Dieses „Dvar Torah“, oder „Wort zur Torah“ werde ich morgen in der Synagoge so oder so ähnlich (auf Hebräisch) vor der Gemeinde vortragen. Und für die Leser:innen dieses Blogs schon heute:
Es war einen Monat nach Pessach im Jahr 2009, als ich vor das Beit Din trat. Wie ihr vielleicht wisst, bin ich ein Ger, ein Konvertit. Und damals, vor fast 16 Jahren, urteilte der Vorsitzende Richter Dayan Ehrentreu z“l, dass ich auf dem richtigen Weg wäre, aber in Hamburg, die Stadt in Deutschland, in der ich lebte, gäbe es nicht ausreichend Möglichkeiten, Torah zu lernen. So könne ich nicht konvertieren. Er ordnete dem mit ihm verbundenen Projekt TOPP (Tora on Phone Program) an, mich aufzunehmen und mir einen erfahrenen Chavruta zuzuordnen. Sein Name ist Michael und er wohnt in London. Ich war der erste und meines Wissens auch einzige nichtjüdische Teilnehmer des Programms.
Mein Chavruta und ich beschlossen, Torah lernen sehr wörtlich zu nehmen und haben uns einen Chumash vorgenommen und ich las: “Bereschit Barah Elohi…” “Elokhim!”, verbesserte mich mein Lernpartner, denn die Namen von HaSchem sollte man nicht unnötig aussprechen.
Wir arbeiteten uns also durch die Torah, immer nach demselben Prinzip: Ich las auf Hebräisch einen Passuk (Satz), mein Chavruta wiederholte ihn in aschkenasischer Aussprache und übersetzte ihn dann ins Englische. Und dann begannen wir zu diskutieren. Dazu holten wir uns Kommentare zu Hilfe. Meistens Rashi, aber nicht nur. Und auch unsere eigenen Gedanken diskutierten wir leidenschaftlich. Anfangs per Telefon, später dann über Zoom.
Dayan Ehrentreu z”l war zufrieden und ich wurde konvertiert. Ich hätte das Dasein als Chavruta an den Nagel hängen können, aber das wollte ich nicht. Michael und ich lernten weiter und lernen noch immer. Eine Stunde jede Woche. Und diese Woche beendeten wir den gesamten Chumash nach fast 16 Jahren Lernen.
Ich habe das Moshe (aus unserer Gemeinde) erzählt und er sagte: “Willst Du nicht zur Feier ein Dvar Torah geben nächsten Schabbat? Eigentlich bin ich dran, aber ich gebe Dir gerne meinen Platz!” Und nun stehe ich hier und rede. Bisher nur über mich und nicht über unseren Wochenabschnitt: Yithro.
Dieser Wochenabschnitt ist ein ganz besonderer. Wir lesen die 10 Gebote zum ersten Mal und werden Zeuge, wie Am Israel, das Volk Israel, die Torah am Berg Sinai übergeben bekommt. Doch bevor es dazu kommt, passiert etwas Merkwürdiges: Der ägyptische Priester Yithro kommt mit seiner Tochter Zippora, der Frau von Moshe und ihren Söhnen zu ihrem Mann zurück, damit sie sich dem Exodus anschließen können. Und Yithro findet Moshe vor, wie er ununterbrochen bis spät in die Nacht Fragen beantwortet und Streitigkeiten richtet. Die Torah war noch nicht gegeben, und so war Moshe die einzige Verbindung zwischen Am Israel und HaSchem und seinen Gesetzen. Yithro ermahnt ihn: Wenn er so weiter macht, wird er bald einen Burnout bekommen und das Volk wird zudem unzufrieden sein mit der langen Wartezeit auf drängende Fragen. Als gelernter Priester einer anderen Religion ist er in solchen Dingen deutlich bewanderter als der eher unfreiwillig zum Propheten aufgestiegene Moshe. Er empfiehlt, er solle “Erfahrene Männer, die g´ttesfürchtig sind, Männer der Wahrheit, die Geld verachten” (18:21) auswählen und sie unterrichten in den Gesetzen und Regeln. Also Menschen, die so sind, wie Politiker sein sollten (aber nicht sind). Und diese Männer sollen dann die einfachen Fragen an Moshes Stelle beantworten. Der Goy Yithro gibt der jüdischen Religion eine Struktur.
Das allein ist schon merkwürdig. Aber dass er, nachdem er seinen guten Rat gegeben hat wieder verschwindet, ist schon irritierend. Hatte er nicht verstanden, was HaSchem für Israel in Ägypten getan hat? Moshe hatte es ihm doch brühwarm erzählt und so sagte Yithro im Passuk 18:11 folgendes: “Jetzt weiß ich, dass HaSchem größer ist als all die Götter!” Warum kehrt er dann zu ihnen zurück?
Damals war konvertieren noch einfacher. Moshes Ehefrau Zippora war ja im Grunde eine Konvertitin und alles, was sie tun musste, war einen jüdischen Propheten heiraten. Und nicht vorher vor einem Dayan vorsprechen. Denn deren Vorgänger wurden durch ihres Vaters Yithros Ratschlag zum ersten Mal eingesetzt!
Und dank dieser Struktur konnte Moshe viel mehr seiner Zeit als Chavrutah ganz Am Israel widmen. Yithro selbst aber kam nicht aus seiner Haut. Seine Stellung als Priester in einer anderen Religion ließ ihn nicht los und so ließ er nicht nur seine Tochter und Enkel zurück, sondern auch den G´tt, den er doch gerader erst erkannte. Denn wie er sagte: HaSchem ist größer als die anderen Götter, aber dass HaSchem der einzige G´tt ist, hat er noch nicht verstanden.
Denn ihm fehlte der Chavruta, der seine Konvertierung vollendet hätte. Der seine jüdische Seele, die ihn dazu befähigte, Moshe dringen nötige Ratschläge zu geben hätte aufblühen lassen können.
Heute lesen wir also den Abschnitt der Torah, in dem genau diese Torah uns als Geschenk gegeben wurde. Yithro war noch nicht bereit, sie zu empfangen. Und wie wir in den nächsten Wochen lesen werden, hat auch Am Israel anfangs Schwierigkeiten, mit der Gabe HaSchems umzugehen. Aber wir hier und heute haben die Torah. Hier, in unserer Mitte. Auf dem Lesepult, im Torahschrank! Und wir erinnern uns heute daran, dass wir alle, ja wir alle, am Berg Sinai selbst zugegen waren, als sie uns geschenkt wurde. Als der Schofar erklang uns zu rufen! Und die beste Art und Weise, diesem Ruf zu folgen, ist uns einen Chavrutah zu suchen und zu lernen. Jeden Tag oder zumindest jede Woche ein kleines bisschen. Schabbat Schalom.

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