Bücher lesen während der Corona-Krise

Wenn man Abends müde auf dem Sofa sitzt und durch die Timelines der Social Media Kanäle scrollt, bekommt man das Gefühl, dass sehr viele Menschen den ganzen Tag Bücher lesen. Natürlich sind Bilder eine Momentaufnahme, aber tatsächlich zeigt eine Studie, dass das Bücher lesen während der Corona-Krise um 26% zugenommen hat. Das ist eine tolle Nachricht. Bei mir sind es wahrscheinlich eher 5%.

Neben Arbeit, Homeschooling, Home-Kindergartening und Sonstigem komme ich nicht viel dazu, zu lesen.

Trotzdem freue ich mich über die extra Paar Minuten mehr, in denen ich lesen kann.

Zurzeit lese ich dieses tolle Buch:

Schwestern der Revolution: Aktivistinnen im Kampf gegen Diktatur und Unterdrückung: Amazon.de: Bernecker, Arabelle, Glass, Susanne, Kolb, Bernd: Bücher

Es sind verschiedene Geschichten von Frauen, die friedliche Revolutionen in den letzten Jahren und Jahrzehnten in verschiedenen Ländern vorangetrieben haben.

Welches Buch lest ihr gerade?

Finis Germania – Eine Rezension

Gastbeitrag von Eliyahu Richter (Der Wanderprophet)

Die Frankfurter Buchmesse 2017

Am Sonntag vor einer Woche ging in Frankfurt am Main die Deutsche Buchmesse zu Ende. Diese wurde in diesem Jahr vor allem von den politischen Anfeindungen und Tumulten überschattet, wie sie sich am Stand des neurechten Antaios-Verlags ereigneten. Zu Beginn der Buchmesse hatte schon der Frankfurter Börsenverein gegen dessen Präsenz und der anderer rechtspopulistischen Verlage und deren Autoren protestiert. Man wollte darauf aufmerksam machen, wer und vor allem was aus den literarischen Kreisen der Neurechten stammt.

Geht ein Nazi auf die Buchmesse…

Aber was treibt Demonstranten gegen Rechts auf bisher eher unpolitische Events, wie der deutschen Buchmesse? Neben einem Akif Pirinçci, der vor allem durch seine politisch entgleisten Pamphlete für Empörung sorgt, verlegt Antaios eben auch das Umstrittene Buch »Finis Germania« von Rolf Peter Sieferle.
Sieferle, Industriehistoriker mit einem beachtlichen Werdegang (unter anderem eine Lehrstelle an der Privatuniversität St. Gallen, Schweiz), nahm sich im Herbst 2016 das Leben, angeblich aus Verzweiflung über die Flüchtlingspolitik. Sein neustes Buch, ein Kompendium aus unterschiedlichen Essays, wurde post mortem von seinem Nachlassverwalter als »Finis Germania« im Februar 2017 veröffentlicht. Skandalös waren allein schon die Umstände, die dazu führten, dass »Finis Germania« als Lektüreempfehlung der Sachbuchliste von NDR und Süddeutsche Zeitung auftauchte. Im Alleingang nominierte SPIEGEL-Redakteur Johannes Saltzwedel den Titel und erntete Kritik, nicht nur seiner Co-Juroren. Und obwohl, oder eben weil es vom Olymp der Literaturkritik Negativkritiken hagelte, bekam »Finis Germania« in Deutschland einen gewissen Bekanntheitsgrad.
In Zeiten, wo AfD-Politiker, wie Björn Höcke von einer »Erinnerungspolitischen Wende« sprechen, verkauft sich ein Werk wie »Finis Germania«.

Holocausrelativierung als Bestseller

Sieferle fährt in »Finis Germania« eine breite Palette antisemitischer Stereotypen auf. Überhaupt liest sich vor allem der dritte Teil des Buches mit der Kapitelüberschrift »Mythos VB« (Vergangenheitsbewältigung), wie ein Handbuch zum klassischen Antisemitismus und Antijudaismus. Einen thematischen Anklang an das Buch »Der Sieg des Judenthums über das Germanenthum« (1879) von Wilhelm Marr sind von Sieferle durchaus gewollt.

Wann kommt die kommentierte Ausgabe?

Hauptaugenmerk liegt vor allem auf dem Holocaust und einer rein deutsch-nationalen Betrachtung auf eben diesem. Kritisch hervorgehoben wird hier seitens Sieferle eine von ihm wie auch anderen Rechtspopulisten konstruierte »Kollektivschuld« der Deutschen und die daraus folgende »permanente Buße«, die Deutsche seit Auschwitz auf Betreiben der Juden und der Siegermächte zu leisten haben. »Finis Germania« vertauscht auf grotesk Weise die Rollen von Opfern und Tätern: Die Deutschen sind die neuen Juden.

Eine tief verankerte antisemitische Geisteshaltung

Immer stärker offenbart sich eine tief verankerte antisemitische Geisteshaltung. Sieferle spricht von Mythen und Tabus, die eines nach dem anderen in der Menschheitsgeschichte gebrochen wurden. Nur der Antisemitismus, für ihn euphemistisch eine »Kritik an Juden«, sei noch ein Tabu, was vor allem in Deutschland nicht erlaubt sei, gebrochen zu werden. Diese Betrachtung ist nicht nur für einen Historiker skandalös.

»Auschwitz, ist zum letzten Mythos einer durch und durch rationalisierten Welt geworden. Ein Mythos ist eine Wahrheit, die jenseits der Diskussion steht.«

Was kann man in diesen Worten anderes sehen, als den krampfhaften Versuch, die Schoah, den industriellen Völkermord an den europäischen Juden, zu relativieren? Immer wieder garniert Sieferle antisemitische Stereotypen mit Bildern aus der christlichen Volksfrömmigkeit und zeigt, dass er zwar christliche Theologie als Antagonismus zum Judentum verstehen will, aber weder die christliche, noch die jüdische Theologie als solche ansatzweise verstanden hat.

»Da die Juden keinen Anteil an der christlichen Ehre haben konnten, nisteten sie sich in den Nischen dieser Gesellschaft ein, als Wucherer und Händler. Auch hier eine Affinität zu den Deutschen, die von Helden zu Händlern geworden sind, von aller Welt verachtet und auf ihren Vorteil bedacht.«

Diese verwegene Opferumkehr ist man aus der neurechten Szene gewohnt, aber selten kam so etwas mit einem derartigen christlichem Antijudaismus daher, wie »Finis Germania«. Aus dem »ewigen Juden« wurde der »ewige Deutsche« konstruiert, der auf ewig dazu verdammt ist Buße für Auschwitz zu tun.

„Mythos Vergangenheitsbewältigung“

Das Kapitel III »Mythos VB« ist vor allem auch eine Beleidigung der positivistischen Entwicklungen, die die christlich-theologischen Welt nach 1945 erreicht hat. Die katholische Kirche revidierte mit Nostra Aetate (2. Vatikanisches Konzil) den jahrhundertelangen Antijudaismus der Kirche, der sich vor allem in der Substitutionstheologie niederschlug, also der Lehre, dass die Christen das Volk des »Alten Bundes« ablösten und die Kirche den Platz Jisraels einnahm; nach Sieferle wohl verdienter Maßen, denn die Juden hatten immerhin Jesus ermordet und somit, wie er sagt das »zweite große Menschheitsverbrechen« begangen. Mit der Rheinsynode (Ende der 80er) reformierten auch Protestanten ihre Theologie im Bezug auf Juden und das Judentum.
In der christlichen Theologie nach Auschwitz wurde somit aus den »verstockten Gottesmördern, die Jesus nicht kennen wollen« die »Fratelli maggiori« (die älteren Geschwister [von Johannes Paul II.]).
Eine Erwähnung dieser positiven Entwicklung findet man in »Finis Germania« vergebens. Es scheint fast so, als ob der verstorbene Historiker Sieferle in einem sehr dunklen Teil der grausigen Vergangenheit festgefahren ist, da er nur den Antisemitismus des Mittelalters und der frühen Neuzeit bemühen will, die aber tatsächlich stattgefundene Versöhnung zwischen Juden und Nichtjuden, egal ob in Deutschland, oder anderen Teilen Europas, ignoriert er.
Vor allem Deutschland wurde mit seiner demokratischen Neugründung nach dem 2. Weltkrieg zu einem verlässlichen Partner des 1948 gegründeten jüdischen Staates Israel. Und Israelis, wie auch Juden aus der ganzen Welt, kommen mittlerweile gerne nach Deutschland, vor allem, weil doch dieses Land nicht nur »Land der Täter«, sondern vor allem auch »Land und Heimat der jüdischen Opfer« war. Überlebende der Shoah, die nun in Israel leben, erzählten, dass sie jede Nacht weinen, wenn sie an z.B. die Stadt Duisburg denken ihre alte Heimat, ihre Geburtsstadt. Tagebücher und Interviews, die Teil einer Duisburger Ausstellung waren, bezeugen das. All das ignoriert Sieferle auf schändliche Weise und verrennt sich dabei immer weiter stammtischgerecht in seinem deutsch-völkischen Ethnozentrismus: »Hier wir Deutschen und da ihr Juden!«

Auschwitz werden uns die Deutschen niemals verzeihen

Was wollte der verstorbene Historiker Rolf Peter Sieferle mit seinem Werk »Finis Germania« ausdrücken? Augenscheinlich wusste es der Autor selbst nicht so genau, aber Fakt ist, dass Sieferle penibel darauf bedacht ist, das Netz einer »deutschen Erbschuld« zu spinnen, welches seiner Meinung nach zu zerreißen gilt. Für ihn, wie eben auch den Politikern der AfD, wirkt die deutsche Erinnerung an die Schoah wie eine Art »Staatsreligion«, die ewig an die »Kollektivschuld« erinnern soll, die einzig und allein der »Mythos Auschwitz« über die Deutschen gebracht hat.

Oder wie es der österreichisch-israelische Arztes und Autore Zvi Rix sagt: »Auschwitz werden uns die Deutschen niemals verzeihen!«