Jude, Zionist und #BlackLivesMatter. Ein Widerspruch?

#blacklivesmatter in meinem Twitterprofil

Als George Floyd im Mai dieses Jahres von einem Amerikanischen Polizisten ermordet wurde, gab es einen weltweiten Aufschrei. „I can’t breathe!“ stand als Graffiti an den Wänden und die Hashtags #BLM und #BlackLivesMatter trendeten weltweit in den Sozialen Medien.

Auch mich hat das Schicksal von George Floyd berührt. Nicht nur seinetwegen. Seine Ermordung hat ein grelles Scheinwerferlicht auf den strukturellen Rassismus in Amerika geworfen und die weltweite Bewegung, die daraus entstand, hat auch in anderen Teilen der Welt und in Deutschland dafür gesorgt, dass rassistische Strukturen in der Gesellschaft allgemein und in der Polizei im speziellen, stärker ans Tageslicht kamen. Es ist kein Wunder, dass ausgerechnet 2020 die diversen Nazi-Chatgruppen deutscher Polizisten entdeckt wurden. Menschen sind sensibilisiert und hatten den Mut, sie öffentlich zu machen.

Auf Twitter, wo ich zu viel Zeit verbringe, habe ich „Black Lives Matter“ in meinen Header mit aufgenommen. Seit über einem halben Jahr ist er da drin und ich habe mehrfach überlegt, ihn zu entfernen. Schließlich werden gerade andere Säue durchs Dorf getrieben und Themen wie Moria und natürlich der immer gewalttätiger zum Vorschein tretenden Antisemitismus sind mir auch nah und wichtig. Aber ich habe mich dagegen entschieden. BLM bleibt leider immer aktuell.

Ich wurde deswegen mehrfach auf Twitter angegangen. Von linken Antizionisten sowie von rechten Israelis. Beide finden, BLM und Zionist kann man nicht gleichzeitig sein. Warum nicht?

Die Antizionisten glauben, der Zionismus wäre eine rassistische Ideologie und daher inkompatibel mit BLM. Das ist natürlich Quatsch. Deswegen juckt mich dieser Vorwurf auch gar nicht. Schwerer wiegt da der Vorwurf der anderen Seite, die mich darauf hinweisen, dass unter den BLM Aktivisten auch viele Antisemiten den Ton angeben.

Der strukturelle Rassismus ist ein Problem, das jeden Menschen mit Nicht-weißer Hautfarbe betrifft. Egal, ob er Antisemit ist, oder nicht. Ich werden meine Unterstützung für diesen wichtigen Kampf nicht davon abhängig machen, ob Antisemiten bei BLM beteiligt sind oder nicht. Es gibt auch rassistische Juden, und dennoch freue ich mich über jede PoC, die den Kampf gegen Antisemitismus unterstützt.

„Aber die Querdenker lehnst Du doch auch ab, weil dort Nazis mitlaufen!“ – Ja. Sie laufen dort aber nicht nur mit, die ganze Idee der Querdenker ist eben keine einfache, legitime Kritik an Coronamaßnahmen der Bundesregierung, sie beruht auf antisemitisch aufgeladenen Verschwörungsmythen und die Nazis sind ideell bei diesen Demos zuhause. Ein antisemitischer BLM-Aktivist dagegen agiert im Grunde gegen seine eigenen Interessen.

Rassismus und Antisemitismus sind nicht das selbe. Ganz und gar nicht. Die Diskriminierungserfahrungen sind andere und die Mechanismen sind es auch. Als hellhäutiger Jude kann ich als „white passing“ vom Privileg, weiß zu sein profitieren, was PoC nicht können. Andererseits ist Antisemitismus im Kern eliminatorisch und zielt auf die „Endlösung“, während Rassismus die (erneute) Versklavung und Unterwerfung von PoC anstrebt. Gemeinsam haben sie, dass beides ist für einen direkt Betroffenen regelmäßig tödlich ist und die Schnittmenge der Antisemiten und Rassisten ist riesig. Wir haben einen gemeinsamen Gegner. Natürlich müssen wir uns gegenseitig beistehen.

Es ist schon ein paar Jahre her, da habe ich in der WELT einen Artikel veröffentlicht, der den Titel hat „Israel zeigt, dass ethnisches Profiling hilft„, der zuerst hier im Blog erschien. Es war 2016, um genau zu sein, und damals wurde Europa von vielen islamistischen Anschlägen erschüttert. Im Text geht es um ein Einkaufszentrum in Jerusalem, in dem ich regelmäßig war und das von Juden und Arabern gleichermaßen besucht wird. Die Araber aber werden genauer kontrolliert, wenn sie das Zentrum betreten wollen. Ich bin mit dem Titel des Artikels auf welt.de nicht einverstanden. War ich schon damals nicht, aber die Redaktion hat ihn eigenmächtig gesetzt. Ich hatte einen anderen gewählt. Und ich würde den Text heute auch nicht mehr so schreiben. Die redaktionelle Verkürzung in der WELT hat den Text zusätzlich noch verschärft. Ich verstehe heute einiges besser, auch dank einiger toller Menschen, die ich auf Twitter kennengelernt habe, und die islamistischen Anschläge von damals belasten mich emotional nicht mehr so direkt. Dennoch kann und will ich mich nicht komplett von diesem Artikel distanzieren.

„Wie kannst Du Racial Profiling gut finden und #BLM im Header haben? Heuchler!“ So wurde es mir vorgeworfen. Dazu muss ich sagen: Ich habe damals bewusst von „Ethnischem Profiling“ gesprochen. Juden und Araber sind äußerlich nur durch Kleidung und Sprache zu unterscheiden und nicht anhand irgend welcher eingebildeten Menschenrassen. Und außerdem, wenn man den Text wohlwollend liest, dann steht dort eigentlich: Ethnisches Profiling funktioniert nicht außerhalb dieses Spezialfalls des Einkaufszentrums in Jerusalem, wo nach der harten Kontrolle an der Tür eben keine Unterschiede mehr gemacht werden und Juden und Araber zusammen mit der ganzen Familie bequem shoppen gehen und ihr Essen essen. Racial Profiling ist ethisch falsch und praktisch unbrauchbar. Ohne Ausnahme.

Also ja. Ich unterstütze #BLM. Ich werde es weiter tun. Und ich kenne meine Privilegien. Als „white passing“ in Europa und als Jude in Israel. Denn wer seine Privilegien nicht begreift, wer sich selbst nicht reflektiert, dessen Unterstützung ist sowieso nicht viel wert.

Gedenken in Lollar an den Fremden Juden

In Lollar, einem beschaulichen Städtchen nördlich von Giessen, stand mal eine Synagoge. Bis sie zerstört wurde. Jetzt, 80 Jahre später, will man an ihrer Stelle eine Gedenktafel aufstellen. Lokalpolitik hat schon häufig Stilblüten getrieben und ich will mich auch gar nicht über Parteien und was sie dort tun aufregen. Es geht um die Sache.

Um die geht es auch den Lokalpolitikern vor Ort. Einer von der CDU, Herr Markus Wojahn, hat mich auf Twitter angesprochen und mich nach meiner Meinung zu den Vorschlägen für die Inschrift gefragt. Diese drei Sprüche wurden diskutiert:

  1. Hier Stand in der Zeit von 1848 bis November 1938 die Lollarer Synagoge.

    Zur Mahnung und Ermutigung der heutigen und zukünftigen Generationen, zur Bekämpfung von Rassismus und Fremdenhass.
  2. Im Hinterhof der Gießener Straße 23 stand ab 1848 die Lollalrer Synagoge, die während des Progroms (sic!) im November 1938 von den Nationalsozialisten zerstört wurde.

    Zur Mahnung und Ermutigung der heutigen und zukünftigen Generationen, zur Bekämpfung von Rassismus und Fremdenhass.
  3. Im November 1938 wurde hier die in 1848 errichtete Synagoge der jüdischen Gemeinde Lollar durch den nationalsozialistischen Terror zerstört.
    Wir gedenken aller Opfer von Antisemitismus, Rassismus und politischer Verfolgung.
    Es ist und bleibt unsere Verpflichtung:
    Nie wieder sollen Menschen wegen ihrer Religion, Nationalität, Hautfarbe und politischer Gesinnung verfolgt werden oder gar ihr Leben lassen müssen.

Ich muss, denke ich, nicht betonen, dass ich alle drei Vorschläge indiskutabel fand. Sie machen Juden zu Fremden und missbrauchen das Gedenken an den eliminatorischen Antisemitismus für Allgemeinplätze gegen Ismen jeglicher Art.

Wir telefonierten, waren der Meinung, dass das so nicht sein kann und er kam mit meinen Argumenten im gestärkten Rücken zurück in die Verhandlung um die Gedenktafel. Die Zeitung „Giessener Allgemeine“ berichtete darüber und nannte dabei auch meinen Namen.

Auch Volker Beck mischte sich auf meine Bitte hin ein und schrieb seinen Parteikollegen vor Ort eine Nachricht. Der Grünen-Lokalpolitiker Wolfgang Haußmann recherchierte daraufhin meine Email-Adresse und schrieb mir:

[…] Wir Grünen Lollar haben unmittelbar nach dem Attentat in Halle die dringende Notwendigkeit gesehen, die Gefahr eines wieder erstarkenden Antisemitismus in Deutschland u.a. durch das Aufstellen einer Gedenktafel am Ort der ehemaligen Synagoge deutlich zu machen. […]
Wenn Sie sich nun den Formulierungsvorschlag Nr. 3 ansehen, werden Sie erkennen, dass dort von Antisemitismus geredet wird, UND von anderen Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, die sich im Nationsozialismus verwoben. Dabei soll auf keinen Fall die unermessliche Grausamkeit und Ausmaß der Shoa verkleinert werden. […]

Hier ist meine Antwort:
Ich finde es natürlich richtig, eine Tafel aufzustellen. Das Ausmass der Zerstörung jüdischen Lebens in Deutschland muss sichtbar gemacht werden. Das Projekt „Stolpersteine“, von denen mWn. auch in Lollar welche verlegt wurden, erreicht dieses Ziel sehr gut. Auch hier gibt es Kritikpunkte, aber die Mahnung vor der Vergangenheit wird hier nicht durch plumpe Aufrufe produziert, sondern durch Wiedergabe von Fakten. Wer durch diese Fakten nicht von selbst auf die Idee kommt, dass ein unglaubliches Verbrechen in Deutschland passiert ist und wer erst durch schlaue Sprüche daran erinnert werden muss, dass man Menschen nicht aufgrund von egal welchen Merkmalen in KZs sperrt und vergast, der wird es auch mit erhobenem Zeigefinger nicht verstehen. Daher empfehle ich, anders als im dritten Vorschlag, die Fakten zur Synagoge so detalliert wie möglich darzustellen. Wann erbaut, von wie vielen Juden regelmässig zum Gebet genutzt, wer war der oder die letzte Gemeindevorsteher*in, was ist mit ihm oder ihr und dem Rest der Gemeinde passiert, wann wurde das Gebäude zerstört und von wem („Lollener Nationalsozialisten“ wäre wahrscheinlich die ehrlichste Beschreibung) und dann noch, was auch immer der Historiker, mit dem Sie zusammenarbeiten, noch alles herausfinden kann. Die schonungslose Offenlegung aller Fakten ist wirkmächtiger als alle zur Mahnung rufenden Sprüche.

Herr Haußmann war nicht so ganz meiner Meinung, wie eine weitere Email von ihm bewies. Und das ist sein gutes Recht. Ich finde aber dennoch, dass er sich irrt und das auf dem Rücken der Juden. Auch auf meinem Rücken, denn auch wenn ich ein Konvertit bin, so bin ich auch ganz ohne Rabbinatsbrief ein direkter Nachkomme von Shoah-Opfern.

In Lollar wird noch diskutiert und lokalpolitisiert. Ich wünsche den Menschen dort, dass sie eine Lösung finden, die Juden weder missbraucht noch zu Fremden im Land macht. Die Diskussion läuft und braucht diesen meinen Blogpost hoffentlich nicht mehr.

Aber es gibt noch viele Ruinen von Synagogen in Deutschland, die bis heute brach liegen oder anonym überbaut wurden und mindestens eine Gedenktafel verdienen. Und dort sollen sie die Fehler aus Lollar bitte nicht wiederholen.

ZPS: Jenny und Eliyah in den Medien

Die Aktion des Zentrums für Politische Schönheit, für die sie (angeblich?) Asche von Holocaust-Opfern in einer Skulptur vor dem Reichstag in Berlin und an anderen Orten ausgestellt haben, hat viel Widerspruch geerntet. Auch von uns.

Unabhängig voneinander wurden wir von Journalistinnen angesprochen und interviewt. Hier findet ihr die Ergebnisse:

Jenny bei noizz.de, interviewt von Katharina Kunert.

Eliyah bei jetzt.de (Süddeutsche Zeitung), interviewt von Nadja Schlüter.

Andere Zeitungen wie die etwa die Jüdische Allgemeine haben auch Tweets von uns zitiert.

Wir sind dankbar, dass unsere Stimmen gehört wurden. Diese Aktion des ZPS hat mehr Schaden verursacht, als den Initiatoren bewusst war. Die Scherben aufzusammeln obliegt jetzt leider Menschen wie uns.

Kommunalwahlen in Israel, deutsche Journalisten und die Neueinwanderer Partei

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Das neue jüdische Jahr hat im September begonnen. In diesem Jahr 5779 stehen Israel zwei wichtige Wahlen bevor: Die Kommunalwahlen, wo am 30. Oktober in den Kommunen die Bürgermeister und der Stadtrat gewählt werden und die Parlamentswahlen für die Knesset, voraussichtlich Anfang 2019.

Bei den Kommunalwahlen sind sowohl Parteien vertreten als auch unabhängige Kandidaten und Listen, die keiner politischen Partei zugehörig sind. Anders als bei den Parlamentswahlen, hat man bei den Kommunalwahlen zwei Stimmen, eine für den Direktkandidaten als Bürgermeister und eine Stimme für eine Liste für den Stadtrat. Außerdem können bei den Kommunalwahlen nicht nur israelische Staatsbürger wählen und gewählt werden sondern auch sogenannte „permanent residents“, also Anwohner mit ständigem Wohnsitz.

Es ist das erste Mal, dass ich mich aktiv an beiden Wahlen beteiligen werde. Bei den Kommunalwahlen helfe ich der Liste meiner Partei Yesh Atid in unserer Stadt Ra’anana bei dem Bürgerdialog. Obwohl in unserer Stadt vieles sehr gut läuft, gibt es dennoch Luft nach oben. Zum Beispiel will die Liste meiner Partei die Stadt attraktiver für junge Menschen machen, eine eigene Polizeistation etablieren und einiges mehr. Bei den Parlamentswahlen wiederum werde ich das Social Media Team für Englische Inhalte von Yesh Atid leiten.

Ich kenne aber auch einige Kandidaten für den Stadtrat in Jerusalem und war enttäuscht zu lesen, dass die einzige Frau ihre Kandidatur zurückgezogen hat. Die Nachricht darüber sah ich zum ersten Mal auf Twitter bei der von mir geschätzten deutschen Journalistin Lissy Kaufmann. Sie Kommentierte:

„Gestern stieg der arabische Kandidat Aziz Abu Sarah aus dem Rennen um den Bürgermeisterposten in Jerusalem aus – jetzt die einzige Frau.“

Dieses Kommentar lässt den Schluss zu, dass man in Israel und im Besonderen in Jerusalem nicht zulässt, dass ein Palästinenser oder eine Frau Bürgermeisterkandidaten bleiben. Die Wahrheit ist aber, dass man in Israel die kosten der Kampagne komplett selbst tragen muss, wenn man nicht eine Mindestzahl an Stimmen geholt hat. Und so passiert es gerade in vielen Städten, dass sich Direktkandidaten zurückziehen, weil sie anhand der Umfragen sich keine großen Chancen ausmalen. Sie verbünden sich oft mit einem anderen Kandidaten und lassen sich und ihr Team auf dessen Liste setzen. So haben sie dennoch eine Chance auf einen Sitz im Stadtrat und können ihre politische Arbeit dort umsetzen. Im Fall der Rachel Azaria in Jerusalem war es wohl so, dass sie nach Umfragen keine Chance mehr für sich sah.

Der palästinensische Kandidat wiederum hat ein juristisches Problem. Er ist zwar Anwohner von Jerusalem ist aber keiner mit ständigem Wohnsitz, was für die Wahl zwingend notwendig ist. Es ist schade, dass beide nicht mehr kandidieren, aber die Suggestion im Tweet, dass sie zurückgetreten sind weil sie arabisch oder weiblich sind, ist nicht zutreffend.

Das ist ein weiteres Beispiel dafür, wie man mit Hilfe von Fakten Unwahrheiten transportieren kann. Und das passiert im Deutschen Journalismus leider viel zu oft.

Aber aus Tel Aviv erreichte mich eine gute Nachricht: Eine gute Freundin, zwei Bekannte von mir und noch ein paar weitere haben sich zu einer Partei zusammen geschlossen und kandidieren für den Stadtrat. Die Partei besteht ausschliesslich aus Neueinwanderern (Olim), etwa aus Deutschland, Russland, USA und anderen Ländern. Sie werden hoffentlich die Bedürfnisse von uns Neuankömmlingen mehr Gehör verschaffen. Denn die Probleme dieser Menschen liegen alle auf kommunaler Ebene.

Deswegen freut es mich, dass die Kommunalwahlen nicht von Parteipolitik der nationalen Parteien bestimmt sind und freie Kandidaten und Listen ihr Glück versuchen.

Rabbi Lord Jonathan Sacks erklärt Populismus – must read!

Am Schabbat in der Synagoge liegt oft ein Heft aus mit dem Titel „Torah Tidbits„. Es ist eine Sammlung von Texten verschiedener Rabbiner und anderen Autoren und Autorinnen, die sich mit dem Torah-Wochenabschnitt beschäftigen. Diese Woche war es der Abschnitt „Korach“.

Wenn ich das Heft in die Hand bekomme, dann lese ich immer als erstes und oft auch als einziges den Text von Rabbi Lord Jonathan Sacks. Er ist ein scharfer Denker, schreibt eindringlich und verständlich und schafft es jede Woche, das Thema des Wochenabschnitts mit aktuellen Ereignissen oder weltlichen Dingen in Einklang zu bringen. Er wurde ganz zu Recht zum Lord ernannt und trägt diesen Titel an zweiter Stelle nach dem „Rabbi“. Auch das ist richtig.

Diese Woche geht es um die Geschichte Korachs. Kurz zusammengefasst passiert folgendes:

Die Spione, die ins Gelobte Land Israel geschickt werden, kommen mit schlechten Nachrichten zurück: Das Land sei bewohnt von Riesen und uneinnehmbar. Das Versprechen G’ttes, dieses Land den Israeliten zu geben, scheint nicht einlösbar. Als Reaktion auf die Spione verdonnert G’tt die Israeliten zu 40 Jahren Wanderschaft durch die Wüste und bis auf wenige Ausnahmen darf niemand das Gelobte Land sehen. Erst die nächste Generation wird dort leben können.

Die Leute sind sauer. Der Auszug aus Ägypten mutet wie ein Schuss ins eigene Knie an. Korach und seine Gefolgsleute klagen und greifen Moses direkt an. Warum hat er seinen Bruder Aaron zum Hohepriester gemacht und überhaupt die wichtigsten Positionen an seine Familie verteilt? Das ist doch Vetternwirtschaft par excellence!

Moses wehrt sich und verweist auf den Willen G’ttes. Er erbittet ein Wunder, das auch geschieht: Korach und seine Leute werden vom Erdboden verschluckt. Aber hat Moses gewonnen?

Rabbi Lord Sacks hat eine interessante Sichtweise darauf. Er nennt Korach den „Ersten Populisten“ und beschreibt sehr genau, was Populismus ist und warum Moses falsch reagiert hat. Korach vs. Moses war nicht Schwarz vs. Weiss. Und die Populisten heute haben mit ihren Vorwürfen auch nicht nur unrecht. Wie man damit umgeht, beziehungsweise, wie man damit nicht umgeht, das kann man von Rabbi Sacks und der Torah lernen. Aber lest selbst:

The story of Korach has much to teach us about one of the most disturbing phenomena of our time: the rise of populism in contemporary politics. Korach was a populist, one of the first in recorded history – and populism has re-emerged in the West, as it did in the 1930s, posing great danger to the future of freedom.

Populism is the politics of anger. It makes its appearance when there is widespread discontent with political leaders, when people feel that heads of institutions are working in their own interest rather than that of the general public, when there is a widespread loss of trust and a breakdown of the sense of the common good.

People come to feel that the distribution of rewards is unfair: a few gain disproportionately and the many stay static or lose. There is also a feeling that the country they once knew has been taken away from them, whether because of the undermining of traditional values or because of large scale immigration.

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Bye, bye, Messi!

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Blutige Trikots, die keine Bedrohung darstellen sollen.

Argentinien hätte ein Testspiel gegen eine Israelische Auswahl vor der WM spielen sollen. Das Spiel hätte im Teddy-Stadion in Jerusalem stattfinden sollen. Ein Stadion nach modernen Standards, nicht benannt nach einem Kuscheltier, sondern nach dem ehemaligen Jerusalemer Bürgermeister Teddy Kollek. Er hat die Stadt während seiner Amtszeit modernisiert und sie für immer geprägt.

Das Spiel wurde abgesagt. Terrorgruppen hatten die Spieler und ihre Familien direkt bedroht, falls sie nach Israel kommen und die BDS Bewegung hat eine Kampagne dagegen gestartet. Die Spieler um Lionel Messi haben sich daraufhin geweigert, nach Israel zu fahren.

Hier in Israel hat die Mannschaft aus Argentinien viele Fans, nicht nur aus den Reihen der Einwanderer aus dem südamerikanischen Land. Daher war das Testspiel auch nach weniger als 20 Minuten ausverkauft. Diese Menschen sind jetzt enttäuscht und wünschen Messi und seinen Mitspieler ein Vorrunden-Aus. Und nicht mehr den Sieg des WM-Titels.

Den hatte Diego Maradona 1986 mit Hilfe der „Hand Gottes“ gewonnen.

Und wo sonst als in Jerusalem sichert man sich diese himmlische Unterstützung? Auch damals hatte Maradona ein Testspiel vor der WM in Israel bestritten. Dieses Jahr wird es also nichts mit göttlicher Hilfe dank BDS und Terroristen, die Spieler und Familien bedrohen. Tja.

TAZ mag doch Rabbiner. Ein bisschen.

TazHeader
Screenshot TAZ.de

Die TAZ hat reagiert. Viele Zuschriften an die Redaktion, unter anderem von der Jüdischen Gemeinde in Hamburg, dem Zentralrat der Juden in Deutschland und vielen anderen, hat die TAZ zum Nachdenken gebracht. Viele haben dabei auch auf meinen Text verlinkt, auf den der TAZ-Text direkt Bezug nimmt.

Die TAZ beknirscht sich also und rudert zurück. Der ursprüngliche Artikel ist von der Webseite verschwunden und ein neuer Text mit Entschuldigungen und Erklärungen ist online. Ich habe Respekt davor. Fehler einzugestehen ist nie leicht, vor allem nicht öffentlich.

Allerdings war es in diesem Fall fast unausweichlich. Die inhaltlichen Fehler wie die falschen Personalien im Text mussten richtig gestellt werden. Auf die hatte ich mich in meinem Blog-Eintrag gar nicht bezogen, sie zeigen aber wie schlampig die Journalistin und die Redaktion gearbeitet haben. Daher verwundert es kaum, dass ihnen erst im Nachhinein aufgegangen ist, dass ein Wort wie „gleichgeschaltet“ zu benutzen grundsätzlich keine gute Idee ist und insbesondere im Zusammenhang mit Judentum in Deutschland mehr als eine einfache Entgleisung ist.

Die Entschuldigung dafür ist dementsprechend eindeutig ausgefallen. Das ist auch gut so. Aber für den Rest des Artikels finden sich Abwiegelungen und etwas fadenscheinige Relativierungen. So sagen sie zum Vorwurf, Chabad eine Nähe zur Siedlerbewegung in Israel angedichtet zu haben nur, dass Chabad sich eben auch nicht distanziert habe. Sie verlinken als Nachweis auf eine Seite von chabad.org, die sich unkritisch mit jüdischen Bewohnern Judäas und Samarias beschäftigt.

Ein Facebook-User wollte das nicht auf sich beruhen lassen und hat direkt nachgefragt, ob es Belege für die Behauptung gäbe. Die persönliche Antwort an ihn war eindeutig und ich vermisse sie im Artikel auf taz.de:

Lieber xxxxxxxxxxxxx,

leider haben wir keine Belege für die Behauptung, Chabad unterstütze „massiv radikale jüdische Siedler in den besetzten palästinensischen Gebieten“. Wir haben die Information, die in anderen seriösen Quellen und auch schon verschiedentlich in der taz unwidersprochen behauptet wurden, offenbar zu leichtfertig und ohne sie weiter auszuleuchten weiterverbreitet. Wenn Sie dazu Rückfragen haben, melden Sie sich gern.

Mit den besten Grüßen

Wie gesagt, ich freue mich, dass die TAZ Einsicht zeigt, wenn auch nicht die Autorin des Textes selbst. Dennoch bleibt es halbherzig und, wie die Überschrift „Die falsche Sprache benutzt“ zeigt: Es geht ihnen dabei hauptsächlich um die Form und nicht um den Inhalt.

Dass die TAZ diesen Text, wo es um Deutsche Juden in einer Deutschen Stadt, die in Deutschland Rabbiner ordinieren geht, in den Kontext „Schwerpunkt Nahost-Konflikt“ (siehe Screenshot) stellen, zeigt, dass dort noch einiges in der Redaktion an Denkarbeit zu leisten ist. Hoffen wir das Beste.

TAZ mag keine Rabbiner

Dammtor Bahnhof

Ganz in der Nähe des des Bahnhofs Dammtor in der Rothenbaumchausse befindet sich das Chabad Zentrum in Hamburg. Dort wurde mit der finanziellen Unterstützung des jüdischen Unternehmers Garegin Tsaturov das Rabbinerseminar „Or Jonathan“ etabliert. Das Publikationsnetzwerk sz:h hat einen schönen Artikel mit vielen Hintergrundinformationen dazu geschrieben. Ich werde daher die dort genannten Details hier nicht wiederholen.

Ich beim Morgengebet zu Gast im Chabad-Zentrum Hamburg

Der Landesrabbiner Shlomo Bistritzky leitet das Rabbinerseminar (Kollel). Er gehört der Chassidischen Gruppe Chabad an, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Jiddischkeit in die Welt zu tragen. Rabbi Shlomo kommt aus Israel und ist mit seiner Frau Chani vor Jahren nach Hamburg gekommen, um dort diesem Ziel und der Gemeinde zu dienen. Als Chabad-Mitglied hat er mit viel Gegenwind kämpfen müssen, vor allem aus dem alten Gemeindevorstand. Aber die Gemeindemitglieder mögen ihn. Sie mögen seine offene Art, die jedem das Gefühl gibt, willkommen zu sein. Was mich nicht überrascht, aber offenbar für manche unvorstellbar ist, es kommt auch ein Hamburger lesbisches Paar, von denen eine der Frauen eine Kippa trägt, gerne zu Rabbi Shlomos Veranstaltungen.

Unvorstellbar ist das offenbar für Petra Schellen von der TAZ. In ihrem Artikel schreibt sie daher gefühlte Wahrheiten (oder auch alternative Fakten) über Chabad und das Rabbinerseminar und gibt schulmeisterlich Ratschläge, wie die Juden in Deutschland und speziell Hamburg zu leben haben.

Ein paar Dinge will ich hier richtig stellen:

  1. Chabad ist orthodox, aber keine „ultra-orthodoxe Sekte“, wie Schellen behauptet. Eine Sekte separiert sich von Rest der Glaubensgemeinschaft. Chabad tut das Gegenteil. Für sich selbst wählen sie einen „ultra-orthodox“ anmutenden Lebensstil, aber sie erwarten von niemandem, das auch auf sich zu nehmen. Das kann ich aus eigener Erfahrung mit Chabad bezeugen.
  2. Chabad sei den Liberalen suspekt und will aus den Einheitsgemeinden „orthodoxe“ Gemeinden machen, schreibt Schellen. Die Einheitsgemeinden in den meisten Deutschen Städten sind seit je her orthodox geführt und dienen allen Juden, egal welcher Ausprägung. Wäre das nicht so, würde man Juden wie mich, die orthodox leben und Juden, die eine andere Entscheidung für sich getroffen haben, voneinander trennen. Das kann in niemands Interesse sein. Vor allem, da wir nur noch so wenige Juden in Deutschland haben. Chabad will und wird das nicht ändern. Wozu?
  3. Das Rabbinerseminar in Hamburg sei nicht nötig, schreibt Schellen weiter. Wie bitte? Wer entscheidet das? Es gibt nur ein Rabbinerseminar in Berlin, das orthodoxe Rabbiner ausbildet. Das ist genug für ein ganzes Land? Und Schellen entscheidet das auf welcher Grundlage? Das beste Gegenargument liefert sie sogar selbst: Alle Absolventen haben sofort eine Stelle gefunden. Bedarf scheint also da zu sein.
  4. Schellen kritisiert, dass die Studenten des Rabbinerseminars aus anderen Städten stammen. Wie absurd dieser Vorwurf ist, wird jedem bewusst, der sich seine Uni nach Inhalten und nicht nach Standort aussucht. Garegin Tsaturov hat das Seminar finanziert und sich für Hamburg entschieden. Ich kenne seinen persönlichen Grund dafür, aber der tut nichts zur Sache.
  5. Chabad unterstütze laut Schellen radikale Siedler in Israel. Das ist absolut falsch. Chabad ist unpolitisch. Das „Kvar Chabad“ in Israel (Chabad-Dorf) ist in der Nähe Tel Avivs neben dem Flughafen und weit weg von der „Grünen Linie“. Das hat sich Schellen einfach ausgedacht, um Chabad zu diskreditieren. „Siedler“ ist ein Schimpfwort unter Linken.
  6. Zu guter Letzt nimmt Schellen noch das Wirt „gleichgeschaltet“ in den Mund. So ekelhaft es ist, diese Bezeichnung zu verwenden, so sehr verwundert es, da sie doch weiter oben im Text kritisierte, dass es jetzt verschiedene Rabbinerseminare gibt.

Falls irgendjemand bei der TAZ das hier liest: Euer Text ist an Peinlichkeit kaum zu überbieten. Und wenn ihn jemand antisemitisch nennt, dann werde ich nicht widersprechen. Ihr nennt ja auch jeden, den ihr nicht mögt einen Siedler. Totschlagargumente unter sich.

Update 25.5.2018

Die TAZ hat den Artikel kommentarlos offline genommen. Immerhin.

Tachles: Grausames Chanukka

tachleschannukkaDie Chanukka-Geschichte erzählt von einem grausamen Krieg. Die Makkabäer kämpften erfolgreich, aber verlustreich gegen die Syrisch-Hellenische Armee, die Jerusalem belagerte.

Viele Legenden ranken sich um diesen Krieg: Eine handelt von Hannah und ihren sieben Söhnen, die alle zu Tode gefoltert werden, da sie sich fremden Göttern nicht ergeben wollen. Die Mutter springt danach selbst in den Tod. Eine andere erzählt die Geschichte von Judith, die den Holofernes, einen Syrischen General, mit Käse und Wein bezirzt und ihn dann enthauptet. Sie verhilft den Juden so zu einem unerwarteten Sieg.

Wir aber feiern fröhlich, jedoch nicht den siegreichen Krieg, sondern das Leben danach. Das Leben, in dem die Kerze im Tempel acht Tage brannte, wo doch das Öl nur für einen gereicht hätte. Mehr (nur noch diese Woche) hier:

https://www.tachles.ch/artikel/standpunkt/grausames-chanukka