Fünf Jahre Aliyah

Aliyah!
Heute vor fünf Jahren, am 1.10.2010 habe ich Aliyah nach Israel gemacht. Aliyah nennt man die jüdische Einwanderung in die Heimat am Mittelmeer. Meine Schwester hat mich damals begleitet. Ich hatte den Termin beinahe vergessen. Zu viel ist gerade los: Hier stürmte es und das Land stand still, mein Sohn hat zum ersten Mal in seinem Leben Schnee erlebt und ich zum ersten Mal in Jerusalem. Und in Frankreich wurden Juden ermordet, weil sie Juden sind.
Vor fünf Jahren hat es nicht geschneit, als meine Schwester mich hier abgeliefert hat. Vor fünf Jahren war eine Aliyah aus einem Europäischen Land etwas einigermassen ungewöhnliches. Jetzt ist das anders. Ein paar Zahlen:
– 2014 sind 26.500 Neueinwanderer nach Israel gekommen, das sind 32% mehr als 2013 und ein Zehn-Jahres-Hoch.
– Zum ersten Mal in der Geschichte Israels führt Frankreich mit 7.000 Einwanderern die Rangliste der Ursprungsländer an. 2013 waren es noch 3.400 französische Juden, also hat sich die Zahl mehr als verdoppelt
– Den zweiten Platz hält die Ukraine mit 5.840 Neueinwanderern, was auf die Instabilität und die wirtschaftliche Lage dort zurückzuführen ist
– Zum ersten Mal seit des Bestehens Israels sind mehr Menschen aus freien Ländern eingewandert als aus Krisenregionen
– In 2015 werden mehr als 10.000 Neueinwanderer aus Frankreich erwartet. Diese Schätzungen wurden vor den Anschlägen auf Charlie Hebdo und den jüdischen Supermarkt gemacht. Es könnten also noch mehr werden.
– In Frankreich leben etwa 478.000 Juden. Das heisst in 2015 werden fast 2% dieser Juden das Land verlassen

Was sagen diese Zahlen? Nur in der Ukraine, wo 2014 etwa 9% der jüdischen Bevölkerung das Land verlassen haben, ist es für Juden noch ungemütlicher als in Frankreich. Und das auch nur prozentual, in absoluten Zahlen haben sich mehr französische Juden zur, ich nenne es mal: Flucht entschlossen. Und in der Ukraine ist es gerade für wirklich jeden ungemütlich. Juden haben im Gegensatz zu vielen anderen Ukrainern einen Staat, der sie mit offenen Armen empfängt.
Vor fünf Jahren bin ich hergekommen, um hier eine Familie zu gründen, damit meine Kinder sich nicht dafür werden schämen müssen, dass sie Juden sind. Damit sie nie aus Angst verbergen müssen, dass sie Juden sind. Das für sie jüdisch zu sein so normal ist, wie Mensch zu sein. Damit sie erst als Erwachsene begreifen, dass es in vielen Teilen der Welt problematisch ist, wenn man Jude ist. Frankreich ist einer dieser Orte. Und Deutschland? Ich bin jedenfalls froh, dass ich nach fünf Jahren hier einen Sohn habe, der zum ersten Mal Schnee in seinem Leben gesehen hat, ohne darüber nachzudenken, ob er nun Jude ist oder nicht.
Ich wurde mit offenen Armen empfangen. Dafür möchte ich allen Menschen hier danken. Ich freue mich auf die nächsten fünf Jahre, zusammen mit meiner Familie, die ich hier gegründet habe.

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