Corona Rosch HaSchanah

Schofar im Monat Elul

Israel befindet sich im zweiten Lockdown zu den Hohen Feiertagen, auch wenn es ein „Lockdown-light“ ist verglichen mit dem ersten. Aber auch die Zeit zwischen den Lockdowns war von Corona Einschränkungen geprägt und das betraf natürlich auch die Synagogen, die nur mit Hygienekonzept arbeiten durften.

Ich bete normalerweise mindestens Montags und Donnerstags und zu besonderen Tagen in der Synagoge das Morgengebet. An diesen Tagen wird aus der Torah gelesen. Ansonsten bete ich auch gerne mal zuhause. Die Faulheit siegt. Während der Corona-Zeit brauche ich keine Faulheit mehr. Stay home heisst die Devise und so habe ich mein Morgengebet komplett in die eigenen vier Wände verlegt.

Doch im Monat Elul, der dieses Jahr auf August und September gefallen ist, bin ich in der Vergangenheit jeden Morgen brav in die Synagoge gegangen. Denn nicht nur ist uns im Monat Elul G’tt spirituell am nächsten ist, es ist auch der Monat des Schofarblasens. Das Horn des Widders, das an die Opferung Isaaks erinnert, den G’tt als Opfer von Abraham verlangte und ihn verschonte und Abraham dann einen Widder an seiner Statt geopfert hat. Den täglichen Klang des Horns wollte ich nicht verpassen. An Rosch HaSchanah ist der Höhepunkt des Schofarblasens, an dem minutenlang genau festgelegte Tonfolgen geblasen werden.

Aus der Not macht Mensch gerne eine Tugend. Ich kaufte mir also einen Schofar in einem der vielen Läden hier im Ort, die Judaica, also Bedarf für den Religiösen Mensch anbieten und übte. Am Anfang klang das noch schwierig.

Schwer ist jeder Anfang

Doch ich übte jeden Morgen und nach drei Wochen klang es schon deutlich besser.

Schon besser…

Rosch HaSchanah kam und mit ihm der Lockdown. Unsere Gemeinde hat ihre Beter in vier Gruppen unterteilt, zu denen man sich vorher anmelden musste. Ich habe draussen vor dem Gebäude gesessen und zum Gebet am ersten Tag Rosch Haschanah, der auf den Schabbat viel, sehr geschwitzt. Am Schabbat wird kein Schofar geblasen. Der Gabbai (Synagogendiener, der das Gebet organisiert) kam am Abend des ersten Tages zu mir und fragte mich, ob ich Schofar blasen könne. Derjenige, der eigentlich blasen sollte, wurde von der Polizei in die Quarantäne geschickt. Am Schabbat.

Kurzfristiger ging es nicht. Ich dachte: Ok, wenn Not am Mann ist, bin ich da (Frauen dürfen bei uns Orthodoxen leider keinen Schofar blasen). Ich brachte meinen Schofar am nächsten Morgen mit zum Gebet, bekam einen weissen Kittel übergeworfen und wurde an das Gebetspult gestellt. Dieser Kittel sieht aus wie eine Mischung aus Malerkittel und Schlafanzug und wird üblicherweise von Vorbetern und Schofarbläsern getragen. Ich sprach die Gebete für den Schofarbläser und die Segenssprüche und die Gemeinde wiederholte sie. Ich war aufgeregt. Mein Hebräisch ist okay, aber ich habe da Texte vorgelesen, die ich noch nie gelesen habe.

Nach den ganzen Segenssprüchen kamen dann die Schofartöne. Ich blas. Und blas. Und machte dabei Fehler und musste wiederholen. Der Gabbai war gnadenlos. Ich wurde nach einigen Tönen erlöst und von einem anderen Beter abgewechselt, der mit gleich zwei Schofarhörnern erschienen ist.

Ich hätte gerne noch mehr Töne geblasen, zumindest zum Schluss. Der Gabbai hatte das in Aussicht gestellt und dann kurzfristig umentschieden. Ich war ein wenig geknickt.

Zuhause erwartete mich meine Frau Jenny und die Kinder. Sie war zum ersten Mal überhaupt zu Rosch HaSchanah nicht in der Synagoge. Ich blas also für sie den Schofar. Aber nicht nur für sie. Unser Nachbar, der auch in Quarantäne ist, wollte ihn auch hören. Ich stand also auf dem Balkon, der Nachbar sprach die Segenssprüche und ich blies, bis mir die Lippen brannten. Die ganze Nachbarschaft hörte zu. Es gab Rufe der Zustimmung und sogar Applaus. Ich war zufrieden und hatte vergessen, dass ich kurz zuvor noch geknickt war wegen der Auswechslung.

Während des darauf folgenden wohlverdienten Mittagsschlaf klopfte es plötzlich an der Tür. Zwei mir völlig unbekannte Frauen standen dort und sagten: „Wir haben dich vorhin so schön Schofar blasen gehört. Wir sind unten im Hof mit jemandem, der so gerne den Schofar hören will und im Rollstuhl sitzt. Kannst Du kurz herunterkommen und für ihn blasen?“ Ich zögerte kurz (auch in Israel gibt es Mittagsruhe, und der Schofar ist laut!) und dann kam ich mit runter. Es war doch eine wichtige Mitzwah! Ich erwartete einen Alten im Rollstuhl, aber ich fand ein junger Mann Anfang zwanzig vor. Zwei Schläuche kamen aus seinem Kopf, der in einem Verband steckte und die Schläuche endeten in einer Aparatur. Der junge Mann konnte kaum sprechen oder gehen. Ich kam zu ihm (2m Abstand…) und als er mich sah, bestand er darauf, gestützt zu werden und aufzustehen, während ich den Schofar blase. Und ich blies und mir kamen dabei die Tränen.

Ich bin so froh, dass ich mir vor einen Monat den Schofar gekauft habe und gelernt habe, ihn zu blasen. Ich konnte Menschen damit berühren und wurde berührt. Und meine Kinder haben Rosch HaSchanah auch viel direkter erlebt als in den Jahren davor. Denn auch sie durften mal probieren, aus dem Horn einen Ton zu quetschen und waren dabei sogar relativ erfolgreich. Auch meine kleine Tochter! Orthodox hin oder her.

Wählen gehen zu den Hohen Feiertagen

wahl2017roshhashanahDie Hohen Feiertage im Jüdischen Kalender haben begonnen. Wie jedes Jahr drängen sich die einzelnen Feier- und Fasttage eng aneinander, warum manche auch von einem Feiertagsmarathon sprechen. Besonders in diesem Jahr, wo Rosch Haschanah auf Donnerstag und Freitag fallen und nahtlos in den Schabbat übergehen: Drei Tage am Stück nur Essen, beten und schlafen. Heute ist dieser Auftakt zu Ende gegangen.

Wir wünschten uns „Chatima Tova“ an Rosch Haschanah und dann „Gmar Chatima Tova“ zu Jom Kippur. Übersetzt heisst das: Mögest Du im Guten [ins Buch des Lebens] eingeschrieben werden“. Das vorangestellte „gmar“ steht für den Abschluss, das endgültige Urteil, das an Jom Kippur über uns gefällt wird.

Harter Tobak. Und vor allem einer, der komplizierte theologische Winkelzüge erfordert. Denn wie kann man abschließend eingeschrieben sein und dennoch einen freien Willen haben? Wozu noch Gutes tun und beten, wenn das Schicksal doch bereits beschlossene Sache ist?

Die Rabbiner lehren uns, dass man sich natürlich für das nächste Jahr wieder ein positives Urteil verdienen muss und dass man durch gute Taten und Gebet ein anderer Mensch wird. Ein Mensch, über den es noch kein abschließendes Urteil gibt.

Viele Menschen in Deutschland haben sich auch noch kein abschließendes Urteil darüber gebildet, wen sie morgen, am 24. September wählen sollen. Der Wahltag ist der Sonntag nach Rosch Haschanah und ausserdem der Fasttag Tzom Gedaliah, der den Verlust der Kontrolle über die Stadt Jerusalem betrauert. An diesem Tag wurde das Schicksal des Tempels in Jerusalem besiegelt.

Kontrollverlust ist auch eines der großen Themen des Wahlkampfes in Deutschland und am 24. September liegt die Kontrolle für kurze Zeit in der Hand der Wähler. Und es gibt noch viele Menschen in Deutschland, die vor ihr Urteil, für welche Partei sie ihr Kreuz machen werden, noch kein „gmar“ vorangestellt haben.

Rosch Haschanah ist der Tag, an dem wir Jahr für Jahr Gott wieder als unseren König krönen. Die Regierung des Landes hat mit den vier Jahren mehr Vertrauensvorsprung. Ich wünsche mir sehr, dass viele Menschen von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen. Dass sie wählen gehen und damit extremistischen Ansichten und Parteien die Stirn bieten. Dass sie die Demokratie lebendig halten, so wie wir jedes Jahr unsere jüdische Religion aufs Neue feiern.

Und genau wie wir Menschen, die wir zwar unser Schicksal am Yom Kippur besiegelt sehen und uns dennoch weiter bemühen müssen, genau so ist die Regierung in den vier Jahren ihrer Herrschaft nicht frei von Rechenschaft. So gesehen ist der theologische Winkelzug nichts anderes als das wirkliche Leben.

Ich habe in letzter Zeit immer öfter Menschen getroffen, die genervt sind von der Demokratie. Die sich eine kluge, handlungsfähige Führung wünschen, sei es eine Technokratie, Epistokratie oder eine Monarchie mit einem „guten“ Herrscher. Die hohe Zustimmung für Putin in Russland zeigt das deutlich, aber auch in Deutschland gibt es immer mehr Menschen, die solchen Ideen anhängen. Mich erschrickt das. Ich wünsche mir mehr Lust an der Demokratie, mehr Lust am rumnörgeln und Kompromisse finden. Das Ergebnis wird nie ideal sein, nicht mal immer zum Wohle der Mehrheit. Es ist wie das Leben. Nie perfekt, aber wunderbar.

Wir werden am Jom Kippur eingeschrieben ins Buch des Lebens. Und wir ergeben uns dennoch nicht unserem Schicksal. Und wenige Tage vorher sind die Deutschen aufgefordert, ihr Schicksal in die Hand zu nehmen. Und ich werde das aus Israel mit großem Interesse verfolgen. Leben die Deutschen die Demokratie? Schreiben sie Deutschland ein ins Buch des Lebens?

Schanah Tova! Frohes Neues Jahr!


Liebe Leser unseres Blogs, es ist schon wieder ein Jahr vorbei!

Wir wünschen euch allen ein süßes, ein erfolgreiches und ein gesundes Jahr 5778!

Chatima Tova und alles Gute!

Jenny und Eliyah 

P.S.: Am Sonntag Wählen gehen nicht vergessen! Für süße vier Jahre!