Wählen gehen zu den Hohen Feiertagen

wahl2017roshhashanahDie Hohen Feiertage im Jüdischen Kalender haben begonnen. Wie jedes Jahr drängen sich die einzelnen Feier- und Fasttage eng aneinander, warum manche auch von einem Feiertagsmarathon sprechen. Besonders in diesem Jahr, wo Rosch Haschanah auf Donnerstag und Freitag fallen und nahtlos in den Schabbat übergehen: Drei Tage am Stück nur Essen, beten und schlafen. Heute ist dieser Auftakt zu Ende gegangen.

Wir wünschten uns „Chatima Tova“ an Rosch Haschanah und dann „Gmar Chatima Tova“ zu Jom Kippur. Übersetzt heisst das: Mögest Du im Guten [ins Buch des Lebens] eingeschrieben werden“. Das vorangestellte „gmar“ steht für den Abschluss, das endgültige Urteil, das an Jom Kippur über uns gefällt wird.

Harter Tobak. Und vor allem einer, der komplizierte theologische Winkelzüge erfordert. Denn wie kann man abschließend eingeschrieben sein und dennoch einen freien Willen haben? Wozu noch Gutes tun und beten, wenn das Schicksal doch bereits beschlossene Sache ist?

Die Rabbiner lehren uns, dass man sich natürlich für das nächste Jahr wieder ein positives Urteil verdienen muss und dass man durch gute Taten und Gebet ein anderer Mensch wird. Ein Mensch, über den es noch kein abschließendes Urteil gibt.

Viele Menschen in Deutschland haben sich auch noch kein abschließendes Urteil darüber gebildet, wen sie morgen, am 24. September wählen sollen. Der Wahltag ist der Sonntag nach Rosch Haschanah und ausserdem der Fasttag Tzom Gedaliah, der den Verlust der Kontrolle über die Stadt Jerusalem betrauert. An diesem Tag wurde das Schicksal des Tempels in Jerusalem besiegelt.

Kontrollverlust ist auch eines der großen Themen des Wahlkampfes in Deutschland und am 24. September liegt die Kontrolle für kurze Zeit in der Hand der Wähler. Und es gibt noch viele Menschen in Deutschland, die vor ihr Urteil, für welche Partei sie ihr Kreuz machen werden, noch kein „gmar“ vorangestellt haben.

Rosch Haschanah ist der Tag, an dem wir Jahr für Jahr Gott wieder als unseren König krönen. Die Regierung des Landes hat mit den vier Jahren mehr Vertrauensvorsprung. Ich wünsche mir sehr, dass viele Menschen von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen. Dass sie wählen gehen und damit extremistischen Ansichten und Parteien die Stirn bieten. Dass sie die Demokratie lebendig halten, so wie wir jedes Jahr unsere jüdische Religion aufs Neue feiern.

Und genau wie wir Menschen, die wir zwar unser Schicksal am Yom Kippur besiegelt sehen und uns dennoch weiter bemühen müssen, genau so ist die Regierung in den vier Jahren ihrer Herrschaft nicht frei von Rechenschaft. So gesehen ist der theologische Winkelzug nichts anderes als das wirkliche Leben.

Ich habe in letzter Zeit immer öfter Menschen getroffen, die genervt sind von der Demokratie. Die sich eine kluge, handlungsfähige Führung wünschen, sei es eine Technokratie, Epistokratie oder eine Monarchie mit einem „guten“ Herrscher. Die hohe Zustimmung für Putin in Russland zeigt das deutlich, aber auch in Deutschland gibt es immer mehr Menschen, die solchen Ideen anhängen. Mich erschrickt das. Ich wünsche mir mehr Lust an der Demokratie, mehr Lust am rumnörgeln und Kompromisse finden. Das Ergebnis wird nie ideal sein, nicht mal immer zum Wohle der Mehrheit. Es ist wie das Leben. Nie perfekt, aber wunderbar.

Wir werden am Jom Kippur eingeschrieben ins Buch des Lebens. Und wir ergeben uns dennoch nicht unserem Schicksal. Und wenige Tage vorher sind die Deutschen aufgefordert, ihr Schicksal in die Hand zu nehmen. Und ich werde das aus Israel mit großem Interesse verfolgen. Leben die Deutschen die Demokratie? Schreiben sie Deutschland ein ins Buch des Lebens?

Ein Gedanke zu “Wählen gehen zu den Hohen Feiertagen

  1. „Mich erschrickt das.“ Mich auch. Was ist, wenn der „gute Herrscher“ sich dann als doch nicht ganz so gut erweist, oder gar als Versager? Der große Vorteil der Demokratie ist doch, dass man jeden Herrscher mit einem geregelten Verfahren auf friedliche Weise wieder los werden kann.

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