Holocaust-Witz

Es gibt Dinge, über die macht man keine Witze. Dazu gehört das Leid anderer. Aber es gibt Dinge, über die muss man Witze machen. Dazu gehört das eigene Leid, denn so wird es erträglicher.

In Israel und unter Juden weltweit gibt es daher furchtbar schreckliche Witze über den Holocaust. Geschmacklos und würdelos sind sie und das Lachen bleibt einem im Halse stecken, wie ein Jud…. Nein, den Satz führe ich nicht zu Ende.

Wenn ein Deutscher einen solchen Witz erzählt, dann gehört er angezeigt wegen Volksverhetzung. Und die Ausrede: „Aber die Juden erzählen solche Witze selbst!“ gilt nicht. Das ist übrigens genau der selbe Grund, warum sich Schwarze gegenseitig mit dem N-Wort ansprechen können und Weiße es nicht in den Mund nehmen dürfen.

Heute ist der Holocaust-Gedenktag in Israel. Was für einen besseren Tag gibt es für einen Juden und Nachkommen weggemordeter Juden, einen Holocaust-(Ausch)Witz zu erzählen?

Ein Holocaust-Überlebender stirbt im hohen Alter und tritt vor seinen Schöpfer. Er erzählt ihm einen Holocaust-Witz und lacht dabei lauthals. Gott spricht streng: „Mein Lieber, das ist nun wirklich überhaupt nicht witzig!“ Sagt der Überlebende: „Ach, Du hättest dabei sein sollen“

Und nun noch mal auf Englisch:

A holocaust survivor dies of old age and meets his maker in heaven. He tells him a holocaust joke and cracks up laughing. God says: „Listen, it’s not funny at all!“ The survivor replies: „Eh, you should have been there!“

Anschlag in Tel Aviv kurz vor dem Holocaust-Gedenktag

IMG_4338
Veranstaltung in Ra’anana zum Yom Hashoah

Seit gestern machte ich mir Gedanken darüber, ob und was ich zum heutigen Holocaust-Gedenktag schreiben soll. Irgendwie schreibt man doch sowieso immer das selbe: „Erinnern ist wichtig, Holocaust darf sich nicht wiederholen“ und andere Floskeln.

Als ich heute Nachmittag auf dem Weg zum Kindergarten war um meine Kinder abzuholen, las ich, dass mitten in Tel Aviv an der Strandpromenade vier Menschen von einem Terroristen mit einem Messer angegriffen wurden. Zum Glück wurde nach jetzigem Stand niemand ernsthaft verletzt.

Aber es trifft mich doch mitten ins Herz. Ein Paar Stunden, bevor wir unseren im Holocaust verstorbenen Verwandten gedenken und wir bei den zahlreichen Gedenkfeiern in fast jeder Stadt in Israel in Tränen ausbrechen, versucht jemand meine Mitmenschen umzubringen, nur weil sie Juden sind.

Einige sind der Meinung, wir haben Israel dem Holocaust zu verdanken. Das ist natürlich äußerst zynisch und ist meiner Meinung nach auch nicht zutreffend. Was aber schon stimmt ist, dass durch den Holocaust das Nationalgefühl in Israel ein Besonderes ist. Man hat es satt, immer wieder Opfer in der Geschichte sein. Holocaust war der Höhepunkt der jüdischen Opfergeschichte. Jetzt sind wir in der Lage, uns selbst zu verteidigen. Deshalb hing der Anschlag heut in Tel Aviv mit dem heutigen Holocaust-Gedenktag zusammen. Der Terrorist wurde überwältigt und eingesperrt. Er wird seine Strafe bekommen. Das war für unsere Verwandten vor nicht mal 80 Jahren nicht möglich. Nicht nur wurden sie systematisch und grausam ermordet und kaum einer ist eingeschritten, sondern sogar noch nach dem Holocaust sind bis heute etwa 90% der Deutschen, die am Holocaust beteiligt waren, nicht zur Rechenschaft gezogen worden.

Zu diesem Thema habe ich letztes Jahr die Kampagne #WoSindDieTäter gestartet.

Ich kenne aber auch viele tolle Menschen, die sich gegen das Vergessen mit wichtigen Projekten einsetzen. Ich kenne auch tolle Organisationen, die gegen den Antisemitismus heute kämpfen. Ihnen möchte ich danken.

Ich habe mich entschieden, auch einen bescheidenen Beitrag für die Zukunft zu leisten. Letztes Jahr gründete ich hier in Israel eine Organisation, die sich für Deutsch-Israelische Beziehungen einsetzt. Eines unserer Projekte ist ein Deutsches Bildungszentrum, wo Kinder aus deutschsprachigen Familien die Deutsche Kultur und Sprache lernen.

Trauern und Erinnern an die Deutsch-Jüdische Vergangenheit ist und bleibt wichtig, aber was wir aus unserer gemeinsamen Zukunft machen, ist noch viel wichtiger.

#WoSindDieTäter – Wo sind die Täter

 

‪#‎WoSindDieTaeter‬

Die deutsche Justiz hat versagt: Von etwa 3000 Mitgliedern der vier SS Einsatzgruppen, die vor allem in Osteuropa, abseits der Vernichtungslager, über eine Million Menschen ermordeten, wurden ganze 24 dieser Mörder angeklagt und verurteilt. Die übrigen führten und führen ein unbehelligtes Leben. Die überlebenden Familienmitglieder der Opfer leiden bis heute in der dritten Generation unter dem Schmerz des Verlustes.

Einer nach dem anderen wird eine ganze Familie mit Waffengewalt von Soldaten aus ihrem Haus herausgezerrt. „Raus!“ schreien sie, „Raus, raus!“. Mutter, Vater und die kleine Tochter, die noch keine 6 Jahre alt ist, laufen aus dem Haus. Das Mädchen trägt ein hübsches blaues Kleid mit Blumen. Sie versteht nicht, was passiert. Verängstigt folgt sie mit ihren Eltern den Soldaten. Nach einigen Minuten kommen sie zu einer Stelle, an der noch andere Menschen aus ihrem Dorf stehen und auch von Soldaten bewacht werden. Die Soldaten zwingen sie, in ein großes Loch zu steigen. Das Mädchen klammert sich an ihre Eltern und klettert mit ihnen in das Loch. Die Soldaten fangen an, Erde auf die Menschen in der Grube zu schütten. Das kleine Mädchen guckt einen Soldaten an und fragt unschuldig: „Warum schütten Sie mir Sand in die Augen?“ Sie ahnt noch nicht, dass der Soldat sie gerade lebendig begräbt.

An diesem Punkt endet die Filmszene und auch meine Erinnerung an den Film. Doch dieser Filmausschnitt hat mich damals im Alter von etwa 7 Jahren schwer schockiert und sehr geprägt. Ich versuchte mir vorzustellen, es wäre nur Fiktion, aber es ist die Geschichte meiner eigenen Familie. Genau so wurde auch meine Familie im Holocaust von der SS-Einsatzgruppe C lebendig begraben. Meine Uroma erzählte uns all diese Geschichten wieder und wieder und ich wusste, dass auch ich diese Erinnerungen weiter tragen muss. Dieses unbeschreibliche Verbrechen darf nicht vergessen werden.

Letztes Jahr traf ich auf einer Veranstaltung einen Mitarbeiter des Simon-Wiesenthal-Centers. Sie pflegen eine Liste von SS-Einsatzgruppen-Mitgliedern, bei denen die Wahrscheinlichkeit, dass sie noch am Leben sind, relativ hoch ist. Sie starteten bereits zwei Aktionen mit dem Titel „Spät, aber nicht zu spät“ mit dem Ziel, Hinweise zu noch lebenden Mördern zu finden, leider mit überschaubarem Erfolg.

Leider ist es für Strafverfolgung jetzt zu spät, denn die meisten Täter sind entweder schon tot oder werden in den nächsten Jahren sterben. Doch was bedeutet der Holocaust für die junge Generation? Laut einer Bertelsmann-Studie wünschen unverändert seit nunmehr 20 Jahren über 80% der Deutschen ein Schlussstrich unter der Aufarbeitung des Holocaust. Für die junge Generation der Opferfamilien kommt dies nicht in Frage.

In sozialen Medien über den Hashtag #WoSindDieTaeter will ich an die Verbrechen der SS-Einsatzgruppen, die auch meine Familie auf dem Gewissen haben, erinnern. Ich will auch mit dem Mythos aufräumen, die BRD hätte den Holocaust vorbildlich aufgearbeitet. Das mag für die historische Aufarbeitung stimmen, für die juristische aber, das zeigt dieses Beispiel deutlich, stimmt es mitnichten. Ich möchte, dass das Versagen der Justiz ins öffentliche Bewusstsein rückt. Denn auch die historische Aufarbeitung war ein mühsamer Prozess. Und ich will an meiner eigenen Biographie deutlich machen, dass diese Aufarbeitung noch nicht vollbracht ist.
Helfen Sie mir! Schreiben Sie in Artikeln, Blogposts und Nachrichten über diesen Aufruf, wenn er am 4-5 Mai 2016 zum Yom HaSchoa Tag in die Öffentlichkeit startet und nutzen Sie dabei immer den Hashtag #WoSindDieTaeter. Danke!

IMG_9090IMG_9093