinsten gemeinsamen Nenner genügen. Und der ist orthodox mit Geschlechtertrennung. Das neue Areal sollte lieber den Frauen zugeschlagen werden, denn das würde deutlich mehr Frauen zugute kommen, als die gemischte Extrawurst.

Wenn es nach den Wünschen einer Mehrheit von Israelis aus Tel Aviv ginge, wäre dort wahrscheinlich eher ein Beachclub oder ein Café.

 

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Der alte Bahnhof in Jerusalem „Hatachana Harischona

Gut Schabbes Selfie – Jitro

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Zwei Tafeln zartbitter!

Der gute, alte Jitro. Ein Konvertit wie ich, der Moses die Leviten liest. Schon alleine deshalb gefällt er mir und ich fühle mich ihm verbunden. 😉 Er gab Mosche praktische Tipps, wie man als frischgebackener Religionsstifter mit so alltäglichen Problemen wie beispielsweise begriffsstutzigen Anhängern umgehen sollte.

Das wichtigste Ereignis in diesem Wochenabschnitt ist aber nicht Mosches Schwiegervater, es sind die beiden Tafeln, die Mosche vom Berg Sinai mitgebracht hat. Keine Schokoladentafeln wie im Bild, sondern Steintafeln mit den Zehn Geboten.

Aber Schokolade passt auch, vor allem, wenn sie bittersüss ist. Diese Zehn Gebote, die ersten fünf für das Verhältnis zwischen den Menschen und G-tt und die zweiten fünf für das Benehmen unter den Menschen. Bittersüsse Gebote sind es, denn sie sind zwar streng und resolut, aber ermöglichen uns ein ethisches Zusammenleben.

Das erste der zweiten fünf lautet: Lo tirzach! Die gängige Übersetzung „Du sollst nicht töten!“ ist, sagen wir mal, ungenau. Das hebräische Verb „razach“ wird nur für Mord und Menschenschlachtung verwendet. Notwehr, Töten im Krieg und auch das Schlachten von Tieren ist nicht Teil dieses Verbotes.

Wenn also jemand mit einem Messer auf einen Menschen los geht, und dabei erschossen wird, dann hat nur einer der Beteiligten dieses Gebot verletzt. Genau: Der mit dem Messer in der Hand. In dieser Woche traf es einen Arbeitskollegen von mir. Er hat überlebt, sein Angreifer auch. Baruch HaShem. Wenn gar keiner getötet wird, ist es irgendwie besser. Aber immer noch bitter. Ganz ohne süss.