TAZ mag doch Rabbiner. Ein bisschen.

TazHeader
Screenshot TAZ.de

Die TAZ hat reagiert. Viele Zuschriften an die Redaktion, unter anderem von der Jüdischen Gemeinde in Hamburg, dem Zentralrat der Juden in Deutschland und vielen anderen, hat die TAZ zum Nachdenken gebracht. Viele haben dabei auch auf meinen Text verlinkt, auf den der TAZ-Text direkt Bezug nimmt.

Die TAZ beknirscht sich also und rudert zurück. Der ursprüngliche Artikel ist von der Webseite verschwunden und ein neuer Text mit Entschuldigungen und Erklärungen ist online. Ich habe Respekt davor. Fehler einzugestehen ist nie leicht, vor allem nicht öffentlich.

Allerdings war es in diesem Fall fast unausweichlich. Die inhaltlichen Fehler wie die falschen Personalien im Text mussten richtig gestellt werden. Auf die hatte ich mich in meinem Blog-Eintrag gar nicht bezogen, sie zeigen aber wie schlampig die Journalistin und die Redaktion gearbeitet haben. Daher verwundert es kaum, dass ihnen erst im Nachhinein aufgegangen ist, dass ein Wort wie „gleichgeschaltet“ zu benutzen grundsätzlich keine gute Idee ist und insbesondere im Zusammenhang mit Judentum in Deutschland mehr als eine einfache Entgleisung ist.

Die Entschuldigung dafür ist dementsprechend eindeutig ausgefallen. Das ist auch gut so. Aber für den Rest des Artikels finden sich Abwiegelungen und etwas fadenscheinige Relativierungen. So sagen sie zum Vorwurf, Chabad eine Nähe zur Siedlerbewegung in Israel angedichtet zu haben nur, dass Chabad sich eben auch nicht distanziert habe. Sie verlinken als Nachweis auf eine Seite von chabad.org, die sich unkritisch mit jüdischen Bewohnern Judäas und Samarias beschäftigt.

Ein Facebook-User wollte das nicht auf sich beruhen lassen und hat direkt nachgefragt, ob es Belege für die Behauptung gäbe. Die persönliche Antwort an ihn war eindeutig und ich vermisse sie im Artikel auf taz.de:

Lieber xxxxxxxxxxxxx,

leider haben wir keine Belege für die Behauptung, Chabad unterstütze „massiv radikale jüdische Siedler in den besetzten palästinensischen Gebieten“. Wir haben die Information, die in anderen seriösen Quellen und auch schon verschiedentlich in der taz unwidersprochen behauptet wurden, offenbar zu leichtfertig und ohne sie weiter auszuleuchten weiterverbreitet. Wenn Sie dazu Rückfragen haben, melden Sie sich gern.

Mit den besten Grüßen

Wie gesagt, ich freue mich, dass die TAZ Einsicht zeigt, wenn auch nicht die Autorin des Textes selbst. Dennoch bleibt es halbherzig und, wie die Überschrift „Die falsche Sprache benutzt“ zeigt: Es geht ihnen dabei hauptsächlich um die Form und nicht um den Inhalt.

Dass die TAZ diesen Text, wo es um Deutsche Juden in einer Deutschen Stadt, die in Deutschland Rabbiner ordinieren geht, in den Kontext „Schwerpunkt Nahost-Konflikt“ (siehe Screenshot) stellen, zeigt, dass dort noch einiges in der Redaktion an Denkarbeit zu leisten ist. Hoffen wir das Beste.

TAZ mag keine Rabbiner

Dammtor Bahnhof

Ganz in der Nähe des des Bahnhofs Dammtor in der Rothenbaumchausse befindet sich das Chabad Zentrum in Hamburg. Dort wurde mit der finanziellen Unterstützung des jüdischen Unternehmers Garegin Tsaturov das Rabbinerseminar „Or Jonathan“ etabliert. Das Publikationsnetzwerk sz:h hat einen schönen Artikel mit vielen Hintergrundinformationen dazu geschrieben. Ich werde daher die dort genannten Details hier nicht wiederholen.

Ich beim Morgengebet zu Gast im Chabad-Zentrum Hamburg

Der Landesrabbiner Shlomo Bistritzky leitet das Rabbinerseminar (Kollel). Er gehört der Chassidischen Gruppe Chabad an, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Jiddischkeit in die Welt zu tragen. Rabbi Shlomo kommt aus Israel und ist mit seiner Frau Chani vor Jahren nach Hamburg gekommen, um dort diesem Ziel und der Gemeinde zu dienen. Als Chabad-Mitglied hat er mit viel Gegenwind kämpfen müssen, vor allem aus dem alten Gemeindevorstand. Aber die Gemeindemitglieder mögen ihn. Sie mögen seine offene Art, die jedem das Gefühl gibt, willkommen zu sein. Was mich nicht überrascht, aber offenbar für manche unvorstellbar ist, es kommt auch ein Hamburger lesbisches Paar, von denen eine der Frauen eine Kippa trägt, gerne zu Rabbi Shlomos Veranstaltungen.

Unvorstellbar ist das offenbar für Petra Schellen von der TAZ. In ihrem Artikel schreibt sie daher gefühlte Wahrheiten (oder auch alternative Fakten) über Chabad und das Rabbinerseminar und gibt schulmeisterlich Ratschläge, wie die Juden in Deutschland und speziell Hamburg zu leben haben.

Ein paar Dinge will ich hier richtig stellen:

  1. Chabad ist orthodox, aber keine „ultra-orthodoxe Sekte“, wie Schellen behauptet. Eine Sekte separiert sich von Rest der Glaubensgemeinschaft. Chabad tut das Gegenteil. Für sich selbst wählen sie einen „ultra-orthodox“ anmutenden Lebensstil, aber sie erwarten von niemandem, das auch auf sich zu nehmen. Das kann ich aus eigener Erfahrung mit Chabad bezeugen.
  2. Chabad sei den Liberalen suspekt und will aus den Einheitsgemeinden „orthodoxe“ Gemeinden machen, schreibt Schellen. Die Einheitsgemeinden in den meisten Deutschen Städten sind seit je her orthodox geführt und dienen allen Juden, egal welcher Ausprägung. Wäre das nicht so, würde man Juden wie mich, die orthodox leben und Juden, die eine andere Entscheidung für sich getroffen haben, voneinander trennen. Das kann in niemands Interesse sein. Vor allem, da wir nur noch so wenige Juden in Deutschland haben. Chabad will und wird das nicht ändern. Wozu?
  3. Das Rabbinerseminar in Hamburg sei nicht nötig, schreibt Schellen weiter. Wie bitte? Wer entscheidet das? Es gibt nur ein Rabbinerseminar in Berlin, das orthodoxe Rabbiner ausbildet. Das ist genug für ein ganzes Land? Und Schellen entscheidet das auf welcher Grundlage? Das beste Gegenargument liefert sie sogar selbst: Alle Absolventen haben sofort eine Stelle gefunden. Bedarf scheint also da zu sein.
  4. Schellen kritisiert, dass die Studenten des Rabbinerseminars aus anderen Städten stammen. Wie absurd dieser Vorwurf ist, wird jedem bewusst, der sich seine Uni nach Inhalten und nicht nach Standort aussucht. Garegin Tsaturov hat das Seminar finanziert und sich für Hamburg entschieden. Ich kenne seinen persönlichen Grund dafür, aber der tut nichts zur Sache.
  5. Chabad unterstütze laut Schellen radikale Siedler in Israel. Das ist absolut falsch. Chabad ist unpolitisch. Das „Kvar Chabad“ in Israel (Chabad-Dorf) ist in der Nähe Tel Avivs neben dem Flughafen und weit weg von der „Grünen Linie“. Das hat sich Schellen einfach ausgedacht, um Chabad zu diskreditieren. „Siedler“ ist ein Schimpfwort unter Linken.
  6. Zu guter Letzt nimmt Schellen noch das Wirt „gleichgeschaltet“ in den Mund. So ekelhaft es ist, diese Bezeichnung zu verwenden, so sehr verwundert es, da sie doch weiter oben im Text kritisierte, dass es jetzt verschiedene Rabbinerseminare gibt.

Falls irgendjemand bei der TAZ das hier liest: Euer Text ist an Peinlichkeit kaum zu überbieten. Und wenn ihn jemand antisemitisch nennt, dann werde ich nicht widersprechen. Ihr nennt ja auch jeden, den ihr nicht mögt einen Siedler. Totschlagargumente unter sich.

Update 25.5.2018

Die TAZ hat den Artikel kommentarlos offline genommen. Immerhin.

Siedlergewalt in Deutschen Medien

zeitonline

Die Onlineausgabe der ZEIT hat einen bemerkenswerten Artikel von Mirjam Fischer  über den Antisemtismus in deutschen Medien, allen voran die Süddeutsche Zeitung, veröffentlicht. Er endet mit folgendem Absatz:

Das Thematisieren antisemitischer Israelkritik bleibt heikel, auch weil es schnell als Medienschelte abgehandelt wird. Auf den Kulturseiten der SZ wählt Gustav Seibt in seiner Besprechung des Nahost-Buchs In der freien Welt von Norbert Gstrein vielsagende Worte, die er als Einreden auf zweiter Ebene bezeichnet: „Wer Israel zu leidenschaftlich kritisiert, gerät in den Verdacht des Antisemitismus.“ Ja, genau so ist es. Und das hat Gründe.

Ich hoffe, die zuständigen Redakteure bei der SZ, der TAZ, SPON und anderen Medien, lesen diesen Text und nehmen ihn sich zu Herzen.

http://www.zeit.de/kultur/2016-04/israelkritik-antisemitismus-medien-sueddeutsche-zeitung-10nach8