Kinderfreundliche Unternehmen

Ich gebe zu, das war mein Sohn.

Ende diesen Monats enden die Sommerferien. Die Kindergärten und Schulen öffnen wieder ihre Pforten. Die Urlaubszeit ist vorbei.

Auch wir freuen uns darauf, die Kinder endlich wieder in die Obhut eines Kindergartens geben zu können. Sonst ist es schwer bis unmöglich, berufstätig zu sein.

fertrateisrael
Quelle: Google

Viele Unternehmen in Deutschland werben damit, dass sie „Kinderfreundlich“ sind. „Elternfreundlich“ ist meiner Meinung nach das richtigere Wort, denn die Eltern sind es, die im Unternehmen arbeiten, nicht die Kinder. Oder neutraler „Familienfreundlich“. Das Unternehmen, für das ich arbeite, ist so ein familienfreundliches. Und damit ist es in Israel nicht allein. Bei einer Geburtenrate von über drei Kindern pro Frau würde ansonsten kein Arbeitgeber genügend Mitarbeiter finden.

Diesen Monat sieht man viele Kinder hier in den Büros. Auch mein Sohn hat schon einen Vormittag mit mir hier verbracht. In der Cafeteria holen sich Kinder zur Zeit regelmässig Kekse und heisse Schokolade, auf den Schreibtischen liegen Gemälde auf Büropapier und die Whiteboards werden von Katzenbildern geziert.

Ausserdem organisiert das Unternehmen ein Sommercamp für wenig Geld, um den Kindergarten zu ersetzen und veranstaltet Events mit Eiscreme und Spass für die Kinder im Firmengebäude.

Niemand rümpft die Nase. Niemand ist gestört vom Kinderlärm in den Büros. Niemand beschwert sich über das Chaos, das sie manchmal hinterlassen (ausser, als mein kleinster mal alle Birnen einzeln angebissen und dann in den Korb zurückgelegt hat).

Kinder- oder Elternfreundlichkeit ist Unternehmenskultur. Und die wird nicht von Oben diktiert, sie wird von den Mitarbeitern getragen und gelebt. Kein Gesetzt schreibt sie vor. Und das ist wahrscheinlich der Unterschied zu Deutschland, wo Arbeit und Kinder als unvereinbar gelten, trotz Gesetzen und Regelungen dazu.

Meine Vorgesetzte ist Mutter von fünf Kindern. Wäre dieses Land und dieses Unternehmen nicht so elternfreundlich, wäre sie wohl Hausfrau geworden und nicht Managerin in einem börsennotieren High-Tech Unternehmen.

Tachles: Religionskritik im TV

Im Tachles ist nach einer Pause mal wieder ein Text von mir erschienen. Es geht darin um Religionskritik von aussen. In dem Zusammenhang wende ich mich direkt an Markus Lanz, der Hamed Abdel-Samad in seiner Sendung zu Gast hatte:

Lieber Herr Lanz: Was wissen Sie schon vom Islam, dass Sie glauben, einem Gelehrten und Opfer dieser Religion die Leviten lesen zu müssen? Das ist doch eine religiöse Argumentation!

https://tachles.ch/news/religionskritik-im-tv

Hier der Link für Mobiluser.

Allheilmittel Integration?

integrationMeine Frau Jenny und ich hatten heute Morgen einen Streit. Es ging um Integration und sie haute mir Geschichten von gescheiterter solcher in den USA um die Ohren, wo es eine Gemeinde religiöse Juden gibt, in der kaum einer Englisch spricht und die sich komplett abgeschottet haben von der Umwelt.

Das hat (laut meiner Frau, ich habe die Geschichte nicht recherchiert) schreckliche Auswirkungen auf Frauenrechte und das sexuelle Selbstbestimmungsrecht der Menschen dort. Sie erzählte den Fall eines Transgendermannes, der von seiner Familie und Gemeinschaft verstossen wurde.

Ihr Standpunkt ist: Die müssen verdammt noch mal Englisch lernen! Auch in Deutschland wird von vielen Seiten verlangt, dass Neueinwanderer Deutsch lernen müssen.

Ich sehe das anders. Natürlich ist es unglaublich praktisch, die Landessprache zu sprechen. Ich bin Neueinwanderer in Israel und gebe mir redlich Mühe, Hebräisch zu lernen. Ich kenne aber auch Einwanderer, die es auch  nach 20 Jahren nicht über den Kassiervorgang auf Hebräisch an der Supermarktkasse hinausgebracht haben. Auch die sind Teil der Gesellschaft.

In den USA gibt es Gebiete, wo Englisch bestenfalls Zweitsprache ist. Das ist etwa in Chinatown so oder in den Hispanischen Gebieten im Süden der USA. Sind diese Menschen nicht integriert? Sind sie keine Amerikaner?

In Deutschland wiederum kann man perfekt Deutsch sprechen und ist dennoch nicht automatisch akzeptiert als Deutscher. Seinen „Migrationshintergrund“ wird man nicht mal dann los, wenn man ihn nur augenscheinlich hat, etwa weil die Hautfarbe „zu dunkel“ ist. Meine Frau selbst ist ein starkes Beispiel dafür. Sie wurde trotz perfektem Deutsch, ähnlicher Kultur und weisser Haut niemals als 100% Deutsch akzeptiert. Sie war und blieb die Jüdin aus der Ukraine.

Integration ist schön und durchaus erstrebenswert. Sie funktioniert aber nur, wenn beide Seiten sie wollen. Die meisten Deutschen aber verlangen die Integration nur von der anderen Seite, daher funktioniert sie auch so schlecht in Deutschland.

Ich glaube, wer in einem Land leben will, in das er eingewandert ist, muss genau zwei Dinge tun: Steuern zahlen und die Gesetze respektieren. Man kann zwar gerne mehr tun, aber auf keinen Fall weniger. Wer das nicht macht, der ist nicht funktionaler Teil der Gesellschaft: Etwa Salafisten, Nazis, Reichsbürger, Linksautonome, um nur einige davon zu nennen.

Aber Deutsch lernen? Gibt es denn keine Übersetzungen der Gesetzestexte? Vielleicht sollte man damit mal anfangen.

Vier mal missverstanden: Juden und Muslime

Mein Freund und Rabbiner Shlomo Bistritzky aus Hamburg ist, wie soll es anders sein, ein orthodoxer Jude. Er gehört der chassidischen Bewegung Chabad an und als solcher gibt er Frauen nicht die Hand. Genausowenig wie seine Frau Chani Männern die Hand gibt. Eine Berührung durch einen Arzt oder eine Ärztin hingegen etwa, ist kein Problem.

Bisher war das, bis auf ganz wenige peinliche Situationen, gut handlebar. Doch seit die Muslime in Deutschland so viel Gegenwind auch aus der Politik bekommen, wird es für die beiden schwieriger. Einer Frau nicht die Hand zu geben ist eine rote Linie, die man Muslimen gibt, die zwischen „moderat“ und „islamistisch“ unterscheiden helfen soll. Der Landesrabbiner aus Hamburg und seine Frau sind dabei ein Kollateralschaden.

Es gibt noch mehr, was wir Juden mit den Muslimen gemein haben, das vielen Europäern nicht schmeckt, egal ob links, rechts, oben oder unten. Das sind: Beschneidung, Schächten und Verhüllung von Frauen. Marine LePen in Frankreich etwa hat angekündigt, alle „unfranzösischen“ religiösen Praktiken und Symbole zu verbieten. Sie will damit die Muslime treffen und demütigen und die Juden gleich mit.

Und auf den ersten Blick nehmen sich Juden und Muslime nichts bei diesen Praktiken. Aber nur auf den ersten Blick.

1. Beschneidung

Die männliche Beschneidung wurde unserem Vorvater Abraham von G’tt geboten und sowohl Muslime als auch Juden halten sich an dieses Gebot. Kritiker werfen uns vor, dass wir unsere Kinder verstümmeln. Das stimmt zwar für die weibliche Beschneidung, die in manchen Kulturen, davon viele muslimisch geprägt, grausame Praxis ist, aber nicht für die männliche. Das wird jeder Arzt bestätigen, der mal eine Phimose durch Beschneidung behandelt hat.

Die Kritiker werfen uns auch vor, dass wir ein Trauma bei unseren Söhnen verursachen, von dem sie sich nie wieder erholen. Meine eigene Beschneidung war im Alter von 34 Jahren und war durchaus ein einschneidendes Erlebnis, das ich mir selbst auferlegt habe. Ich beschrieb es ausführlich in meinem Buch. Daher kann ich dieses Argument nicht einfach von der Hand weisen.

Meine beiden Söhne wurden, wie bei uns Juden üblich, am achten Tag nach ihrer Geburt beschnitten. Das Schmerzempfinden von Säuglingen ist komplett anders als das von Erwachsenen. So haben Säuglinge noch keine Vorstellung von ihrem eigenen Körper und können daher Schmerzen nicht lokalisieren. Ob nun der Fuss, die Brust oder der Penis verletzt wird, macht für sie keinen Unterschied. Die aktive Erinnerung beginnt erst ab einem Alter von frühestens drei Jahren. Auch verheilt die Beschneidung im Babyalter innerhalb von drei Tagen und hinterlässt keine sichtbare Narbe. Bei Erwachsenen dauert der Heilungsprozess sechs Wochen und der Schnitt muss genäht werden.

Muslime beschneiden ihre Kinder meist im Alter von acht Jahren. Schmerzempfinden, Lokalisierung, Erinnerung, alles das ist da bereits voll vorhanden. Das ist ein riesen Unterschied.

Auch wenn die Beschneidung egal in welcher Kultur auch bei einer gesunden Vorhaut medizinisch immer sinnvoll ist.

2. Schächten

Das Schächten unterscheidet sich vom regulären Schlachten hauptsächlich darin, dass das Tier nicht betäubt wird, bevor ihm die Halsschlagader durchtrennt wird. Das Tier durchlebt seinen Tod.

Der Tod durch Verbluten gilt als einer der angenehmsten überhaupt: Die Funktion der Organe wird langsam heruntergefahren, es gibt keine Atemnot, keinen zusätzlichen Schmerz ausser der, den die Wunde verursacht.

Doch: Beim Schächten wehrt sich das Tier. Das verursacht Stress beim Schächter und beim Tier. Daher ist es wichtig, diesen Vorgang so entspannt wie möglich zu gestalten.

Die Regeln für koscheres Schächten sehen vor, dass das Tier unverletzt sein muss. Auch muss das Messer rasiermesserscharf sein und darf keine unter der Lupe sichtbaren Scharten haben. So wird ein sauberer und schmerzarmer Schnitt gewährleistet.

Diese Regeln gibt es bei den Muslimen nicht. Das Messer kann schartig sein und so den Hals eher zerfetzen als zu zerschneiden und ich habe in Videos gesehen, wie den Tieren die Beine gebrochen werden, damit sie nicht flüchten und sich wehren können.

Das industrielle Schlachten in Deutschen Fabriken ist übrigens auch keine tierfreundliche Sache. Die Betäubung erfolgt maschinell und oft mittels Elektroschock und funktioniert nicht immer zuverlässig. Und genau wie beim Schächten ist das Tier am Ende tot.

3. Verhüllen

Warum verhüllen sich Frauen? Doch nur, weil Männer ihren Hormonhaushalt nicht unter Kontrolle haben. Ich empfehle dazu einen Artikel meiner Frau über das Burkiniverbot. Aber ein paar Unterschiede gibt es, auf die ich hinweisen will:

Im Judentum wird nie das Gesicht verhüllt, die Frau bleibt ein eigener Mensch mit eigenem Antlitz. Und die Haare bedecken ausschliesslich verheiratete Frauen und keine 12jährigen Mädchen. Die Hormonschwingungen von Männern beim Anblick von unverheirateten Frauen und Mädchen sind bei unseren Männern offenbar kein wirkliches Problem.

4. Hand geben

Es gibt ein Konzept im Judentum, das heisst „Schomer negia„, also die „Wahrung der Berührung“, doch nicht mal alle orthodoxen Juden halten sich immer daran. Es ist ein nachranginges Gebot und viele bewerten die Höflichkeit, eine angebotene Hand anzunehmen als wichtiger und höher als das Verbot, das andere Geschlecht zu berühren. Das Verbot gilt auch beiderseits: Weder darf ein Mann eine fremde Frau, noch eine Frau einen fremden Mann berühren.

Das muslimische Verbot wiederum wirkt auf mich frauenfeindlich und es geht dabei meines Erachtens nicht um die Wahrung der Berührung für den jeweiligen Partner als etwas intimes, besonderes, persönliches, sondern dient der Ausgrenzung der Frau.

Fazit

Bei allen vier Parallelen kann ich mich irren, vor allem, was die muslimische Sicht auf diese Praktiken ist. Ich lasse mich gerne eines Besseren belehren. Dennoch halte ich die Differenzierung für wichtig. Ich will als orthodoxer Jude nicht mit einem Salafisten in eine Schublade gesteckt werden und mich mit den selben roten Linien herumärgern müssen.

Burkiniverbot ist antisemitisch

IMG_1714.jpg
Mein Passfoto

Als ich nach der Hochzeit meinen deutschen Pass in Hamburg verlängern wollte, kam ich zum Einwohnermeldeamt mit meinem alten Pass, Passfotos und sonstigen Dokumenten. Nach langem Warten kam ich endlich zu einer Beamtin und gab ihr meine Unterlagen. Sie sagte wie aus der Pistole geschossen, ich könne auf dem Passfoto keine Kopfbedeckung tragen. Daraufhin erklärte ich ihr, dass gläubige jüdische Frauen nach der Hochzeit eine Kopfbedeckung tragen. Diese variiert vom Kopfband über Mütze bis zur Perücke. Die Beamtin schaute mich ungläubig und gleichzeitig begeistert an und sagte, sie müsse das überprüfen.

Nach einer Weile kam sie wieder und erzählte mir ganz begeistert, was sie darüber alles im Internet gefunden hat. Die Religionsfreiheit hat in meinem Fall gesiegt: Auf meinem Passfoto trage ich eine Kopfbedeckung.

Viele gläubige jüdische Frauen und Mädchen tragen Badeanzüge, die dem Burkini sehr ähnlich sehen. Daher ist der Burkiniverbot nicht nur ein Angriff auf die Religionsfreiheit der muslimischen Frauen, sondern auch der jüdischen.

lorifront
Koscherer Badeanzug für Frauen

Zwei große Diskussionen haben in den letzten Tagen und Wochen die Schlagzeilen beherrscht: Das Burkaverbot in Deutschland und das Burkiniverbot in Frankreich.

Wie passt es eigentlich zu unserer freiheitlich denkenden Gesellschaft, dass wir nur noch über Verbote sprechen? Manchmal kommt es mir vor, als wären unsere Grundrechte, etwa das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit und die Religionsfreiheit, anderen, zweifelhaften Werten untergeordnet worden. Gibt es etwa ein Recht auf freie Fleischbeschau an Europäischen Stränden, von dem ich nichts weiss?

In der Burka sehe ich persönlich eine eindeutige Unterdrückung der Frau. Wenn man eine Frau religiös zwingt, ihr Gesicht komplett zu verdecken, macht man aus einer Frau einen Gegenstand, der nicht mit der Außenwelt kommunizieren darf. Das finde ich widerlich.

Beim Burkini ist aber eine ganz andere Geschichte. Wenn eine Frau aus religiösen oder aus irgendwelchen anderen Gründen ihren Körper am Strand nicht komplett zeigen möchte, hat kein Mann oder Polizist das Recht, sie zum Ausziehen zu zwingen. Was ist das für eine Frechheit?

In Israel gibt es jede Menge Frauen in Burkinis und koscheren Badeanzügen an den Stränden. Der eine oder andere guckt vielleicht komisch, doch man respektiert die Freiheit auf religiöse Ausübung.

Wieso führt man eigentlich so viele Debatten über Frauen? Lasst uns doch mal darüber sprechen, wie die Männer der zivilisierten Gesellschaften am Strand angezogen sind.

Gut Schabbes Selfie – Pinchas

IMG_1273Mein letzter Gut Schabbes Selfie ist schon eine Weile her. Seit Pessach habe ich keinen mehr geschrieben. Ich weiss auch seit Pessach nicht so genau, zu welcher Parascha, also zu welchem Abschnitt ich etwas schreiben soll. Seit dem sind wir in Israel dem Rest der Welt einen Abschnitt voraus, denn währen wir schon Schabbat gefeiert haben, wurde ausserhalb Israels der letzte Tag von Pessach gefeiert. Wir lesen diese Woche „Pinchas“ während man etwa in Deutschland „Balak“ liesst (nein, nichts über Fussball). Bald werden zwei Abschnitte zusammen gelesen und so werden wir wieder eingeholt, aber diesen Schabbat noch nicht.

In Pinchas ist eine Stelle, die mir besonders gut gefällt. Es geht um fünf Damen: Machlah, Noah, Chogla, Milka und Tirza.
Sie fordern ihren Anteil am Land Israels ein, der ihnen verwehrt werden sollte, nur weil sie Frauen sind. Sie kamen zu Moses und verlangten ihr Recht. Moses sagte Nein. Sie kamen mit einem neuen Argument, und wieder sagte er Nein. Auch ein drittes Mal verwehrte er ihnen, was ihnen zustand. Danach erst konnten sie ihn überzeugen und er änderte seine Meinung.

Ist das nicht unglaublich? Moses, der größte aller Propheten sagt drei Mal Nein und diese mutigen Frauen widersprechen! Und er ändert seine Meinung, weil er versteht, dass sie Recht haben. Weil ihre Argumente gut sind, besser als seine!

Ausserdem sie sind die besseren Juden in dem Moment. Sie fordern ihren Anteil an Israel. Sie fordern, weiter zu gehen und nicht umzukehren. Sie wollen das jüdische Leben in Israel gestalten, während zur gleichen Zeit die Männer laut klagen über den Weg durch die Wüste und nach Ägypten zurück wollen.

Chabad, eine jüdische, chassidische Gruppe, die man wohl „ultra-orthodox“ nennen kann, schreibt auf ihrer Webseite (english) einen wunderbaren Text darüber, wie im Judentum die Frau bisher zu sehr unterdrückt wurde und dass uns der Wochenabschnitt Pinchas eines besseren belehren sollte.

Unsere Religion ist nicht statisch. G-tt sei Dank. Und nächste Woche lest ihr das auch ausserhalb Israels in der Synagoge.

Klagen über ein gemischtes Doppel an der Mauer

feminismus
Das Kapitel Feminismus in meinem Buch „Wie werde ich Jude

Die Westmauer oder Kotel, spöttisch Klagemauer genannt, ist das letzte Überbleibsel des zweiten Tempels.

Uns Juden sind Orte nicht heilig. Nur die Torah ist es. Wenn ein Haus als Synagoge genutzt wird, dann hat es dadurch eine Heiligkeit, die aber verschwindet, sobald die Juden, die dort beten und die Torah, die sie dort gelernt haben, auch verschwunden sind.

Die Westmauer in Jerusalem ist eine Ausnahme, zumindest nach der Meinung einiger Rabbiner. Sie hat eine eigene Heiligkeit, die vom Tempel herrührt und dem besonderen Ort, an dem sie ist. Dort ist die Aufopferung Isaaks passiert, dort träumte Jakob seinen Traum von der Himmelsleiter und dort ist die ewige Schchina, die Anwesenheit G’ttes, angezeigt durch die Tauben, die dort fliegen. Sie ist damit unser einziges, wahres und ewiges Heiligtum auf der Welt.

soldiers_western_wall_1967
Zion Karasanti, Yitzhak Yifat und Haim Oshri, IDF Fallschirmjäger an der Westmauer kurz nach ihrer Befreiung. Dieses berühmte Foto wurde fotografiert von David Rubinger

Im Sechs-Tage-Krieg hat die IDF die Kotel von den Jordaniern befreit. Seit dem ist sie ein nationales Symbol für die Befreiung Jerusalems, eine Open-Air-Synagoge und Pilgerort (nicht nur) für Juden aus der ganzen Welt.

Der Zutritt ist nach Geschlechtern getrennt. Nicht nur das, der Bereich für Männer ist ungleich größer als der für Frauen. Das liegt daran, dass die Kotel eine orthodoxe Synagoge ist. Dagegen gab und gibt es immer wieder Widerstand, am prominentesten durch die „Women of the Wall“ Aktivistinnen. Mit einer ihrer Anführerinnen haben wir mal gemeinsam Schabbat gefeiert.

Jetzt hat der Staat Israel sich dem Druck gebeugt und ein Areal für das Gemeinsame Beten von Männern und Frauen in Aussicht gestellt.

Das klingt gut und gerecht. Ich bin trotzdem dagegen.

Das Judentum, vor allem das orthodoxe, kennt keine Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern. Ich habe mich, als ich selbst orthodox geworden bin, damit auseinandersetzen müssen, den tief im Herzen bin ich ein Feminist. Noch immer. Daher war auch das Kapitel über den Feminismus in meinem Buch für mich das so ziemlich schwierigste, das ich geschrieben habe.

Ich will das Kapitel hier nicht wiedergeben. Wen es (hoffentlich) interessiert, dem empfehle ich einfach mal unverfroren den Kauf meines Buches. Es lohnt sich. Zusammenfassend sage ich dort: Frauen und Männer müssen gleichwertig sein und nicht zwingend gleichberechtigt.

Mein Grund, warum ich gegen das neue Areal bin, ist aber ein anderer.

Wer in Deutschland mal in einer Einheitsgemeinde wie etwa in Hamburg oder Berlin war, dem wird aufgefallen sein, dass dort nach orthodoxen Riten gebetet wird, die Männer und Frauen getrennt sind, aber mit Abstand die meisten Juden, die dort hinkommen am Schabbat mit dem Auto vor der Tür parken. Sie sind also nicht orthodox. Warum lassen sie sich die Bevormundung durch die orthodoxen gefallen? Das ist doch geradezu undemokratisch!

Ist es nicht. Denn Demokratie heisst nicht „die Meinung der Mehrheit wird immer durchgesetzt„, sondern oft auch einfach „der kleinste gemeinsame Nenner wird gefunden„. Und das ist bei einer Synagoge eben die Orthodoxie. Sie erlaubt es jedem, egal wie religiös er ist, die Synagoge zu besuchen und dort zu beten. In eine Synagoge mit gemischtem Gebet wäre das nicht möglich, die orthodoxen Juden, so wie auch meine Frau und ich, wären aussen vor.

Wenn es aber genügend Juden gibt in einer Stadt, dann gibt es für jedes Plaisier eine eigene Synagoge. In Jerusalem beispielsweise findet man alles in jeder Schattierung, sogar orthodox-egalitär und liberal-getrennt. Wenn es aber schwierig ist, überhaupt genügend Juden zu versammeln, dann muss die Synagoge allen passen, die da sind. In Kiel etwa ist das eine liberale Gemeinde, in Hamburg eine orthodoxe.

Die Kotel ist unser heiligstes, wie ich oben schon ausgeführt habe. Ich will auch nicht den reformierten oder liberalen Juden absprechen, dass ihnen die Kotel heilig ist, wie das ein anderer Kommentator getan hat. Auch für nichtreligiöse Israelis ist sie ein nationales Symbol. Aber es gibt nur eine Kotel für alle und daher muss sie dem kleinsten gemeinsamen Nenner genügen. Und der ist orthodox mit Geschlechtertrennung. Das neue Areal sollte lieber den Frauen zugeschlagen werden, denn das würde deutlich mehr Frauen zugute kommen, als die gemischte Extrawurst.

Wenn es nach den Wünschen einer Mehrheit von Israelis aus Tel Aviv ginge, wäre dort wahrscheinlich eher ein Beachclub oder ein Café.

 

Beach-FirstStation-3
Der alte Bahnhof in Jerusalem „Hatachana Harischona

Das zerrissene Mutterherz

FullSizeRender

Als Kant sagte: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“, ahnte er vielleicht nicht, was das für Frauen zur Folge hat. So glücklich wir, die zivilisierte Welt über die Aufklärung und ihre Folgen sind, umso mehr sind wir innerlich zerrissen über die Möglichkeiten der modernen Welt.

Vor der Aufklärung hatten die meisten Frauen kaum eine Wahl: Ihnen wurden fast alle Entscheidungen abgenommen. Etwa, wen sie heiraten werden oder wie viele Kinder sie bekommen. Auch der Job war meist vorherbestimmt, entsprechend des Standes, in den man geboren wurde. Da Frauen weder wählen noch studieren durften, hatten sie auch hier keine Entscheidungen zu treffen.

Obwohl ich eine leidenschaftliche Feministin bin, gibt es Tage an dem ich mir die Welt von vor Kant zurück wünsche.

Heutzutage stehen Frauen vor allerlei Entscheidungen, bei denen sie sich ihres eigenen Verstandes bedienen müssen.

Entscheidungen wie: Was studiere ich? Wann studiere ich? Sollte ich während des Studiums Kinder kriegen oder erst danach? Kann ich in dem von mir gewünschten Beruf arbeiten und gleichzeitig eine Familie gründen? Will ich überhaupt Karriere machen? Wenn ich Karriere mache und Kinder haben will, wie schaffe ich beides gut? Wieviele Kinder will ich? Die Liste der Fragen könnte ich noch lange erweitern. Die eine oder andere Frage haben sich andere Frauen bestimmt auch schon gestellt.

Dass wir in Israel leben, hat für die Familienplanung viele Vorteile aber auch große Nachteile. Da in Israel so ziemlich jede Frau, unabhängig von der sozialen Schicht, im Schnitt drei bis vier Kinder hat, ist es gesellschaftlich und beruflich sehr einfach. Man unterstützt sich gegenseitig, tauscht sich aus und Arbeitgeber stellen Frauen ein, unabhängig davon, ob sie verheiratet sind oder nicht. Wenn sie nicht schon Kinder haben, werden sie auf jeden Fall welche bekommen.

Die Nachteile sind finanzieller Natur. Anders als in Deutschland, bekommt man in Israel kein Elterngeld, der Mutterschutz dauert ganze drei Monate und vom Kindergeld kann man sich nicht mal die Windeln leisten. Und das Leben ist hier generell ungleich teurer.

Doch die Fragen, die ich oben gestellt habe, beschäftigen hier die Frauen genauso wie in Deutschland.

Zu meinem Nachteil vielleicht, kann ich es mir nicht vorstellen, ausschließlich Hausfrau und Mutter zu sein. Das hat was mit meiner Natur zu tun. Außerdem ist es eine sehr stressige und körperlich anstrengende Arbeit. Leider habe ich es nicht geschafft, fertig zu studieren, bevor ich Mutter wurde.

Nach fünf Jahren in Israel und sechs anstrengenden Umzügen innerhalb des Landes, stehe ich vor der Zerrissenheit zwischen meinen verschiedenen Leben.

Ich habe zwei tolle Jungs in die Welt gesetzt. Mein Mann unterstützt mich sowohl in familiären als auch in beruflichen Dingen. Ich bin gerade dabei, mir meinen Traum zu erfüllen und eröffne demnächst eine Gesellschaft, die sich für Deutsch-Israelische Beziehungen und Frauenrechte einsetzen wird.

Auf der anderen Seite gibt es aber noch die Hausarbeiten in der Uni, die nicht fertig sind, obwohl das Studium quasi vorbei ist. Ich beneide all die Frauen, die viel organisierter sind als ich es bin und es irgendwie schaffen Kinder zu kriegen, zu studieren und Karriere zu machen.

Jeden Tag frage ich mich: Soll ich weiter machen mit allen meinen unmöglichen Zielen, zugleich eine gute Mutter zu sein, eine gute Ausbildung abzuschliessen und noch dazu mit meiner Arbeit, die nicht weniger will, als Welt zu verbessern? Oder soll ich nur eines davon sein? Den manchmal habe ich das Gefühl, ich schaffe das alles nicht.

Ach Kant, die Welt war vor dir für Frauen so viel einfacher… Und schlechter.

 

Herkunft und Pressekodex

tumblr_nj8bb5tkys1u2qrtko1_500

Köln und Hamburg am 1. Januar war ein Wendepunkt in Deutschlands Presselandschaft.

Der Pressekodex verbietet die Nennung der Herkunft, Religion oder Überzeugung von Tätern, wenn sie für die Erklärung der Tat unerheblich sind (Richtlinie 12.1). Das ist sehr richtig und wichtig. Ich will nicht, wenn etwa ein Jude in einen Betrugsskandal verwickelt ist, dass die Zeitungen ihn in diesem Zusammenhang als solchen bezeichnen. Das ist einleuchtend.

Die Grenze, ab wann es als Unerheblich galt, wurde vor allem für Nordafrikaner und Araber so weit verschoben, dass es schon fast unmöglich war, die Herkunft auch nur anzudeuten. Das hat sich seit dem 1. Januar geändert.

Auf ein Mal ist die Herkunft interessant. Aber warum? Wenn ein Nazi eine Straftat begeht, dann interessiert es mich nicht, ob er in Magdeburg oder in Wuppertal geboren ist. Wenn er in Berlin Marzahn wohnt, würde das zwar einiges nahelegen, aber selbst diese Information ist nur bedingt interessant. Mich interessiert aber seine Ideologie. Denn als Nazi begeht man andere Verbrechen als ein Bankräuber.

Die Religionsfreiheit ist ein hohes Gut. Jeder muss das Recht haben, an jeden Quatsch zu glauben, den er will. Ob Scientologen, Katholiken, Muslime, Juden oder Buddisten, jeder hat das Recht auf seine eigene Unvernünftigkeit und auch das Recht, alle anderen als die eigene Religion beknackt zu finden. Ich persönlich halte das Judentum für die einzig wahre Religion. Das sage ich ganz ohne Ironie. Ich weiss aber auch, dass ich mich darin grotesk irren kann und gestehe jedem daher seine eigene Irrung zu. Sogar den Katholiken.

Religion ist keine Rasse oder Staatsangehörigkeit. Sie ist eine Überzeugung. Viele „erben“ ihre Religion zwar von ihren Eltern, was sie auch zu einer Herkunft macht, aber im Gegensatz etwa zur Hautfarbe, kann man die Religion wechseln oder ablegen.

Religion ist eine Ideologie, die einen Gott hat. Es gibt Ideologien, die wir mit Recht verachten. Die Nazi-Ideologie ist so eine. Es gibt Ideologien, in deren Namen schlimme Verbrechen begangen wurden. Der Kommunismus ist so eine, genau wie der Katholizismus, insbesondere der Spanische. Und es gibt Ideologien, in deren Namen Frauen vergewaltigt werden.

Wenn in Deutschland, in Köln, in Hamburg und in vielen anderen Orten Frauen angegangen, geschlagen, verachtet, erniedrigt, vergewaltigt und sogar getötet werden, weil sie Frauen sind, dann will ich wissen, welche Ideologie dahinter steckt. Der Pressekodex verbietet das nicht, denn es besteht ein „begründbarer Sachbezug“. Nur so sind die Anhänger dieser Ideologie in der Pflicht, sich selbst zu hinterfragen, sich zu entwickeln. Genau wie der Katholizismus. Obwohl der auch noch Arbeit vor sich hat.

Dass jetzt die Herkunft dieser Verbrecher genannt wird, verstösst immer noch häufig gegen den Pressekodex. Die Ideologie zu verschleiern, ist und war aber ein Fehler.

Wer unter Online-Artikeln von großen Zeitungen, die die Herkunft der Täter thematisieren die Kommentare liest (die, die nicht wegmoderiert wurden), der merkt schnell, dass man vor allem als Jude nicht glücklich sein kann über diese Artikel. Da kommentieren doch tatsächlich Menschen, die offenbar der Bedienung eines Computers mächtig sind, also zumindest eine Grundbildung genossen haben, dass Nordafrikaner nur deshalb nach Deutschland kommen, weil wir Juden das eingefädelt haben, um die Deutsche Rasse zu vernichten. Manchmal wünscht man sich für solche Leute die Spanische Inquisition zurück. Und sei es nur, um über sie zu lachen.