Klagen über ein gemischtes Doppel an der Mauer

feminismus
Das Kapitel Feminismus in meinem Buch „Wie werde ich Jude

Die Westmauer oder Kotel, spöttisch Klagemauer genannt, ist das letzte Überbleibsel des zweiten Tempels.

Uns Juden sind Orte nicht heilig. Nur die Torah ist es. Wenn ein Haus als Synagoge genutzt wird, dann hat es dadurch eine Heiligkeit, die aber verschwindet, sobald die Juden, die dort beten und die Torah, die sie dort gelernt haben, auch verschwunden sind.

Die Westmauer in Jerusalem ist eine Ausnahme, zumindest nach der Meinung einiger Rabbiner. Sie hat eine eigene Heiligkeit, die vom Tempel herrührt und dem besonderen Ort, an dem sie ist. Dort ist die Aufopferung Isaaks passiert, dort träumte Jakob seinen Traum von der Himmelsleiter und dort ist die ewige Schchina, die Anwesenheit G’ttes, angezeigt durch die Tauben, die dort fliegen. Sie ist damit unser einziges, wahres und ewiges Heiligtum auf der Welt.

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Zion Karasanti, Yitzhak Yifat und Haim Oshri, IDF Fallschirmjäger an der Westmauer kurz nach ihrer Befreiung. Dieses berühmte Foto wurde fotografiert von David Rubinger

Im Sechs-Tage-Krieg hat die IDF die Kotel von den Jordaniern befreit. Seit dem ist sie ein nationales Symbol für die Befreiung Jerusalems, eine Open-Air-Synagoge und Pilgerort (nicht nur) für Juden aus der ganzen Welt.

Der Zutritt ist nach Geschlechtern getrennt. Nicht nur das, der Bereich für Männer ist ungleich größer als der für Frauen. Das liegt daran, dass die Kotel eine orthodoxe Synagoge ist. Dagegen gab und gibt es immer wieder Widerstand, am prominentesten durch die „Women of the Wall“ Aktivistinnen. Mit einer ihrer Anführerinnen haben wir mal gemeinsam Schabbat gefeiert.

Jetzt hat der Staat Israel sich dem Druck gebeugt und ein Areal für das Gemeinsame Beten von Männern und Frauen in Aussicht gestellt.

Das klingt gut und gerecht. Ich bin trotzdem dagegen.

Das Judentum, vor allem das orthodoxe, kennt keine Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern. Ich habe mich, als ich selbst orthodox geworden bin, damit auseinandersetzen müssen, den tief im Herzen bin ich ein Feminist. Noch immer. Daher war auch das Kapitel über den Feminismus in meinem Buch für mich das so ziemlich schwierigste, das ich geschrieben habe.

Ich will das Kapitel hier nicht wiedergeben. Wen es (hoffentlich) interessiert, dem empfehle ich einfach mal unverfroren den Kauf meines Buches. Es lohnt sich. Zusammenfassend sage ich dort: Frauen und Männer müssen gleichwertig sein und nicht zwingend gleichberechtigt.

Mein Grund, warum ich gegen das neue Areal bin, ist aber ein anderer.

Wer in Deutschland mal in einer Einheitsgemeinde wie etwa in Hamburg oder Berlin war, dem wird aufgefallen sein, dass dort nach orthodoxen Riten gebetet wird, die Männer und Frauen getrennt sind, aber mit Abstand die meisten Juden, die dort hinkommen am Schabbat mit dem Auto vor der Tür parken. Sie sind also nicht orthodox. Warum lassen sie sich die Bevormundung durch die orthodoxen gefallen? Das ist doch geradezu undemokratisch!

Ist es nicht. Denn Demokratie heisst nicht „die Meinung der Mehrheit wird immer durchgesetzt„, sondern oft auch einfach „der kleinste gemeinsame Nenner wird gefunden„. Und das ist bei einer Synagoge eben die Orthodoxie. Sie erlaubt es jedem, egal wie religiös er ist, die Synagoge zu besuchen und dort zu beten. In eine Synagoge mit gemischtem Gebet wäre das nicht möglich, die orthodoxen Juden, so wie auch meine Frau und ich, wären aussen vor.

Wenn es aber genügend Juden gibt in einer Stadt, dann gibt es für jedes Plaisier eine eigene Synagoge. In Jerusalem beispielsweise findet man alles in jeder Schattierung, sogar orthodox-egalitär und liberal-getrennt. Wenn es aber schwierig ist, überhaupt genügend Juden zu versammeln, dann muss die Synagoge allen passen, die da sind. In Kiel etwa ist das eine liberale Gemeinde, in Hamburg eine orthodoxe.

Die Kotel ist unser heiligstes, wie ich oben schon ausgeführt habe. Ich will auch nicht den reformierten oder liberalen Juden absprechen, dass ihnen die Kotel heilig ist, wie das ein anderer Kommentator getan hat. Auch für nichtreligiöse Israelis ist sie ein nationales Symbol. Aber es gibt nur eine Kotel für alle und daher muss sie dem kleinsten gemeinsamen Nenner genügen. Und der ist orthodox mit Geschlechtertrennung. Das neue Areal sollte lieber den Frauen zugeschlagen werden, denn das würde deutlich mehr Frauen zugute kommen, als die gemischte Extrawurst.

Wenn es nach den Wünschen einer Mehrheit von Israelis aus Tel Aviv ginge, wäre dort wahrscheinlich eher ein Beachclub oder ein Café.

 

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Der alte Bahnhof in Jerusalem „Hatachana Harischona

Gut Schabbes Selfie – Mischpatim

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Keine Zeit und daher nur ein Witz. In diesem Abschnitt steht das Verbot von der Vermischung von Milch und Fleisch. Das hätte man auch anders interpretieren können und dann wären die Schnitzel, die ich da gerade brate, nicht möglich!

Und G’tt sprach zu Mosche: „Du sollst das Zicklein nicht kochen in der Milch seiner Mutter“ (Exodus 23:19)
Mosche: „Was? Wir dürfen Fleisch und Milch nicht zusammen essen?“
G’tt: „Du sollst das Zicklein nicht kochen in der Milch seiner Mutter“ (Exodus 34:26)
Mosche: „Wie bitte? Wir müssen getrenntes Geschirr für Fleisch und Milch benutzen?“
G’tt genervt: „Du sollst das Zicklein nicht kochen in der Milch seiner Mutter“ (Deutoronomus 14:21)
Mosche: „Und wir müssen sechs Stunden warten zwischen Fleisch und Milch??“
G’tt: „Ach, macht doch, was ihr wollt!“

Danke lilmod.org

lilmodorg

Heute ist mein Kurs auf lilmod.org zu Ende gegangen. Zwölf mal insgesamt immer am Dienstag Abend durfte ich geduldigen Zuhörern Mitmachern erzählen, wie der jüdische Kalender funktioniert, welche Besonderheiten ihn ausmachen und wie die Feiertage zu den Jahreszeiten passen. Sogar ganz geheime Geheimnisse über die Sternzeichen und die Macht der Sterne wurden verraten!

Es war mein erster Online-Kurs, den ich geleitet habe. Das klappte meist gut, manchmal nicht so sehr und ich brauchte jedes Mal viel Vorbereitung, denn ich konnte nicht auf jahrelange Kurserfahrung zurückblicken und einfach alles aus dem Ärmel schütteln.

Das heisst aber auch, dass ich nicht nur gelehrt, sondern auch selbst sehr viel gelernt habe zusammen mit allen Kursteilnehmern. Danke an Euch dafür! Und danke natürlich an Anna von lilmod.org, mich einzuladen, einen Kurs zu geben!

Die Kurse wurden aufgezeichnet und auf Youtube veröffentlicht.